Dunkel hat Pause

6. Dezember 2009, 17:09
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Vergangene Woche drehte man allein in der Wiener Kärntner Straße 550.000 Lichtlein auf - Michael Hausenblas nahm das zum Anlass und tauchte ins weihnachtliche Lichtermeer ein

Würden sich Caspar, Melchior und Balthasar dieser Tage vom Wiener Graben aus auf den Weg nach Bethlehem machen, sie wären ohne Navi aufgeschmissen. Was derzeit an weihnachtlichem Gefunkel über heimischen Einkaufsstraßen abgeht, würde die Ortung ihres Wandersterns zu einer äußerst heiklen Sache werden lassen. Grund dafür ist neben dem offensichtlich jährlich wachsenden Bedürfnis nach "größer, heller, mehr" die Initiative Light up, die 2005 von Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank gestartet wurde und im Rahmen deren seit 2006 in Zusammenarbeit mit der Stadt Wien und den Kaufleuten 3,9 Millionen Euro in neue Beleuchtungskonzepte für insgesamt 27 Wiener Einkaufsstraßen gepumpt wurden. In Summe gehen heuer über 43 Wiener Straßen Weihnachtslichter auf, darunter erstmals auch über dem Naschmarkt.

Insgesamt leuchten heuer in Wien allein 2,3 Millionen LED-Lichtlein. Gestalterisch wird dabei auf heimisches Design gesetzt: So entwarf unter anderem das Duo Lucy.D seine Interpretation von Engelsflügerln rund um den Meiselmarkt, Sebastian Menschhorn ließ in der Favoritenstraße seine Lichter aufgehen, und Robert Rüf erleuchtete die Meidlinger Hauptstraße.

Rentierchen oder Leuchtfadenlook

Wie es aber jedem recht machen, lautet die Frage, die sich die Gestalter stellen müssen, lange bevor der Stromhebel für ihre Installationen zum ersten Mal umgelegt wird. Der eine Passant steht auf Rentierchen samt Schlitten, der andere auf Flockiges, der dritte mag den schlichten Leuchtfadenlook, und einem anderen geht's überhaupt nur auf die Nerven.

Designer Rainer Mutsch ist gestalterisch für die vor einer Woche on air gegangene Illumination in der Wiener Kärntner Straße verantwortlich. 550.000 Lichtlein (LED) mehr leuchten seit vergangener Woche über der Einkaufsstraße. Sie sind an 54 Lichtelementen angebracht, die an futuristische glitzernde Kaulquappen, an Engelsflügerln, ein dreidimensionales Paisley-Muster oder an Flugzeugtragflächen im Querschnitt erinnern könnten. Die Interpretationshoheit bleibt natürlich der Weihnachtsstimmung des Betrachters überlassen. Offiziell sieht man die "Crystal Lights" als Neuinterpretation "edler Kronleuchter", die zusätzlich durch leuchtende 3-D-Sterne in ihrem Inneren und sanft wechselnde Illumination auffrisiert sind. Vier bis sechs Meter breit und 3,7 Meter hoch sind die Objekte, verbunden sind sie durch in Summe 48 Kilometer lange, von Hand geknüpfte Kristallschnüre. Gekostet hat die luftige Dekoration eine Million Euro. "Auf Symbole wie Engel oder Glocken wollte ich verzichten. Mir ging es darum, die Straße an sich hervorzuheben, ohne die Seitenstraßen völlig zu ignorieren. Dies soll dadurch funktionieren, dass die Objekte zum Teil in diese hineinragen. Die Elemente sollen einzelne Punkte betonen und doch eine Art Lichtfluss entstehen lassen. Das klappt mit dieser Formgebung sowie der Aufhängung auf verschiedenen Ebenen besser als beispielsweise mit einer Flockenform", so der Gestalter Rainer Mutsch, der neben Fragen der Form und Atmosphäre auch andere Probleme zu lösen hatte. Man denke an technische Auflagen wie Montage- und Lagereigenschaften, Punschvandalen, den Lieferverkehr und den zähen Strom der Shopping-Herde. Außerdem soll die Installation auch bei Tageslicht etwas hermachen.

Staunen und fotografieren

Und was bringt das Ganze, abgesehen von der Aufhellung der Weihnachtsstimmung so mancher Passanten? "Das sieht man doch, wenn man an den Menschentrauben vorbeikommt, die staunen und fotografieren", sagt Robert Karrer, von Blachere Illumination, einem Unternehmen, das sich Weltmarktführer im Funkelbusiness nennen darf. Neben dem Wiener Graben, der mit seinen Lustern als "größter Ballsaal der Welt" interpretiert werden soll, der rot-pummeligen Rotenturmstraße, der Kärntner Straße und vielen anderen Plätzen illuminiert das Unternehmen auch den Eiffelturm oder die Champs-Élysées. "Eine Weihnachtsbeleuchtung mit dem richtigen Konzept und der richtigen Vermarktung zieht einfach Menschen an", sagt Karrer, Blachere-Geschäftsführer für Deutschland und Österreich. An einen Overkill denkt der Oberösterreicher nicht, "ganz im Gegenteil, durch mehr Augenmerk auf Design, die größeren technischen Möglichkeiten und dadurch, dass das Ganze immer leistbarer wird, werden noch viele Straßen auf diesen Zug aufspringen." Auch in Sachen Energieeffizienz hat Karrer seine Argumente, zu Hilfe kommt ihm dabei die LED-Technologie. So wurde zum Beispiel heuer der Graben auf LED umgestellt. Dadurch sind die Luster etwas erblasst, dafür betragen die Energiekosten pro Saison anstatt 8160 Euro nur mehr 1360 Euro, weiß man bei der Wirtschaftskammer Wien. Auf der Mariahilfer Straße leuchten noch Glühbirnen, Energiekosten für die ganze Straße: circa 7500 Euro. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/04/12/2009)

  • Weihnachtsbeleuchtung in der Wiener Innenstadt.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    Weihnachtsbeleuchtung in der Wiener Innenstadt.

  • In Summe gehen in Wien in Sachen Weihnachtsbeleuchtung heuer allein 2,3
Millionen LED-Lichtlein auf. Es funkelt vom Flügerl bis zur
Future-Flocke.
    foto: derstandard.at/gedlicka

    In Summe gehen in Wien in Sachen Weihnachtsbeleuchtung heuer allein 2,3 Millionen LED-Lichtlein auf. Es funkelt vom Flügerl bis zur Future-Flocke.

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