Immer viel trinken

16. Oktober 2009, 10:42
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Die Menschen benahmen sich zusehends so, als würden sie auf einen Wüstentrip gehen, wenn sie das Haus verließen

"Du joggst bei diesem heißen Wetter und hast keine Wasserflasche dabei?", rief Leslie ihrer Freundin Yvonne zu, als diese an ihr vorbeiflitzte. "Trinkst du wohl genug?" Yvonne ignorierte die Frage und joggte weiter. Auf den Parkbänken saßen Kinder und nuckelten an ihren Flaschis. Aber auch einige Mütter hatten hellblaue Halbliter-Plastik-Einwegdinger in der Hand, drehten am Verschluss und nahmen schluckweise Wasser zu sich. Manche Jogger trugen Rucksackwasserbeutel mit Schläuchen, an denen sie fortwährend zuzelten. Andere hatten Wassergürtel um ihre Hüften mit weißen Plastiktrinkflaschen. Die Menschen benahmen sich zusehends so, als würden sie auf einen Wüstentrip gehen, wenn sie das Haus verließen.

Leslie hielt Yvonne, als sie wieder vorbeilief, eine Flasche entgegen. "Ich brauche dein Wasser nicht", keuchte Yvonne. "Ich bestehe nämlich bereits aus etwa 55 Prozent Wasser", erklärte die Biologin. Aber wenn du, Leslie, weiter so viel trinkst, bestehst du bald aus 80 Prozent Wasser. Jedes Mal wenn du die Hand hebst, höre ich es bereits durch deine Oberarme rauschen, wenn ich neben dir stehe, gluckst es in deinen Knien. An den Schläfen tauchen immer öfter Wasseradern auf. Du könntest dich übertrinken!"

"Wir werden immer mehr Wassermenschen", rief Leslie Yvonne nach. "Wir sind nur glücklich mit der Flasche in der Hand. Wir trinken bereits 128 Liter Mineralwasser im Jahr, vor 30 Jahren waren es nur zwölf Liter. Wir werden immer süchtiger. Und irgendwann werden wir ganz ins Wasser zurückkehren, als Olme und Lurche. Und du als Molch!" (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/16/10/2009)

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    "Wir werden immer mehr Wassermenschen!"

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