Jeder ist seine eigene Weinjury, findet Luzia Schrampf
"Was schmeckt an einem Wein mit 18 Punkten, der Erster wurde, denn nun so anders als an einem mit 17,5, der damit nur Siebenter wurde? Und warum werden 90 Punkte bejubelt, aber 87 nicht?" Best-of-Listen und andere Rankings, in denen Weine nach welchen Gesichtspunkten auch immer gereiht werden, erleichtern das ohnehin bereits hektische Leben. Die Listen werden ausgeschnitten, im nächsten Weingeschäft vorgelegt, auf dass man die Nummer eins erstehe. Nummer zwei, drei oder vier - selbst wenn sie in einem Ranking von hundert Besten eines Weintyps, einer Region, eines Landes stehen - interessieren dabei nur noch wenige.
Denkt man in Schulnoten, würden 18 und 17,5 Punkte, auch 90 und 87 bei weitem ausreichen, um bestens dazustehen. Beim Wein mag der Unterschied nun in der Intensität liegen oder auch darin, wie genau z. B. ein bestimmter Weintyp getroffen wurde, der in einer Verkostung, verdeckt oder offen, zum Zeitpunkt X vom Verkoster Y oder der Jury Z abgefragt wurde. Einzelverkoster à la Robert Parker oder René Gabriel, die Urteile nach ihren persönlichen Kriterien fällen, können persönliche Geschmacksvorlieben treffen - oder auch nicht. Ist eine Kommission am Werken, kommt logischerweise eine Durchschnittswertung heraus: Bei der Austrian Wine Challenge beispielsweise suchen sechs Verkoster den besten unter den eingereichten Weinen in Kategorien wie Riesling bis 12,5 Volumsprozent nach einem Berechnungssystem, das möglichst viele äußere Unwägbarkeiten ausschalten soll.
Rankings als Hilfsmittel
Weinbewertungen haben als nicht unwesentlichen Nebeneffekt direkte wirtschaftliche Auswirkungen. Je öfter ein Wein genannt wird, je internationaler, je größer die Bedeutung des Rankings - desto stärker wird er nachgefragt. Nicht nur von privaten Weinfans, auch von Sommeliers und Einkäufern, die nicht immer die Zeit aufbringen, um in jeder Region alles durchzuprobieren, und die Rankings als Hilfsmittel benutzen.
Ob man die Größe des Tropfens nun nachvollziehen kann oder nicht, ist dennoch eine sehr persönliche Sache. "Schmeckt / schmeckt nicht" sind durchaus legitime Urteile, die man für sich selbst fällen soll. Und dazu sind Rankings im Grunde da: Sie sind ein Vorschlag, ein Anreiz, sich mit Weinen, die sich auf die eine oder andere Art bewährt haben, selbst zu befassen. (Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/20/11/2009)