Die Bilderstürmerin

15. Oktober 2009, 17:00
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Sie ist eine Ikone der Film- und Modewelt: Die Viennale feiert ab kommender Woche die große schottische Schauspielerin Tilda Swinton mit einer Personale

Dem schließen wir uns an: Isabella Reicher und Stephan Hilpold huldigen der eigenwilligen Oscar-Preisträgerin.

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Ihr Aufstieg von der höheren Tochter zur Galionsfigur der britischen Filmavantgarde ist eng mit dem Regisseur Derek Jarman verknüpft: "Als ich Jarman traf, ging es um Rebellion. Es ging darum, unsere eigene Welt zu finden."

Als der Fotograf Jürgen Teller im vergangenen Jahr eine Fotostrecke mit Tilda Swinton machte, glaubte er, nicht richtig zu hören. Die Kostüme von Dior und Louis Vuitton waren der Schauspielerin zu brav, also schlug Swinton vor, mit dem Hund des Hausmädchens auf die Straße zu gehen und Hundstrümmerln einzusammeln. Das dazugehörige Bild wurde das Highlight der Fotostrecke im W-Magazin. Auf ihm ist Swinton mit rostroter Perücke und in gebückter Haltung zu sehen. Der Fotograf drückte in jenem Moment ab, in dem die Schauspielerin das Trümmerl aufhob.

Swinton dürfte bei den Aufnahmen ihren Spaß gehabt haben. Sie bringen das öffentliche, zuletzt von Hollywood geprägte Bild der Tilda Swinton nämlich gehörig durcheinander und zeigen sie, wie sich wohl selbst am liebsten sieht: als jemanden, der Mode nicht ganz ernst nimmt - aber dennoch liebend gerne die Kleider der kreativsten Designer trägt. Das hat ihr im Laufe ihrer Karriere viel Spott von Mainstream-Medien eingebracht und absolute Ergebenheit vonseiten einer nach alternativen Stars hechelnden Modeszene. "Sie ist ein Engel", hieß es, als das Another Magazine jüngst 35 Menschen aus Kunst, Kultur und Mode über ihre Meinung zu Tilda Swinton befragte: "Sie ist gleichzeitig eine Prinzessin und ein Prinz."

Sticht aus der Bildschirmmasse heraus

Mit letzterem Statement zielte Patti Smith weniger auf die Herkunft der Schauspielerin (sie stammt aus einem bis ins neunte Jahrhundert zurückverfolgbarem schottischen Adelsgeschlecht), als auf die eindrückliche, auf keinen kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringende Erscheinung Swintons. In der Renaissance hätte sie als Marmorstatue eine gute Figur gemacht, Mitte des 19. Jahrhunderts dem bevorzugten Modell der Präraffaeliten, Lizzie Siddal, Konkurrenz machen können. Mit ihrem roten Haar und dem bleichen, ungeschminkten Gesicht, den hohen Wangenknochen und den grünen Augen sticht sie aus der Bildschirmmasse der Schönen und Wohlgeformten heraus.

Swinton ist ein Charakter - was ihre Rollen anbelangt genauso wie ihren Stil. Als sie im vergangenen Jahr mit dem Oscar für die beste Nebenrolle in Michael Clayton ausgezeichnet wurde, wurden weniger ihre schauspielerischen Leistungen als ihr schwarzes, einärmeliges Lanvin-Kleid diskutiert. Der Kaftan stach aus der Masse der Valentino-und Armani-Rüschenkleider heraus. Hübsch in einem herkömmlichen Sinn war das nicht. Es war ein Statement, und könnte man es in Worte fassen, dann hätte es sich vielleicht so angehört: "Ich bin hier zwar in Hollywood, aber eine von euch bin ich nicht." Statt in Hollywood lebt Swinton zusammen mit ihrem Mann, dem Maler und Autor John Byrne, ihren gemeinsamen Zwillingen und dem 18 Jahre jüngeren Geliebten auf einem riesigen Anwesen in der Nähe von Inverness in den Highlands von Schottland.

Hier ist sie geboren, 1960, als Tochter von Generalmajor Sir John Swinton und dessen australischer Frau Judith. Ihren Vater, erzählte sie einmal, hätte sie nie in einer Weste gesehen, die a) nicht aus Kaschmir und b) nicht ein löchriges Erbstück des Großvaters aus den 30ern gewesen wäre. Im Internat, das sie im selben Jahrgang wie Lady Di besuchen musste, war Musik verboten. Statt Prinzessin wurde Swinton zur Bilderstürmerin. Den High Heels zur Föhnfrisur zog sie DocMartens mit Stahlkappen vor. Seit ihrer Studienzeit hatte sie an Theaterproduktionen mitgewirkt.

Ihr Aufstieg zur Galionsfigur der britischen Filmavantgarde und ihre Karriere als Filmschauspielerin sind zunächst eng mit Derek Jarman verknüpft: Der britische Maler hat in den frühen 70er-Jahren damit begonnen, das Bildermachen auf Super-8-Filme auszudehnen. Mitte der 80er-Jahre taucht Tilda Swinton in seinem Umfeld und seinen Produktionen auf. Sein fünfter Langfilm Caravaggio (1986) ist der erste offizielle Eintrag in ihre Filmografie. Unmittelbar danach dreht sie unter turbulenten Bedingungen mit Udo Kier und Christoph Schlingensief (Egomania - Insel ohne Hoffnung). Sie spielt in Peter Wollens Friendship's Death einen Cyborg mit menschlichem Antlitz, und sie wirkt 1992 erstmals in einem Film von John Maybury mit.

"aids crisis"

Sally Potters Orlando - wohl der berühmteste Beleg für Swintons Verwandlungstalent - datiert ebenfalls aus dieser Zeit: "Als Sally Potter 1988 mit Virgina Woolfs Roman ankam und sagte, wir müssen das verfilmen, habe ich im Prinzip die nächsten fünf Jahre auch die Produzentenfunktion innegehabt. Ich habe sie während des Schreibens unterstützt, bin mit ihr um die Welt gereist, um das Geld aufzutreiben." Vor allem aber arbeitet sie weiter mit Jarman. Filme wie War Requiem (1989), Edward II (1991) - als bissige Königin, frei nach Christopher Marlowe - oder Wittgenstein (1993) entstehen. Und die beiden verbindet auch abseits der Arbeit eine enge Beziehung.

Jarmans Tod - er stirbt 1994 mit nur 52 Jahren an den Folgen seiner Aids-Erkrankung - erschüttert somit nicht nur Swintons Arbeitszusammenhang nachhaltig. Heute meint sie, die "aids crisis" dieser Dekaden habe auch die Überlebenden zunächst gelähmt und mit dazu beigetragen, eine ganze künstlerische Ära nahezu aus dem kulturellen Gedächtnis zu streichen. "Als ich 2002 meinen 'Brief an Derek' geschrieben habe, da habe ich erst bemerkt, dass wir alle so lange stumm gewesen sind. Ich habe mich gefragt, wieso eigentlich."

Nicht zuletzt deswegen hat sie erst im Vorjahr gemeinsam mit Isaac Julien den Dokumentarfilm Derek vorgestellt: eine Reverenz an Jarman, als Künstler und als Aktivisten. Swinton macht darin kein Hehl aus ihrer Ablehnung jener Politik, die mit ihrem Kulturverständnis, ihren Eingriffen in Fördersysteme und Strukturen das unabhängige britische Kino nachhaltig beschädigt hat. Aber sie erinnert sie sich auch an zwei junge Menschen, deren "Outfit jenen der internationalen Brigaden ähnelte." "Als ich Jarman traf, ging es um Rebellion. Es ging darum, unsere eigene Welt zu finden."

Leinwandgöttin für Modemacher

Ihre engen Kontakte zu den wichtigsten Avantgarde-Designern haben ihre Wurzeln in dieser Zeit. Für Modemacher wie Hussein Chalayan, Raf Simons, John Galliano oder Viktor & Rolf war Tilda Swinton eine Leinwandgöttin. Später, als Swinton auch außerhalb der engen Grenzen des englischen Experimentalfilms bekannt wurde und mit Orlando einen Meilenstein des feministischen Films vorlegte, widmeten sie ihr ganze Kollektionen.

Swinton, die genauso gut als Frau wie als Mann durchgehen kann und die in manchen Outfits David Bowie zum Verwechseln ähnlich sieht, wurde zur Heroine einer Mode, die Geschlechtergrenzen niederreißen, Kleiderkonventionen diskutieren und Statussymbole hinterfragen wollte. Die höhere Tochter als Muse politischer Modemacher. Und das nicht nur in Europa, sondern auch jenseits des Atlantiks: Nach Jarmans Tod entdeckt Swinton vor allem in den USA neue Möglichkeiten, unter vergleichbar interessanten Bedingungen zu arbeiten. Zunächst bieten ihr dies wieder Filmschaffende außerhalb der Industrie wie Lynn Hershman oder Susan Streitfeld. In deren Female Perversions (1996) legt Swinton das komplizierte Innenleben einer kontrollneurotischen Karrierefrau frei - und eine grobe Blaupause für jene Figuren an, die sie später in Michael Clayton oder Burn After Reading verkörpert: Große Schweißflecken oder eine noch größere Libido strafen deren ostentative Unterkühltheit Lügen.

Das Designerduo, mit dem Swinton am stärksten assoziiert wird, ist Viktor & Rolf. Für die Niederländer stellte sich Swinton auch selbst auf den Laufsteg, das war im Jahre 2003, und die Aktrice führte auf dem Pariser Laufsteg eine ganze Armee von Tilda-Swinton-Lookalikes an. "Follow your own Path" drang aus den Lautsprechern. Die Liebeserklärungen der beiden Modemacher an die schottische Schauspielerin wurden mit Ovationen bedacht. Jahrelang trug sie bevorzugt Kleider des Duos, und als sie die Rolle der Weißen Hexe in den Chroniken von Narnia bekam - ein Angebot, das sie auch eingedenk von Jarmans Faible für den Wizard of Oz annahm -, schlug sie die beiden als Ausstatter vor. Auf dieses Risiko wollte sich Hollywood aber nicht einlassen. Ihren Wunsch, mit einem Designer für ein Filmkostüm zusammenzuarbeiten, wurde ihr erst bei Luca Guadagninos Film Io sono l'amore erfüllt. Raf Simons übernahm den Auftrag.

Kreativer Geist in Hollywood

Trotzdem entdeckt Swinton auch auf den Sets von Megaindustrieproduktionen wie Narnia mitunter jenen kreativen Geist wieder, den sie bereits mit Jarman teilte: "Ich bin dabei wegen des Austauschs mit dem Filmemacher. Die Form und Art des industriellen Profils sind nicht unbedingt mein bevorzugtes Ding. Ich betrachte mich, wenn überhaupt, dann als Tourist auf diesem Industriegelände. Es fasziniert mich von meiner Warte als Filmfan aus. An so einem Riesenstudioprojekt mitzuarbeiten und herauszukriegen, was die grundlegende Differenz dabei ist, einen Film um 200 Millionen Dollar oder um 200.000 Pfund hinzukriegen, das ist interessant."

Eine der eindrücklichsten Performances ihrer Karriere beschert ihr zuletzt jedoch die Zusammenarbeit mit dem französischen Autorenfilmer Erick Zonca: In Julia (2008), einer rund zweieinhalbstündigen Mischung aus Frauendrama, Thriller und Tragikomödie, verkörpert sie die Titelheldin, eine haltlose Trinkerin, die im Zuge eines gewagten Coups langsam ausnüchtert. "Zonca agiert mit größter Freiheit. Ich bin nicht objektiv, aber mich fasziniert, was er macht - es ist auf eine sehr interessante Weise unartikuliert. Er ist ein großer Cineast, aber nicht kopflastig. Er ist bemerkenswert instinktiv in seinem Vorgehen, ich hatte das vorher noch nie erlebt."

Tilda Swinton ihrerseits kennt auch als Julia keinerlei Angst vor Entgleisungen und Entblößungen: In einer der schönsten Sequenzen des Films tanzt, trinkt und flirtet sie sich modeschmuckbehängt in einem viel zu knappen Outfit durch eine wilde Partynacht. Am nächsten Morgen wird sie am Rücksitz eines fremden Autos von gleißender Sonne geweckt. Ordentlich derangiert blinzelt sie und quetscht sich aus dem Wagen, um auf gefährlichen High Heels halbsicher davonzustöckeln. Ein Fashion-Statement für Fortgeschrittene. (Isabella Reicher und Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/16/10/2009)

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    Outfit im Februar 2008

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    Dazu passende Schuhe

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    Tilda Swinton im Februar 2009

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    Mai 2007

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    Dezember 2006

     

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    Mai 2005

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