Klimawechsel an der Nordsee

3. Dezember 2009, 16:59
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In Bremerhaven kann man durch die Klimazonen der Erde reisen, ohne dafür ins Flugzeug steigen zu müssen - mit Ansichtssache

Frühmorgens auf der Bywald-Alm. Feuer knistert unter einem Kupferkessel, Werner Infanger rührt frische Kuhmilch, Enkel Matthias legt Holzscheite nach. Zu warm darf die Milch nicht sein. Sie dickt langsam ein, wird mit der Käseharfe zu Bruch geschnitten, im Järb läuft die Molke ab. Übrig bleibt eine weiße Masse, die gesalzen im Erdkeller zum Käse reift. So wie jeden Sommer halt, an der Nordsee ist das exotisch.

Es sind Filmszenen im neuen Erlebnismuseum Klimahaus 8° Ost in Bremerhaven. Besucher reisen hier einmal um den Globus, entlang des achten Längengrads immer gen Süden bis zur Antarktis und zurück nach Norden auf dem 171. Längengrad, über die Korallenriffe Samoas und die Tundra Alaskas. Neun Stationen auf rund 40.000 Kilometern, im Klimahaus legt man sie in zwei, drei Stunden zu Fuß zurück.

Eben noch hat man ein Matjesbrötchen mit ordentlich Zwiebeln am Fischimbiss gegessen, und schon steht man in den Urner Alpen, am Uri-Rotstock-Massiv, rund 750 Kilometer südlich von Bremerhaven, gleicher Längengrad. Besser gesagt, man steht vor einer originalgetreuen Kulisse - ein acht Meter hoher Gletscher aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Aus dem Eis ragen Steine, der Gletscher schmilzt, die Steine lösen sich, auch das eine Abbildung der Realität. In einem Nebenraum erfährt man, warum das zu einem ernsten Problem für die Bergbauern wird. Man liest, dass die Temperatur in den Schweizer Alpen in den vergangenen 150 Jahren um ein Grad angestiegen ist und die vergletscherten Flächen in dieser Zeit von 1800 auf nunmehr 1300 Quadratmeter zurückgegangen sind.

Dass der Blüemlialpfirn in der Nähe der Bywald-Alm von Jahr zu Jahr kleiner wird und in 50 Jahren wohl nicht mehr als ein Geröllfeld übrig sein wird. Vorausgesetzt die Schneegrenze in den Alpen steigt bis dahin tatsächlich um 200 Meter, was Wissenschafter voraussagen. Unten in Isenthal haben die Bewohner schon jetzt mit Steinschlägen zu kämpfen, viele Straßen in der Region waren im vergangenen Jahr unpassierbar, man versucht mit Stützbauwerken, Aufforstung und Steinschlagnetzen gegen die Symptome vorzugehen.

Die Alpen und ihre Probleme verlässt man im Klimahaus mit ein paar Schritten durch eine Gletscherhöhle. Die Wände vereist, Raumtemperatur ein paar Grad unter null, die Kälte kriecht einem den Rücken hinauf. Kurz darauf steigt man in eine Gondel und kommt nach Sardinien, wo einem heißer Scirocco-Wind ins Gesicht weht. Die Reise durch die Klimazonen der Erde wird im Klimahaus zu einem sinnlichen Erlebnis. Man steht plötzlich mitten im nächtlichen Regenwald von Kamerun, hört Vögel und Affen lärmen, spürt Blätter auf der Haut. Und betritt kurz darauf eine feuchtheiße Flusslandschaft, Mangroven, eine Holzbrücke, bunte Fische im armtiefen Wasser. Wissenschafter haben sie eigens im Moko-Fluss in Kamerun eingefangen und hertransportiert (und dabei laut Pressemitteilung internationalen Artenschutzabkommen entsprochen). Im Nebenraum ein Baumstumpf mit einer Motorsäge, Thema Abholzung. Gefilmte Dorfszenen, die Leute diskutieren über Naturschutz und die Chancen des Tourismus.

200 Stunden Filmmaterial haben der Bremer Architekt Axel Werner und der amerikanisch-israelische Filmemacher Ben Zion Goldbergh von einer monatelangen Reise auf dem achten Längengrad mitgebracht und zusammengeschnitten zu Szenen, Geschichten und Interviews, die davon erzählen, wie Menschen in den unterschiedlichen Klimazonen leben. Man begegnet alaskischen Robbenjägern und lernt das Leben der Tuareg-Nomaden in der trockenen Sahelzone kennen. Ein Raum, 200 Quadratmeter Wüste, vor Ort kartografiert und in Bremerhaven nachgebaut. Unter den Füßen der Wüstensand, man hört Berbermusik, spürt die Hitze, 38 Grad Raumtemperatur. In der Antarktis nichts als Eis, weiße Endlosigkeit, sechs Grad unter null. Am Strand von Satitoa steht eine überwachsene Kirchenruine, die Leute haben das Dorf verlassen und sind ins Landesinnere von Samoa gezogen, weil der Meeresspiegel steigt. Man taucht hier ein in die Südsee, geht durch ein Saumriff vor der Küste Samoas. 380 Kubikmeter Aquarien, eine tropische Unterwasserwelt mit Zebramuränen und Kugelfischen. Doch die ersten Anzeichen von Korallensterben sind zu erkennen, eine Inszenierung aus Beton.

Erlebnisreise um den Globus

Die Erlebnisreise um den Globus ist nur einer von vier Ausstellungsteilen im Klimahaus. Im zweiten Teil "Elemente" veranschaulichen mehr als einhundert interaktive Exponate, wie Klima physikalisch funktioniert und Klimaphänomene entstehen. "Perspektiven" erklärt den Wandel des Klimas von der Vergangenheit bis in die Zukunft. Aus dem Jahr 2050 melden sich die Protagonisten der Dokumentarfilmszenen noch einmal fiktiv zu Wort und berichten von den Auswirkungen des Klimawandels, die sie bis dahin erlebt haben.

Zum Beispiel im Niger. Mariam, die im Dokumentarfilm noch ein junges Mädchen ist, schildert, wie mit den Jahren die Brunnen austrockneten und die Nomaden immer weiter umherstreifen mussten, um Nahrung für ihre Tiere zu finden. Sie erzählt von Kämpfen um knappe Ressourcen und vom Flüchtlingslager der Uno, in das sie 2045 umsiedeln mussten. Grundlage für all diese Prognosen sind die Aussagen des Weltklimarats zu den Auswirkungen des Klimawandels. Wenn in Zukunft neue Erkenntnisse veröffentlicht werden, soll auch die Ausstellung aktualisiert werden. "Die Präsentationen werden laufend auf dem neuesten Stand gehalten", sagt Nawrath. Das in Bremerhaven ansässige Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung und andere Forschungseinrichtungen wie etwa das Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg beraten die Ausstellungsmacher.

Das Klimahaus liegt in der neuen touristischen Mitte Bremerhavens, im Dreieck zwischen Deutschem Schifffahrtsmuseum, Zoo am Meer und Deutschem Auswandererhaus. Nach dem Rückgang der Hafenwirtschaft wurde das Areal um den Alten und Neuen Hafen konsequent touristisch ausgebaut und auf den Kunstnamen Havenwelten getauft. Erst im vergangenen Jahr wurden hier das Vier-Sterne-Hotel Sail City, das für seine Ähnlichkeit mit dem segelförmigen Burj al Arab in Dubai-Stadt bekannt wurde, und das Einkaufszentrum Mediterraneo eröffnet. Und jetzt ist auch noch das Klima eingezogen. Es ist die neue Hauptattraktion in Bremerhaven. "Das Klimahaus ist durch seine Größe und auch inhaltlich etwas ganz Neues für Bremerhaven", sagt Jochem Schöttler, Leiter von Bremerhaven Touristik. Um die 600.000 Besucher sollen pro Jahr kommen und sich interaktiv unterhalten lassen. "Die Resonanz ist schon jetzt überwältigend, auch im Ausland", sagt Schöttler. Die Bremerhavener Attraktion tritt ja auch nicht gerade bescheiden auf. Die 11.500 Quadratmeter Ausstellungsfläche sind an einem Tag kaum zu bewältigen, geschweige denn zu verarbeiten. Außen musste es eine organische Bauform sein mit einer Fassade aus 4700 unterschiedlich geformten Glasscheiben. Für Bremerhaven ist der touristische Umbau damit abgeschlossen und die Stadt ein gutes Stück näher ans Wasser gerückt - und an das Ziel, sich als wichtigstes Städteziel an der Nordsee zu etablieren. Man hofft jetzt sogar, zu einem "Schmelzpunkt" der Klimaforschung und des öffentlichen Interesses zu werden, man will Klimakongresse herholen, Seminare anbieten.

Dafür musste der vierte Ausstellungsteil "Chancen" her. Hier soll sich der Besucher mit dem eigenen Klimaverhalten beschäftigen und Tipps an die Hand bekommen. Internationale Klimaschutzabkommen werden erklärt und Energieverbraucher im Haushalt entlarvt, oder es wird vorgerechnet, wie viele Treibhausgase ein Fernflug verursacht und wie man diese wieder kompensieren kann. "Wir wollen zeigen, dass man schon mit kleinen Maßnahmen viel erreichen kann und Klimaschutz häufig nur eine Frage des Nachdenkens ist", sagt Nawrath. Die Bremer Klimaschutzagentur Energiekonsens hat für die Ausstellung eigens einen Klimarechner entworfen, mit dem jeder Besucher ein persönliches CO2-Konto anlegen kann, das er hinterher über ein Profil im Internet weiter pflegen kann. Wenn es nach den Organisatoren geht, ist er ohnehin schon klimafreundlich mit der Bahn angereist, wie auf der Website empfohlen. "Wir wollen die Leute sensibilisieren, aber ohne erhobenen Zeigefinger", sagt Heumer. Und tatsächlich, man verlässt die Ausstellung mit dem Gefühl im Bauch, dass sich etwas verändert auf dieser Welt und man selbst dabei eine Rolle spielt.

"Wenn jemand im Urlaub das Klimahaus besucht, hinterlässt das sicherlich Spuren, die zu mehr Offenheit gegenüber Klimafragen im Alltag führen können", sagt Patrick Hofstetter, Klimaexperte des WWF. "Es ist erfreulich, dass man den Besuchern auch Gedankenanstöße zum eigenen Verhalten mitgeben will, da spüren wir bei den Menschen im Moment einen sehr hohen Aufklärungsbedarf." Das Klimahaus geht damit einen Schritt weiter, als Wissenschaft nur zu illustrieren. Die Betreiber selbst setzen auf intelligente Gebäudetechnik, um trotz des hohen Energieverbrauchs für Multimedia und Klimasimulationen eine vertretbare Klimabilanz präsentieren zu können.

So wird überschüssige Raumhitze über einen Wasserkreislauf in den Betondecken abgeleitet, Energiepfähle im Boden sorgen für Wärme im Winter und Kühlung im Sommer, Solarzellen auf dem Dach produzieren Strom für einen Ausstellungsteil, der Rest wird aus Wind- und Wasserkraftanlagen zugeführt. Die CO2-Bilanz liegt laut Betreiber so bei 400 Gramm pro Besucher. Nicht viel für eine Reise um den Erdball, die per Flugzeug sonst 14 Tonnen CO2 verursachen würde. (Mirco Lomoth/DER STANDARD/Rondo/4.12.2009)

  • Das Klimahaus, das im Hafenareal liegt, setzt auf eine intelligente Gebäudetechnik, um selbst eine vertretbare Klimabilanz liefern zu können.
Mehr Bilder vom Klimahaus gibt's in dieser Ansichtssache.
    foto: jan rathke/kimahaus bremerhaven

    Das Klimahaus, das im Hafenareal liegt, setzt auf eine intelligente Gebäudetechnik, um selbst eine vertretbare Klimabilanz liefern zu können.

    Mehr Bilder vom Klimahaus gibt's in dieser Ansichtssache.

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