Schweden sucht den Superdesigner

10. Oktober 2009, 17:00
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Auch 50 Jahre nach dem Ende der skandinavischen Moderne zeigt sich Stockholm als ein großes Designmuseum - Ein Rundgang mit Tobias Moorstedt

Aus 10 000 Metern Höhe sieht Schweden so aufgeräumt aus wie ein Bilderbuch-Wohnzimmer: gemütlich-grüne Hügel, glatt polierte Buchten und viel Holz (verbaut und in seiner natürlichen Form). Das ganze Land summt in warmen, gelben Sonnenlicht vor sich hin, und ähnelt einem vergilbten Foto aus den 70er-Jahren - die Gegenwart fühlt sich an wie eine glücklich erinnerte Vergangenheit. Vielleicht, denkt man sich im Flugzeug, braucht es einen solchen Lebensraum, damit dem Menschen Objekte wie Bruno Mathssons Stühle einfallen; klar, geordnet und trotzdem organisch gewachsen, ganz wie die Landschaft da unten. Auch 50 Jahre nach dem inoffiziellen Ende der skandinavischen Moderne geht ihre Erfolgsgeschichte weiter, gleicht eine Reise nach Stockholm immer auch dem Besuch eines Freiluft-Designmuseums - ein Rundgang.

Am Wochenende geht es im Laden Svenskt Tenn am Fährhafen zu wie im Winterschlussverkauf. "Schwedische Klassiker seit 1924" steht auf dem Schaufenster. Das Einrichtungshaus war in den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts eine der Geburtsstätten der skandinavischen Moderne - der Wiener Funktionalist Josef Frank, der 1933 nach Stockholm ausgewandert war, entwarf hier die eleganten Sitzmöbel und farbenfrohe Drucke, die auf den Weltausstellungen in New York und San Francisco für so viel Aufregung sorgten. "Josef Franks zeitloses Design ist die Basis unserer Produkte", heißt es noch heute bei Svenskt Tenn. Frank hinterließ 2000 Entwürfe und 160 Textilmuster, die zu großen Teilen noch im Sortiment sind - Svenskt TennTenne ist ein Museums-Shop, der den Namen verdient. Die Kunden laufen dicht gedrängt durch Regale. Kein Wunder. Interior Design ist im hohen Norden überlebenswichtig, meint eine Verkäuferin: "Wegen des langen Winters verbringen wir so viel Zeit im Wohnzimmer. Da sollte es besser gut aussehen."

Auf Design trifft man in Stockholm nicht nur in Shops und Galerien, sondern oft an unerwarteten Orten. Das Grand Hotel zum Beispiel, gegenüber dem Königspalast gelegen, ist eigentlich ein Museum für Formgeschichte. Die Räume sind in sieben verschiedenen Stilen eingerichtet, die alle von einer speziellen Epoche inspiriert sind: Art Deco, American Classic, Swedish Modern ... das Wohnen wird zum Lernen. Das Hotel gewann 2008 zu Recht den European Hotel Design Award. In der Fußgängerzone findet sich dann das Badehaus Sturebadet, eine Stockholmer Institution seit 1865, in dem der Architekt Per Öberg eine artifizielle Naturlandschaft aus Birke, Lavastein und Kupfer errichtet hat - eine skandinavische Version des Zen-Gartens. In den oberen Stockwerken trifft man auf eklektische Räume, die Holzbalken, die aus einem Wikinger-Langhaus stammen könnten, mit venezianischem Glas kombinieren. An Orten wie dem Sturebadet spürt man die Freude an der Formgebung und der Lust am Schauen, welche die Schweden zu einem designverrückten Volk machen.

Stilmix als Zeichen für Selbstbewusstsein

Bei wohlhabenden schwedischen Familien war, wie der Kulturhistoriker Gustaf Upmark 1892 in einem Aufsatz notierte, jedem Raum eine andere Stilepoche zugeordnet: "Gotik im Treppenhaus, Renaissance im Speisezimmer, Rokoko im Damen-Bad, Louis XVI. im Salon, Landhausstil im Herrenzimmer und maurische Anklänge im Rauchkabinett." Manchem Zeitgenossen mag diese ästhetische Kakophonie eine Gänsehaut bereiten, die Kunsthistorikerin Kajsa Rosenblad interpretiert den Stil-Mix als Zeichen für den Gestaltungswillen und das Selbstbewusstsein des damals noch jungen Bürgertums, welche eine wichtige Voraussetzung für die Moderne sei, und ihre große Parole "Form follows function".

Die "untimely timeliness" der schwedischen Moderne kann man im Nationalmuseum bewundern - fast jedes der Exponate von Bruno Mathsson, Josef Frank oder Ingve Ekström würde ein Wohnzimmer auch im 21. Jahrhundert bereichern. Das New Yorker MoMA würdigte das "Modern Swedish Design" kürzlich mit einem Textband und druckte darin auch einen Text der großen schwedischen Pädagogin Ellen Key ab, die sich schon in den Zwanzigerjahren über "diese billigen, unechten, protzigen und aus allen Richtungen zusammengewürfelten Fabrikprodukte" beschwert hatte, "denen die meisten neuzeitlichen Haushalte ihre Stillosigkeit verdanken". Der Moderne und ihren Idealen - Sachlichkeit, Klarheit, Demokratie und Funktionalität - lag die Überzeugung zugrunde, dass eine gut funktionierende und ästhetisch ansprechende Umgebung die Lebensqualität verbessern kann, dass der Designer also eine moralische Verpflichtung gegenüber seinen Mitmenschen und Kunden hat.

Kunst und Kommerz müssten kollaborieren, forderte der Professor Gregor Paulsson 1919 im Magazin Svenska Slöjdföreningen: "Art assists industry to attain beauty of form; industry assists art to make closer contact with modern technology; and through this they acquire new impulses and a wider sphere of action." In Fabriken und Ateliers müsse der gleiche Spirit herrschen.

Schweden ist in den letzten Jahrzehnten zum Stilberater der Welt geworden. Modelabels wie Filippa K., Acne Jeans oder J. Lindeberg erobern die Boutiquen. Und mit Ikea und H&M hat die Idee des demokratischen Designs im globalisierten Kapitalismus ein neues Niveau erreicht.

Wer sich fragt, warum das Land so viele Designer und Modeschöpfer hervorbringt, sollte bedenken, dass schwedische Success-Storys und Business-Märchen nicht von Bankendeals oder Software handeln, sondern von Millionendeals der Mode, von H&M, Ikea oder der jungen Jeansmarke Cheap Monday, die der Erfinder Örjan Andersson nach nur drei Jahren für viele Millionen an H&M verkaufte - es ist der amerikanische Traum mit einer Extraprise Design.

Gag und materialisierte Meta-Ebene

Die interessantesten Konzepte und Ideen findet man in Stockholm nicht in der Fußgängerzone oder auf den Prachtstraßen wie Birger Jarlsgutan, sondern im Szeneviertel South of Folkungagatan - das SoFO abgekürzt wird, ein urbanes Akronym, das nicht zufällig an SoHo erinnert, das New Yorker Galerie- und Modeviertel. Auch in SoFo trifft man auf eine Mischung aus Bars, Plattenläden und Second-Hand-Shops sowie auf Passanten in Röhrenjeans und weiten Karohemden, die aussehen wie das Ergebnis eines peniblen Castings. SoFo ist das Milieu, das immer wieder junge, aufregende Designer hervorbringt. Aber Formkünstler wie Monica Förster oder die Designteams Front und Ny Svensk Slöjd (Neues Schwedisches Handwerk) lassen sich nicht auf einen Stil oder eine Haltung festlegen. Die Erben von Bruno Mathsson, Josef Frank und Ingve Ekström teilen zwar deren Grundwerte wie Simplizität oder Funktionalität, möchten sich jedoch nicht von ihnen beschränken lassen. "Wir sind hoffnungslos beeinflusst von unserem starken Design-Erbe, aber gleichzeitig sind wir dessen auch überdrüssig", sagt Petrus Palmér. Der Designer gründete vor zwei Jahren gemeinsam mit John Löfgren und Jonas Pettersson das Büros "Form us with love", das für verspielte Entwürfe bekannt ist. Der Bezug des Polsterhockers "Button" etwa besteht aus Abfallmaterial der Textilindustrie. Die strenge Lampe "Cord", die nur aus Kabeln und Glühbirne zu bestehen scheint, hingegen ist eine humorvolle Hommage an die Moderne - in Metall.

Die Bandbreite des neuen schwedischen Designs ist groß. Da gibt es das Büro Adam und Viktoria, die sich auf klassische Holzmöbel mit passenden Textilien spezialisiert haben und so ein glamouröses Update der Moderne liefern. Und da gibt es das Designteam Front, die vergangenes Jahr in Mailand eine Bank vorstellten, die scheinbar aus Birkenholz bestand. Wer sich drauf setzte, merkte bald: Maserung und Astloch sind nur Simulation, die Holzbank ist ein Schaumstoffsessel. Es ist die Bereitschaft zum Gag und der materialisierten Meta-Ebene, die die junge Generation auszeichnet. Besonders deutlich wird das im Laden Designtorget, dessen Geschäftsmodell die Talentshow ist. Junge Designer reichen ihre Entwürfe - oft Küchengeräte, Alltagsgegenstände und nutzfreier Konsum-Klamauk - ein, und eine Jury aus renommierten Designer und Lehrern bestimmt, welche Entwürfe ins Produktportfolio von Designtorget aufgenommen werden. Für Designstudenten ist dies oft der erste Schritt auf der Karriereleiter. "Schweden sucht den Superdesigner". Und abgestimmt wird an der Kasse. (Tobias Moorstedt/Der Standard/rondo/09/10/2009)

  • Die umtriebige Designtruppe Front zeigt international, wie leicht junge, schwedische Designer ihr schweres Erbe im Griff haben.
    foto: hersteller

    Die umtriebige Designtruppe Front zeigt international, wie leicht junge, schwedische Designer ihr schweres Erbe im Griff haben.

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