Utopia aus der Konserve

8. Oktober 2009, 16:50
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Mit Guerilla-Gardening, moderner Architektur und einer lebhaften Clubszene beweist Toronto, dass sich nicht nur Naturliebhaber nach Kanada aufmachen sollten

Es gab Wochen, da war der Burger die letzte Rettung, die Kurse im Keller, die glatten Schluchten des Financial District auch kein großer Halt - obwohl von Mies van der Rohe und damit vom Feinsten. Quader aus schwarzem Stahl und verhalten transparentem Bronzeglas hatte der Modernist dem Geldadel der Stadt vermacht. Als Toronto-Dominion Centre hatten sie Architekturgeschichte geschrieben, Toronto einen großen Schub beschert. Doch das war in den Sechzigern; was blieb, ist die kalte Glashaut und das bisschen Downtown-Rasen zwischen den Gebäudetürmen, feucht genug, um sich daran die Schuhe zu versauen - was den drei trägen Bronzekühen, die Bildhauer Joe Faffard auf der Wiese ablud, keineswegs passieren konnte. Bullenmarkt sah jedenfalls anders aus.

Gut also, dass es da auch noch den anderen Keller gab, den mit den braunen, glatten Ledermöbeln des "Bymark", Torontos beliebtester Business-Lunch-Hütte, die auch in Krisenzeiten für Rendite sorgte, und zwar für Gourmet-Rendite. Denn als die Banker zwischendurch auf Burger umstiegen, kam das kulinarische Upgrading des Post-Proletarierhappens Richtung Leckerbissen gerade recht: Wahlweise acht Unzen US-Prime-Beef oder Bison-Beef-Mix, Brie de Meaux, gegrillte Steinpilze und Trüffelspäne machen den Bymark-Gourmet-Burger zum feinsten Burger der Welt. Kostenpunkt: Satte dreißig Euro, was auf Dauer freilich auch arm machen kann.

Die Bison-Trüffel-Semmel wurde große Mode, eroberte New Yorker und andere Clubs. Vor allem aber ist es eine jener Toronto-Geschichten, die einem auch die Portiere des hier beheimateten Four Seasons erzählen hätten können, die mit sonderbaren Fellmützen auf der Straße stehen, wie kanadische Ableger britischer Gardetradition, und die den Gästen, Ausflüge zur, ähem, eigenen Pelztierfarm offerieren.

Harte Stadt

Normalerweise tun auf Correctness bedachte Luxushotels so etwas nicht, aber man ahnt schon: Toronto ist eine harte Stadt, unanständig leckere Burger-Boni und Fünf-Sterne-Pelze inklusive. Ein großer Muskel aus Stahl, der sich an stillen Tagen im Ontariosee spiegelt, dem Hausmeer, das neuerdings auch die Abwärme der sommerlichen AirCon zu schlucken hat - eine innovative Energietechnik, allzu typisch für das Powerhaus der kanadischen Wirtschaft. Immerhin wurde in Toronto Insulin entdeckt, der Blackberry und das erste Imax erfunden.

Der Welt erstes Multiplex, digitale Opern-Libretti-Displays, und das gleichfalls erste elektronisch schließbare Stadiondach auf dem SkyDome sorgten derweilen für bequeme Winterunterhaltung. Eine Stadt, die auch den Horror von Suburbia zu verkraften hat, türmt sich hier im ewig weit verbauten Gelände auf. Wer ein wenig durch die Gartenzauneinöde 905 rollt - die schnörkellose Bezeichnung des Stadtteils wurde dem lokalen Telefon-Code 905 entliehen - weiß, wie flach das Leben aus nordamerikanischer Mittelklassekutschenperspektive aussehen kann.

Klar auch, dass als passendes Wahrzeichen ein 553 Meter hoher Phallus gegensteuern musste, der ganze dreißig Jahre lang höher als alle anderen Gebäude der Welt in die Luft stach. Wer vom "360", dem sich drehenden Restaurant des megalomanen CN Tower auf die Wolkenkratzerzwerge hinuntersieht, darf sich heute erst recht wie ein City-Dinosaurier fühlen: uralt, abgehoben, für die Wärme urbaner Nischen definitiv zu groß.

Doch das ist lediglich eine Seite der Stadt, die ein Sechstel aller Kanadier beherbergt. Jetzt wird der Versuch eines Re-Brandings unternommen - ein neues Modewort in Torontos offiziellem Sprachgebrauch. Zoom auf das Village Toronto, in dem Baumstämme aus dem Beton wachsen, die eigentlich Telegrafenmasten sind: glatt, tot, bar jeder Kabel. Um ihren Erhalt wird trotzdem erbittert gekämpft - noch dazu erfolgreich. Denn genauso wie in West Queen West, Little Italy oder Cabbagetown die Urbanität angekommen ist, sind es auch die Gummistiefel und Lumberjacks der gar nicht so weit entfernten Wälder.

Hölzerne Telegrafenmasten gehören da als liebgewordenes Leitmotiv dazu - und nehmen gleichzeitig das aktuelle Phänomen der Kommerzialisierung öffentlichen Raumes auf den Radar. Dutzende Foto-Blogs und ein eigenes Magazin, Spacing, kommentieren kleinste Veränderungen im Stadtbild. Ein eigener Shame-on-you-Mr.-Architect-Preis - der "Pugly" - wird an besonders uninspirierte Bauwerke verliehen. Trotz des kühlen Klimas gedeiht Guerilla-Gardening - besonders bunt im Öko-Viertel Kensington Market, das sich wohltuend zwischen Torontos Beton breitmacht. Bunte Holzhäuser, entspannte Cafés, Biobananen aus Nicaragua finden sich hier - und Biotomatendosen der Marke "Utopia".

Eine Utopie aus der Konserve - das hat Toronto allemal auf Lager. Architekturtouristen hatten das als Erste realisiert: Daniel Libeskinds 2007 eröffneter Anbau des Royal Ontario Museum erinnert an ei- nen Kristall und schneidet scharf in die alten Museumsfassaden. Ecke McCaul St. / Dundas St. W. steuerte - der übrigens in Toronto aufgewachsene Wahlkalifornier - Frank Gehry mit der Art Gallery of Ontario ein weiteres Highlight bei.

Schlendert man die Queen Street Richtung Westen, lauern einem gar Graffiti-Irokesen auf, ein untrügliches Zeichen dafür, dass Toronto hier zur Friedenspfeife einer lebhaften Clubszene greift. Ganz anders als die geschleckten Austernbars, Kakaodielen und Galerien des revitalisierten Distillery District, der am anderen Ende der Innenstadt, im Viertel St. Lawrence, inmitten Dicken'scher Backsteinkulissen und Schornsteinschloten eine trendige Location abgibt, fällt der Besuch des Viertels West Queen West aus. "Go west, young art" lautet die Devise dabei: Vintage-Boutiquen, Künstlerlofts, eine kleine Prise Korea-Town, Kfz-Werkstätten, noch mehr graffitigeschmückte Cafés und das zeitgenössische Kunstmuseum Mocca - ein Mix der nicht nur am Ontariosee Zukunft hat. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Rondo/9.10.2009)

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