Grassrootguerilla

14. November 2009, 17:00
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    foto: pixelio

    Nächtens schwärmen sie aus und bringen Brachen zu neuer Blüte.

Guerilla Gardening ist eine uralte Betätigung mit neuem Namen, die auch hierzulande Wurzeln fasst, sagt Ute Woltron

Ein Beispiel aus Wien: Als in den U-Bahn-Stationen der Bundeshauptstadt das Rauchverbot die dort aufgestellten Aschenbechercontainer überflüssig machte, wurden die nicht gleich entsorgt, sondern erst einmal mit Nichtraucher-Warnklebern unschädlich gemacht.

In eines dieser sinnlos gewordenen Behältnisse pflanzte irgendwann ganz unbemerkt ein unbekannter Guerilla-Gärtner eine kleine Blume, und zwar eine gelb-rote Studentenblume. Und neben das Rauchen-verboten-Pickerl klebte er oder sie ein Schildchen mit einer Gießkanne: Anonyme Pflege also erwünscht und erlaubt.

Man stelle sich vor: Nächtens schwärmen kleine Truppen geheimer Gärtnerinnen und Gärtner in die Stadträume aus, versenken Blumenzwiebeln in Baumscheiben, graben brachliegende Erdflächen um, pflanzen Stauden und Gräser, streuen Samen auf Unkrautflächen, bewirtschaften verwaiste Blumentröge, machen ehedem versiffte Hinterhöfe zu grünen, blühenden Stadtoasen.

Friedlich-subversive Stadtbewegung

Was in den USA bereits seit Jahrzehnten wächst und zu einer friedlich-subversiven Stadtbewegung wurde, schlägt langsam aber sicher auch in Europa Wurzeln: Untereinander verbündete Garten-Guerilleros verwandeln Brachland zu Gärten.

Richard Reynolds, der über die erstarkende Bewegung eben ein Buch herausgebracht hat, liefert die Definition: "Guerilla Gardening ist die unerlaubte Kultivierung von Land, das jemand anderem gehört." Zusatz: Land, das nicht genutzt wird.

Der Londoner Reynolds hat seine Outlaw-Pflanzungen vor fünf Jahren begonnen. Zitat: "Ich fing damit an, die Beete der Hochhaussiedlung, in die ich gerade gezogen war, wieder herzurichten. Erst nach und nach arbeitete ich mich bis in andere Viertel Londons vor, oft Stätten alter Glorie, für die sich keiner mehr zuständig zu fühlen scheint."

Pastinaken, Karotten und Bohnen

Tatsächlich ist die Geschichte des Guerilla Gardenings nicht neu. Als einen der ersten Akte dieses zivilen Ungehorsams kann man die Aktion eines verarmten britischen Textilfabrikanten ansehen, der im Jahr 1649 die Bewegung der "Diggers" gründete. Diese "Buddler" besetzten brachliegendes königliches Land und bauten Pastinaken, Karotten und Bohnen an, um das eigene Überleben zu sichern.

Der heute moderne Begriff Guerilla Gardening stammt aus dem New York der frühen 70er-Jahre. Die junge Künstlerin Liz Christie hatte beobachtet, wie auf einer Misthalde Paradeiser aus dem Müll sprossen, was sie auf die Idee brachte, ein 1700 Quadratmeter großes, von Gerümpel, Schutt und Autowracks übersätes Areal Ecke Houston und Bowery, ohne lang um Erlaubnis zu fragen, in einen prachtvollen Stadtgarten zu verwandeln. Den gibt es heute noch. Als geschützten, offiziellen, privat betreuten Gemeinschaftsgarten. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/14/11/2009)

Tipp
Richard Reynolds hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Art Sprachrohr dieser keineswegs einheitlichen, jedoch den Globus umspannenden Bewegung entwickelt. Sein Buch Guerilla Gardening - Ein botanisches Manifest ist auf Deutsch bei Orange Press erschienen und kostet 20 Euro. Reynolds legt darin die Geschichte der Garten-Guerilleros dar, bringt zahllose Beispiele aus aller Welt, erklärt diverse juristische Aspekte und gibt lebensnahe Tipps für alle, die auf diese Art gegen Müll und Flächenversiegelung ankämpfen oder einfach Blumen blühen lassen wollen. Weitere Infos auch unter www.guerillagardening.org

jumpingjack flash
02
23.11.2009, 10:45

sympathisch - allerdings bin ich ein fan von "unkraut".
mein schönster spielplatz war neben der donauwiese (vor inselzeiten!) eine "gstättn" dort wo jetzt die nordbrücke uf den handelskai trifft.
ich mag wenn sich grüne pioniere über flächen hermachen. es wär auch billig und schöner als die von der stadt "gepflegten" grünflächen. nur alle meine bitten an politiker es doch mal etwas verwildern zu lassen blieben leider ungehört.

Club-der-dichten-Toten
00
23.11.2009, 13:51

G'stettn gibt's noch genügend. War erst wieder ein Universum d'rüber. Und wenn man - so wie ich - häufig auf der Donauinsel (im Süden, bis Höhe Praterbrücke) unterwegs ist, weiß man diese nahezu unberührten Flecken erst recht zu schätzen.

jumpingjack flash
00
23.11.2009, 15:16

also donauinsel eher NUR west oder ost oder?- ich meinte eher die gstättn im verbauten gebiet - also kleine stücke wo aus welchen gründen auch immer wildwuchs aufkommt.
einmal wurde eine wiese vom stadtgartenamt "vergessen" - diverse blumen, wildes getreide ect. wuchsen innerhalb kurzer zeit - schön! ich schrieb an die bezirksvorstehung das könne man durchaus so lassen - kurz danach wurde sie gemäht - das zu kurze gras wurde braun und die bisher unsichtbaren hundstrümmerln alle sichtbar.
ps.: gstättn gibts nur mehr wenige!

A Voice
00
19.3.2010, 13:21
auf dem Margaretengürtel

wurde die Gstättn belassen. Meines wissens, weil darunter Sondermüll gefunden wurde beim Aufgraben. Typischer Fall von Mixed Blessing.

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