Gelage, franz.

16. Oktober 2009, 17:00
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Nach "Schwein & Sohn" legt Stéphane Reynaud wieder ein fantastisches Kochbuch mit Rezepten der klassisch französischen Hausfrauenküche vor

Dem uninspirierten Titel zum Trotz ist Vive la France das vielleicht beste französische Kochbuch, das man für Geld kaufen kann. Warum der Name der Originalausgabe, Ripailles (lässt sich durchaus animierend mit "Gelage" übersetzen), zwar in der englischen Ausgabe überleben durfte, nicht aber in der deutschen, bleibt ein Rätsel. Na dann, Vive la Franz, mit uns kann man's ja machen.

Stéphane Reynaud ist Metzgersohn aus der Ardèche und Wirt ("Villa 9 trois") in der Pariser Vorstadt Montreuil. Während andere den Tod der traditionellen französischen Küchenkunst herbeischreiben, breitet Reynaud den fast vergessenen Reichtum dieser wahrhaft reichhaltigen Küche in ganzer Pracht aus - in jedem seiner Bücher, mit stets neuen, unwiderstehlich deftigen oder hinreißend einfachen Rezepten. Mit Ehrfurcht vor der Tradition, aber ohne Scheu, diese mit modernen Mitteln neu zu interpretieren.

Wie schon sein (mittlerweile x-fach nachgedrucktes) Erstlingswerk Schwein & Sohn ist auch das neue ein durch und durch wunderschönes Buch geworden, in dem die Qualität der Rezeptfotos auf unfaire Weise den Appetit anregt und viele charmante Zeichnungen von José Reis de Matos für Kurzweil sorgen. Dazu der bewährte, wattierte Einband, dank dessen sich das Buch fest und weich zugleich anfühlt - wie ein strammer Schinken, was bei 480 Seiten und 299 Rezepten im doppelten Sinn zutrifft. Jedenfalls ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, dass man sich bei der Lektüre ertappt, es zärtlich zu streicheln: Dieses Kochbuch weckt Emotionen.

Ob Hasenrücken mit Pfeffersauce, Roten Rüben und Blattspinat oder Brathendl, mit Frischkäse gefüllt, ob klassische Hechtnockerln in Champignonsauce oder simple Sardinen-Sandwiches mit Dosenfisch, gegrillten Paprikas und Radieschenbutter: Hier wird gekocht, dass sich die Balken biegen - aber auf eine Art, die sich als halbwegs kochinteressierter Leser gefahrlos nachmachen lässt. Das Resultat sind starke, große Gerichte, wie gemacht für lange Herbstabende und einen großen Tisch, auf dem große Schüsseln und beste Freunde Platz finden, und zwar in dieser Reihenfolge.

Reynaud versteht es wunderbar, seine Leidenschaft für gutes Essen, für aufrechte Bauern und gute Produzenten, für traditionelle Techniken und frische Ideen zu vermitteln. Wer sich nach Durchsicht dieses Buches nicht unverzüglich in die Küche verdrücken will, um sich an die Exekution ein oder mehrerer Rezepte zu machen, der hat leider keinen Tau von gutem Essen. (Severin Corti/Der Standard/rondo/16/10/2009)

  • Stéphane Reynaud: Vive la France! Das Kochbuch. Mit Illustrationen von José Reis de Matos und Fotos von Marie-Pierre Morel. Christian-Verlag 2009, 480 Seiten, EURO 41,10
    foto: verlag

    Stéphane Reynaud: Vive la France! Das Kochbuch. Mit Illustrationen von José Reis de Matos und Fotos von Marie-Pierre Morel. Christian-Verlag 2009, 480 Seiten, EURO 41,10

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