"Hundertwasser ist der Größte"

24. Oktober 2009, 17:00
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Philippe Starcks Entwürfe beeinflussen die ganze Welt. Warum Design banal und unwichtig sei und was es mit seiner Zitronenpresse auf sich hat, erzählte er Michael Hausenblas

DER STANDARD: Wie gefällt Ihnen das Design der Stadt Wien?

Philippe Starck: Es interessiert mich nicht wirklich, wie eine Stadt aussieht. Mich interessieren die Menschen, das echte Leben. Das besteht aus Fleisch, Blut, Tränen und nicht aus Stein oder Metall. Das gilt genauso für Rom, London oder Madrid.

DER STANDARD: Haben Sie während der wenigen Stunden, die Sie hier waren, einen Eindruck davon bekommen können?

Starck: Ich würde sagen, ich spüre eine starke Kraft. Da ist etwas Spezielles in Wien, etwas wie menschliches Barock.

DER STANDARD: Wie kommt das bei Ihnen an?

Starck: Es ist nur eine Ahnung.

DER STANDARD: Ich las von Ihnen den Satz, "Design ist banal und völlig unwichtig". Die meisten Menschen kennen Sie aber als einen der größten Designer. Wie geht das zusammen?

Starck: Ich bin kein Designer und wollte auch nie einer werden. Die ganze Geschichte ist reiner Zufall. Design ist mein Werkzeug, um über etwas zu sprechen. Was mich interessiert, ist unsere Evolution, die Tatsache, dass wir ein mutierter Teil einer acht Milliarden alten Geschichte sind. Alles, was ich tue, muss irgendwie in dieses Bild passen.

DER STANDARD: Und wie sieht dieses Bild aus?

Starck: Wenn Sie mich als einen der ganz großen Designer bezeichnen, dann kann ich auch sagen, ob Design wichtig ist, oder nicht. Jede Zeit muss in Zusammenhang mit gewissen Handlungen stehen. Vor 20 Jahren war es okay, sich über die Schönheit einer Lampe Gedanken zu machen. Heute hat die Welt ihr Gleichgewicht, ihre Stabilität verloren, es gibt ganz andere Herausforderungen. Und wir wissen noch nicht, wie wir das hinkriegen. Jetzt ist die Zeit zu kämpfen. Wenn wir das gut tun, dann haben wir vielleicht in 20 Jahren die Zeit, über Design zu sprechen. Während wir hier plaudern, sterben tausende Menschen an Hunger, Durst, Krieg oder Krankheiten.

DER STANDARD: Wie kämpfen Sie gegen die Probleme der Welt?

Starck: Meine Arbeit war immer sehr politisch, vor vielen Jahren machte ich den Katalog "Good Goods". Dann entwarf ich das erste vorgefertigte umweltfreundliche Haus. Schon vor 30 Jahren habe ich am demokratischen Design gearbeitet, das heißt, daran, Qualität zu steigern, aber die Preise zu senken. Vor zwei Jahren brachten wir unser Konzept zum demokratischen Umweltschutz heraus, mit einer leicht zu installierenden Mini-Windmühle. Wir arbeiten an umweltfreundlichen, vorgefertigten Häusern, die leistbar sind. Das ist, was ich mit meinem kleinen Werkzeug Design tun kann. Ich mache meinen Job gut, aber es ist ein kleiner Beitrag.

DER STANDARD: Wie wird sich das Design verändern?

Starck: Design sollte in alles integriert werden, aber die wichtigste Veränderung sollte die der Größenordnungen sein, bei gleichzeitiger Steigerung von Leistung und Kapazität. Denken Sie an die Computer. Die ersten waren gewaltige Geräte, jetzt gibt es sie in der Größe einer Kreditkarte mit gewaltigem Leistungsvermögen. Wir sollten uns in die Richtung des Unsichtbaren bewegen. Das Ziel heißt Bionik.

DER STANDARD: Es gibt viele berühmte Designer, eine ganze Sippe. Aber Starck scheint irgendwie nicht dazuzupassen. Irgendwas ist an Starck anders.

Starck: Klar ist da ein Unterschied. Als Erstes bin ich, wie gesagt, kein Designer. Ich mache so viele Dinge. Mich interessiert, wie ich Design verwenden kann, um über etwas anderes zu sprechen, wie ich das Level einer Vision steigern kann. Außerdem bin ich überhaupt nicht trendy. Ich bin wie ein einsamer Cowboy, ich arbeite allein, mache, was ich kann, wann ich kann und wann ich will. Ich bin total frei, da ist kein System, in dem ich stecke. Ich bin weit weg vom Mainstream-Denken.

DER STANDARD: Aber wie übersetzen Sie dieses Denken in ein Objekt?

Starck: Jedes Projekt muss in die Entwicklung passen. Wenn es das nicht tut, ist es wertlos. Dann muss es auch gut sein, nicht schön, aber gut. Es geht darum, Menschen auf verschiedenen Arten zu einem besseren Leben zu verhelfen. Wenn man etwas erklären muss, dann hat man seinen Job nicht gut gemacht. Das Interessante an Design ist, dass Menschen dieses ganz nach Gefühl benützen können. Die Menschen haben das Recht dazu, sich nicht dafür zu interessieren. Manche werden es verstehen, andere nicht. Menschen gebrauchen ein Objekt, andere tun es nicht. Ein Gegenstand kann im Gegensatz zur Sprache nicht lügen.

DER STANDARD: Ihre Zitronenpresse Juicy Salif ist wahrscheinlich Ihr berühmtestes Objekt. Es gibt eine Menge Menschen, die darauf schimpfen.

Starck: Ich glaube mein Sessel "Ghost" ist inzwischen bekannter. Aber wie auch immer. Wenn Sie meine Zitronenpresse kaufen, dann kaufen Sie ein kleines Stück Poesie, ein Gespräch mit Ihrer Schwiegermutter, Sie kaufen ein Mysterium, eine Tür zu einem möglichen Traum, einen gewissen Geist. Außerdem ist meine Presse sehr einfach zu reinigen. Wenn Sie nur eine Zitrone pressen wollen, ist es besser, eine elektrische Presse zu besorgen. Wenn Sie etwas anderes wollen, Juicy Salif gibt Ihnen viel mehr.

DER STANDARD: Was wissen Sie über österreichisches Design?

Starck: Der beste Architekt der Welt ist für mich Hundertwasser. Er ist der beste aller Zeiten. Ich hätte wirklich gern ein Haus mit ihm gebaut. Echt, er ist der Größte. Und ich mag Konstantin Grcic.

DER STANDARD: Er ist Deutscher.

Starck: Ah, Sie sehen, ich weiß nicht viel über österreichisches Design.

DER STANDARD: Herr Starck, wie würden Sie sich in einem Satz beschreiben?

Starck: Ich war ein unsichtbarer Mann, der beschloss, ein Träumer zu werden.

DER STANDARD: Und wer könnte eines Tages in die Fußstapfen dieses Träumers treten?

Starck: Mir geht es um meine Träume von Politik, von Handeln. Ich habe mich für Design entschieden, weil ich schwach bin, vielleicht auch faul. Der Kerl, der dasselbe will wie ich, der sollte besser Politiker, Sänger oder Journalist werden. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/23/10/2009)

Philippe Starck wurde 1949 in Paris geboren. Er gestaltet seit mehr als 30 Jahren eine schier unüberschaubare Designwelt, darunter Nudeln, Aschenbecher, Zahnbürsten, Uhren, Bäder, Yachten, Kleidung, Motorräder, das Space-Ship für "Virgin Galactic". Starck erhielt so ziemlich jeden Designpreis und prägte auf der ganzen Welt einen eigenen Hotel- und Restauranttypus. 2003 zeigte das Centre Pompidou eine Retrospektive seines Werks.
www.starck.com

  • Laut Starck sind auch Möbel eine Möglichkeit, auszudrücken, dass alles politisch ist. "Design ist meine einzige Waffe. Ich benütze sie, um zu sagen, was wichtig ist. Wir kriegen die Symbole, die wir verdienen."
    foto: hersteller

    Laut Starck sind auch Möbel eine Möglichkeit, auszudrücken, dass alles politisch ist. "Design ist meine einzige Waffe. Ich benütze sie, um zu sagen, was wichtig ist. Wir kriegen die Symbole, die wir verdienen."

  • Philippe Starck
    foto: hersteller

    Philippe Starck

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