Gartengold, flüssig

5. Dezember 2009, 17:00
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Sie haben richtig gesehen: Die Herrschaften rechts erleichtern sich auf Strohballen - Warum? Das enthüllt Ute Woltron

In Großbritannien bewegt zurzeit eine Frage nicht geringer Tragweite die Gemüter. Sie lautet: "To pee or not to pee?" Niemand Geringerer als der National Trust hoch selbst hat die Debatte ins Rollen gebracht.

Seit kurzem sind die Gärtner von Wimpole Hall, einem der prächtigsten Parks Englands, dazu angehalten, sich auf Strohballen zu erleichtern. Sie tun das zurückhaltend freilich nur außerhalb der Besuchszeiten. Denn, so Tamzin Phillips vom Trust: "Wir wollen das Publikum ja nicht verschrecken."

Doch dieses, so offenbarte die auf höchstem Niveau in Sachen Klimaschutz, Ressourcenschonung und Ökologie geführte Debatte, zeigt sich ohnehin großteils hocherfreut über den zusätzlichen physiologischen Input, den die braven Parkpfleger ab sofort in Britanniens Gartenerbe einbringen.

Denn zum einen findet man es begrüßenswert, dass die Gärtner auf diese Art und Weise das Toilettenwasser sparen. Und zum anderen weiß man seit Jahrhunderten, dass Urin das flüssige Gold des Gärtners ist. Das regelmäßige Anludeln eines Komposthaufens kann, darin sind sich Verrottungsexperten einig, gar nicht hoch genug gepriesen werden. Urin wirkt besser als jeder industriell hergestellte Kompostaktivator. Stickstoff ist hierbei die wichtigste Ingredienz, gleich gefolgt von Kalium. Das Ganze in Strohballen aufgefangen und in der Folge in die Komposthaufen eingebracht - das ist der Plan.

Komposthaufendüngen

Neu daran, so meldeten sich professionelle Gärtner lapidar zu Wort, sei lediglich, dass dieses althergebrachte Prinzip nun öffentlich diskutiert werde. In ihren Reihen sei das Komposthaufendüngen vor und nach der Teestunde bereits seit ewig Zeiten ein gut eingeführter Brauch.

Und die Gärtnerinnen? Die, so war an anderer Stelle zu vernehmen, wüssten sich ebenfalls zu helfen. So wie meine alte Tante Friedi, Gott hab sie selig, die stets die schönsten Pelargonien und Petunien der gärtnernden Großfamilie zog.

Friedi, hieß es sommers stets, wenn man, von Blumenorgien umgeben, auf ihrem Balkon bei Kaffee und Kuchenbergen saß: Wie machst du das nur? Warum blühen deine eindeutig immer schöner und üppiger als die der anderen?

Jahrelang zog sie dann die Augenbrauen schnippisch hoch, schackerte ihr geheimnistuerisches Lachen, schenkte Kaffee nach und genoss ihr Geheimnis.

Komposthaufenanludeln

Irgendwann, da war sie schon alt, gestand sie schließlich: ein Kübel an stillem Ort. Die Verdünnung zumindest eins zu acht - und fertig sei der natürliche Flüssigdünger, der Pelargonien und Petunien so prächtig erblühen lasse. Im vermeintlich verklemmten Großbritannien hat das Komposthaufenanludeln nun tatsächlich eine ökologische Debatte in Sachen Umgang mit menschlichen Fäkalien ins Rollen gebracht. Hierzulande wäre so etwas niemals möglich.

Hier werden Leute nachgerade verhöhnt, wenn sie etwa an das ökologische Fiasko des täglichen Schnitzelkonsums erinnern. Der Humus der Geschichte, er wird uns irgendwann daran erinnern. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/04/12/2009)

Wenn Sie sich in die

Materie vertiefen wollen, hier zwei Buchempfehlungen: Carol Steinfeld befasst sich in ihrem bereits 2004 erschienenen Buch Liquid Gold: The Lore and Logic of Using Urine to Grow Plants sozusagen mit den Tugenden der "kleinen Seite". Es geht aber auch größer: Joseph Jenkins beschreibt in seinem 2006 erschienenen Humanure Handbook: A Guide to Composting Human Manure, wie man gleich alles, was der Mensch verdauungsmäßig von sich gibt, in einen sinnvollen Kreislauf der natürlichen Prozesse einschleusen kann. Wenn man will. Und genau dort ist die britische Debatte zwischenzeitlich gerade angekommen.

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