Prost Most

31. Oktober 2009, 17:00
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Selbst naturtrübe Witterungen halten uns niemals vom Mostpressen ab, berichtet Ute Woltron

Professionelle Mostbauern arbeiten so: Die haben riesige Maschinen. In die füllen sie oben Äpfel und Birnen ein. Irgendwo im Inneren dieser respekteinflößenden Gerätschaften wird das Obst "gemahlen" und gepresst. Und unten zapfen sie dann den Most ab - in vielen Hundertliterkontingenten, weil drunter fangen die gar nicht einmal an.

Wir sind keine Mostbauern. Tatsächlich würde jeder von denen angesichts dessen, was wir herbstens mit Äpfeln und Birnen treiben, gackernd das Weite suchen. Oder der Anblick würde sie nervös machen.

Aber wir finden, dass wir mittlerweile auf einem etwas niedrigeren Niveau ebenfalls eine Professionalität erreicht haben, die zumindest gänzlichen Nicht-Most-Bauern Respekt abringen könnte, und die sind immerhin in der überwältigenden Mehrzahl. Oder sind Sie neben- oder hauptberuflicher Mostbauer? Dann lesen Sie bitte nicht weiter.

Folgendermaßen legen also wir das Mostpressen an: Wir beobachten die Witterung. Wenn es auch am dritten aufgrund des Obstreifegrades presstechnisch optimalen Wochenende immer noch regnet, pfeifen wir drauf und pressen trotzdem. Wozu gibt es große Sonnenschirme und Gummistiefel.

Obstklauben

Ohne lang zu diskutieren peitschen wir unsere Kinder auf die regennasse Weide und klauben Obst. Nach etwa zwei Stunden geben sie das Jammern auf und finden das Obstklauben eh klass.

Sodann entzünden wir ein Feuerchen und lassen zur Belohnung Gulaschsuppen in Kesseln blubbern. Da sowieso bereits seit mehreren Wochen Obstmühle und Presse bereitstehen, vom Regen gut gespült, lassen wir uns dabei Zeit und schauen, wer mit Semmelstücken die Teller am saubersten kriegt. Sind wir Hektiker, oder was? Auf das Mostpressen muss man sich einstimmen. Immerhin macht man das nur ein Mal im Herbst, und das hat zum Beispiel zur Folge, dass man übers Jahr stets vergisst, in welche Richtung die Obstmühle den geschredderten Äpfelbirnengatsch fontänenartig auswirft. Es ist selbstverständlich immer die andere. Aber das bringt endlich Bewegung in die Runde, weil mit Starkstromgerätschaften ausgeworfener Äpfelbirnengatsch echt was kann, in Haar und Auge.

Dann in die Presse mit dem Zeug - und schön langsam drehen. Die ersten Liter werden sofort testend konsumiert und von allen, wie immer, für den besten Most aller Zeiten erklärt. Wobei der Vorteil des nichtprofessionellen Mostbauern unter anderem darin besteht, dass jede Pressung in individuellen Mischungen erfolgen kann. Das Apfel-Birnen-Verhältnis entsteht hier im wahrsten Sinne des Wortes handverlesen. Auch kann man Sortensäfte herstellen, zum Beispiel mit den Gravensteinerapferln von der Omagotthabsieselig.

Orgiastische Schweinerei

Das Wichtigste am Mostpressen sind aber die Mostpresserinnen und Mostpresser selbst. Wenn da Zicken dabei sind, ist alles aus. Wenn eine anfängt, die Äpfel einzeln zu waschen und zu polieren, wenn ein anderer sie nach schwarzen Flecken absucht oder der Nächste mit verbotenerweise mitgebrachten Taschenmessern nach Würmern im Obst zu stochern beginnt, hat man die falsche Truppe beieinander.

Mostpressen ist eine orgiastische Schweinerei, und nur Nichtzimperlinge sind ihr gewachsen. Solche, die überall Hand anlegen, ohne lang zu quatschen. Mit denen füllt man dann bis Mitternacht wohlgelaunt abgekochten Most in Flaschen. Blöd nur, dass dann die Gulaschsuppe aus ist. Wird nicht mehr vorkommen. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/30/10/2009)

Tipp

Sollten Sie den Weg des unprofessionellen Mostbauern einschlagen wollen, wozu wir Ihnen selbstverständlich gratulieren, weil es geisteskrank ist, tonnenweise Obst auf den Wiesen verrotten zu lassen, während tonnenweise Obst über den halben Globus gekarrt wird, dann folgender Ratschlag: niemals die Mostflaschen, auch wenn der Inhalt abgekocht sein sollte, mit Schraubverschlüssen oder anderen starren Konstruktionen ganz dicht machen, sondern lieber die guten alten Gummistoppeln verwenden. Eine explodierende Mostflasche, wir haben das hier bereits einmal erwähnt, ist ein Mordinstrument. Mit Gummistoppel verschlossen hält der Most genauso gut, aber die ploppen einfach weg, wenn er zu gären beginnt.

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    Das Wichtigste am Mostpressen sind aber die Mostpresserinnen und Mostpresser selbst.

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