Camelot Restaurant: Ritter ohne Furcht und Gabel

    2. Oktober 2009, 16:50
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    In der früheren Peepshow am Wiener Naschmarkt wird jetzt Mittelalter als gastronomisches Erlebnis serviert

    Seit einiger Zeit werden Skihütten und Bierzelte in Innenstadt-Kellerlokale gestemmt - eine Strategie, die, so abwegig sie scheinen mag, ziemlich erfolgreich ist. Mit der Krise steigt offenbar das Bedürfnis, in Parallelwelten abzutauchen, wo neben Wein, Bier und obszön großen Portionen auch der kollektiven Amnesie gefrönt werden kann. Ein bissl schunkeln, ein wenig grölen: Am Morgen danach scheint der wirtschaftliche Katzenjammer prompt wie weggeschwemmt, und ein wohltuender, weil nachvollziehbar selbst verursachter Kater hat seinen Platz eingenommen. Aah!

    Am Naschmarkt eröffnete jüngst ein weiterer Vertreter dieser Art von Gute-Laune-Gastronomie. Das Camelot bietet Gelage im Stil mittelalterlicher Ritterfeste, soweit sich derlei im Ambiente einer orangebraun ausgefliesten, ehemaligen Peepshow inszenieren lässt. Servietten oder Gabeln gibt es keine (Messer und Löffel schon), dafür bekommen die Gäste Trenzpattel umgebunden. Die Kellner tragen weiße Kittel. Plastikzauberer, vergitterte Verliese und anderes Geisterbahninventar sorgen für den Rahmen. Die Küche bietet Essen in unförmigen Portionen, wie man es aus ungarischen Touristenlokalen der 1990er-Jahre kennt - nur mit fantasievolleren Bezeichnungen.

    Schicksal des entlaufenen Kalbes

    Tatsächlich sorgt die Lektüre der Speisekarte für Spaß und Unterhaltung der derben Art. Die ungarische Gulaschsuppe etwa firmiert als "Schicksal des entlaufenen Kalbes", das man sich angesichts der Schüssel voll dicker, mit allerhand Flachsen und Wurzelgemüse angereicherter Suppe denkbar grausam ausmalen muss. Dem Knoblauch- und Streuwürzegehalt nach zu schließen, dürfte es das arme Geschöpf in Form akuten Allergie-schocks ereilt haben. Kaum besser wird es dem "Aufgeweckten Kohlebrenner" ergangen sein, laut Beschreibung eine "knusprig gebratene, gekochte, geräucherte Putenkeule" - wenn danach noch etwas aufzuwecken wäre, man könnte glatt an ein Wunder glauben.

    Es gibt Cremesuppe von Kompottpfirsichen mit Vanilleeis (Vorspeise), Lammmedaillons am Spieß ("Fehlschuss des königlichen Jägers") oder ein mit Paradeiser und Blauschimmelkäse ("Rockfort") belegtes Steak vom Mangaliza-Schwein, wobei der Käse nach entsprechender Grill-Behandlung in bewährter Weise an gestocktes Magma erinnert. Alles hat deutliche Übergröße, ist übermäßig grau gebraten und überschwänglich reich garniert: Als absolutes Minimum werden ein Berg fetten Erdäpfelrösters, diverse dekorativ geschnitzte Früchte (zumindest Kiwi, Orange, Apfel), Sauerkraut und allerhand eingelegte Gemüse von beachtlicher Qualität beigestellt. Aber es gibt auch sonst Gutes: Brot etwa, das augenscheinlich von einem ungarischen Bäcker stammt. Oder das belgische Fassbier aus der Abtei von Leffe, mit dem man sich noch ganz andere Orte schönsaufen könnte. (Severin Corti/Der Standard/rondo/02/10/2009)

    Camelot Restaurant
    Rechte Wienzeile 21
    1040 Wien
    Tel.: 01/585 22 22
    täglich 12-24 Uhr
    VS EURO 6,90-17,30, HS EURO 16,50-24,70

    Fotos: Gerhard Wasserbauer

    • Essen mit Messer und Löffel.
      foto: gerahrd wasserbauer

      Essen mit Messer und Löffel.

    • Immer mit dabei ist die Garnitur aus Kiwi, Orange, Sauerkrautsalat und diversem eingelegtem Gemüse.
      foto: gerahrd wasserbauer

      Immer mit dabei ist die Garnitur aus Kiwi, Orange, Sauerkrautsalat und diversem eingelegtem Gemüse.

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