Hier kommt der Jetset

29. Oktober 2009, 17:42
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Die derzeit am häufigsten kopierte Mode ist jene von Balmain - Stephan Hilpold über einen Designer, der alles anders macht, und seine einflussreichen Freunde

Hypes gehören zur Mode wie High Heels und Hämorrhoidencreme. Letztere schmieren sich die Models unter die aufgequollenen Augen, damit diese abschwellen. Mit Hypes verhält es sich genau umgekehrt: Die Mode setzt alles daran, immer wieder einen neuen zu entfachen.

"Balmania" nennt sich das neueste Fieber, das die Modebranche seit einiger Zeit erfasst hat. Seinen Ausgang genommen hat es in Paris, genauer in der rue François 1er. Hier ist der Stammsitz von Balmain, einem der traditionsreichsten französischen Modehäuser. Nach dem Tod von Pierre Balmain im Jahre 1982 gaben sich die Designer die Klinke in die Hand, um der luxuriösen Linie des Hauses eine neue Gestalt zu geben. Am erfolgreichsten dabei war der amerikanischen Designer Oscar de la Renta.

So richtig in der Gegenwart ist die Marke aber erst in den vergangenen Saisonen angekommen, und verantwortlich dafür ist ein Designer, der vorher bei Paco Rabanne werkte, dessen Namen außerhalb der engen Grenzen der Mode aber kaum einer kennt. Aus dem einfachen Grund, weil sich Christophe Decarnin so gut wie nie blicken lässt. Auch sonst macht der 45-Jährige so ziemlich alles anders, als es im Lehrbuch steht.

Revitalisierung

Im Kapitel "Wie revitalisiere ich eine traditionsreiche Marke" ist normalerweise viel vom sachten Umgang mit dem Erbe eines Labels zu lesen: von der Zusammenführung der Vergangenheit und der Zukunft. Dieses Kapitel dürfte Decarnin übersprungen haben. Er blättert lieber in Rock-'n'-Roll-Postillen, vorzugsweise in solchen aus den 80er-Jahren.

Die zerfetzten und mit Nieten besetzten Jeans aus jener Zeit finden sich auch in seinen Kollektionen wieder. Sie sind eine perfekte Vermählung der Disco-Ära mit der Vintage-Verliebtheit unserer Tage. Zwei Kleidungsstücken hat Decarnin seinen Stempel aufgedrückt: dem Damenjäckchen, dessen Schultern er spitz in die Höhe zieht und das einmal als enge Biker-Jacke und einmal als Frackjäckchen daherkommt, und dem Cocktailkleid. Dessen Siegeszug in den vergangenen Saisonen hat in erster Linie mit dem schüchternen Franzosen zu tun - und all jenen, die ihn pausenlos kopieren. Der Hype rund um Balmain hängt nicht damit zusammen, dass die Designs des französischen Modehauses auf den Straßen so oft zu sehen wären. Im Gegenteil. In Wien nahm die Boutique, die Balmain als einzige führte, die Marke gerade wieder aus dem Sortiment. Die Kleider seien schlichtweg zu teuer, hieß es. Auch in anderen Metropolen sind Decarnins Jeans, die auch schon einmal mehr als 1000 Euro kosten können, oder seine Jacken (bis zu 8000) kaum zu sehen. Das ändert aber nichts daran, dass man am Balmain-Look schwerlich vorbeikommt. So häufig kopiert wie Balmain wird im Moment keine andere Marke.

Selbst in den eigenen Boutiquen sind viele Modelle sofort ausverkauft. Nachschub wird kaum geliefert. "Künstliche Verknappung" lautet das Prinzip, das dem im privaten Besitz befindlichen Modehaus in den vergangenen zwei Jahren jede Saison eine Verdoppelung der Umsatzzahlen brachte. Und das mit einem Designer, der weder für Interviews noch für Homestorys zur Verfügung steht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Modemagazin Kollektionsteile für ein Shooting bekommt, ist denkbar gering.

Einfach gestrickt

Es sei denn, man ist die französische Vogue. Der Aufstieg von Balmain zur Lieblingsmarke des jungen Jetsets ist eng mit der Macht von Chefredakteurin Carine Roitfeld und ihrer Redaktionscrew verbunden. Modechefin Emmanuelle Alt ist eine Busenfreundin Decarnins, Tochter Julia Restoin trägt regelmäßig die Kleider der Marke, genauso wie deren Freundin Charlotte Casiraghi, die Tochter von Prinzessin Caroline. Zu Anfang des Jahrzehnts stieg Nicolas Ghesquière bei Balenciaga durch die Macht der französischen Vogue zu Frankreichs einflussreichstem Designer auf, jetzt ist Christophe Decarnin dran. Mit Ghesquières Neuinterpretation von Christobal Balenciagas Erbe kann er nicht konkurrieren. Seine Designs sind einfacher gestrickt.

Obwohl Decarnin selbst in den vergangenen Jahren kaum einen Club von innen gesehen haben dürfte, ist seine Mode ein Fall für ausgelassene Partys - inklusive eingebrannter Zigarettenlöcher. Äußerst aufwändig werden Kleidungsstücke auf alt getrimmt, die Risse in den Jeans sind das Ergebnis ausgeklügelter Prozeduren, die Bondage-Schnürungen seiner Kleider würden jeden SM-Club-Besitzer vor Neid erstarren lassen. Jugendfrei ist keines von Decarnins Kleider, und das ist sicher kein geringer Teil seines Erfolgs. Zum Problem könnte nur die Länge der Kleider werden. Kürzer als jetzt geht nämlich nicht mehr. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/30/10/2009)

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    Die jüngste Kollektion von Balmain-Designer Christophe Decarnin macht aus Models Kriegerinnen.

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    "Balmania" nennt man in der Modewelt den Hype rund um das französische Modehaus. Und das, obwohl kaum einer die engen Sakkos und glitzernden Cocktailkleider von Designer Christophe Decarnin trägt. Sie sind nämlich schlichtweg zu teuer.

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