Eine Kunst- und Currytour im Londoner East End

18. Oktober 2009, 16:59
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Das Viertel um die Whitechapel Road hat sich gemausert. Heute schmausen hier junge Kreative ihr Fusionfood

"Wer hätte nicht gern gute Freunde in London, die einem die coolsten Galerien und angesagten Ecken zeigen? Das war die Grundlage unserer Geschäftsidee", erzählt Kevin Caruth von "Urban Gentry". Wir stehen vor der Whitechapel Gallery im hippen Londoner East End. Hier ist an diesem Tag der Treffpunkt für eine Kunsttour durch das ehemals übel beleumundete Viertel, in dem sich inzwischen viele junge Künstler und Designer angesiedelt haben.

Zehn Guides beschäftigt Kevin Caruth, und sie alle zeigen den Besuchern ausgewählte Aspekte der Stadt, so als wären sie alte Bekannte. Neben der Kunst gibt es auch Insidertouren zu den Themen Architektur, Design oder Shopping. Damit der quasi private Charakter erhalten bleibt, dürfen nicht mehr als vier Personen pro Gruppe unterwegs sein.

Die Whitechapel Gallery ist so etwas wie das Herz des East End. 1901 als Bildungs- und Kunsteinrichtung für die großteils jüdischen Bürger des damaligen Elendsviertels gegründet, ist sie heute eine der renommiertesten Kunsteinrichtungen Londons. Hier wurden 1958 erstmals in Großbritannien Arbeiten von Jackson Pollock gezeigt, bereits in den frühen 1970er-Jahren stellte man hier David Hockney und Gilbert & George aus.

Im April dieses Jahres wurde die Whitechapel Gallery nach einer Renovierung und Vergrößerung der Ausstellungsflächen wiedereröffnet, bis April 2010 erinnert die in Polen geborene Künstlerin Goshka Macuga mit ihrer Intervention an einen besonderen Moment in der Geschichte der Gallerie: 1939 wurde hier Picassos Guernica ausgestellt, durchaus mit politischer Absicht und unter reger Beteiligung der Labour Party. Eintrittspreis war damals ein Paar Stiefel, die für den Spanischen Bürgerkrieg gestiftet wurden.

Dieses Moment der politischen Propaganda setzt Macuga in Beziehung zur berühmten Rede von Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat, in dem er die atomaren Absichten des Iraks als erwiesen darstellte. Nicht minder politisch brisant geht es draußen vor der Tür zu: An der Ecke Brick Lane / Fournier Street befindet sich heute die Brick-Lane-Moschee. Das Gebäude ist ein typisches Zeichen für die Vielfalt der Immigranten, die im East End aufeinandertrafen- und treffen. Von Hugenotten erbaut, diente der Bau erst als Synagoge, dann als Moschee. Heute stammen die meisten Einwanderer im East End aus Bangladesch, was dem Viertel um die Brick Lane den Namen "Banglacity" eingebracht hat. Eine Currybude reiht sich an die andere, in der Auslage des Papadome wird stolz ausgewiesen, dass es sich hier um den Gewinner des Curryfestivals handelt.

Aber auch die junge Kreativszene hat sich aufgrund der günstigen Mieten längst hier eingefunden. In den Backsteingebäuden der 1666 gegründeten Truman-Brauerei reiht sich heute eine Galerie an die andere, in den ehemaligen Lagerhallen zeigt unter anderem die Swansea Metropolitan University auf immerhin 20.000 Quadratmetern die Arbeiten ihrer Studenten.

Vintagemode

Die jungen Menschen, die sich hier tummeln, sehen allesamt aus, als seien sie jederzeit bereit für ein Fotoshooting, Marke Grundge und Independent, versteht sich. Geschleckt und perfekt ist hier nichts, im Gegenteil. Es wird improvisiert und wild kombiniert, was gefällt. Insofern ist es auch nur konsequent, dass sich hier die allermeisten Vintagestores befinden, in denen das Jungvolk seine Secondhandklamotten zusammensucht.

Aber auch junge, leistbare Designermode wird präsentiert. Im The Laden Showroom, ebenfalls in der Bricklane, werden 67 Designer ausgestellt. Das Geschäft funktioniert nach einem Boxensystem, jeder Designer mietet sich so viel Ausstellungsfläche, wie er sich leisten kann. "Als ich vor zehn Jahren angefangen habe", erzählt Inhaber Barry, "standen die meisten Geschäfte leer. Meine Schwester ist Designerin, und es ging uns darum, einen Showroom zu kreieren". Heute kaufen hier so unterschiedliche Typen wie Pete Doherty und Victoria Beckham. Und jeder und jede, die dank Kevin Caruths Idee hierhergefunden haben. (Tanja Paar/DER STANDARD/Printausgabe/17.10.2009)

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    Amir Uddin, "Curry chef of the Year". In Brick Lane, wo sich eine Currybude an die andere reiht, ist der beste Platz für das Curry Festival.

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    Curry für alle beim Curry Festival in Brick Lane.

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