Walisische Gründlichkeit

1. Oktober 2009, 17:39
8 Postings

Dass "Llyn" See bedeutet, war die einfachste Lektion, die Doris Priesching beim Fliegenfischen lernte - Andere Tricks musste sie sich abschauen

Hut? Sonnenbrille? Passendes Schuhwerk? Schwimmweste? Peinlich genau fragt Louis Noble vor Beginn die richtige Ausrüstung ab. Eine Frageliste wie am Gesundheitsamt hält er in der Hand, die auch den Lehrer zur Aufmerksamkeit anhält: Verfügt der Schützling etwa über Schnittwunden an Händen, so sei dies während der Aktion zu kontrollieren. Alles klar: Wer am River Dee im Norden Wales mit Fliegen fischen will, muss sich Louis' Fragen gefallen lassen. Denn hier gilt ganz klar: Safety first.

Louis weist die ambitionierten Besuchsfischer ordnungsgemäß in die Topografie des Areals ein. Zur Sicherheit drückt er ihnen je einen Stock in die Hand, ähnlich den Teleskopstöcken, wie sie Bergwanderer benutzen, nur mit abgeplatteter Spitze und Schlaufe zum Umhängen. Er selbst nennt eine kleine Boje sein Eigen, die er immer dabeihat, falls etwas passiert. Und so steht man schließlich da: mit Wathose und -stiefeln, Stock und Schwimmweste, im Rücken Louis, jederzeit bereit, die Boje zu werfen - im knöcheltiefen Wasser des River Dee. Der peinlich genaue Sicherheitscheck als Realsatire auf echt britisch.

Fließgeschwindigkeit

Wobei es insgesamt selbstverständlich nur vernünftig ist, denn der pechschwarze River Dee ist nicht überall seicht und zahm. Der wichtigste Fluss Wales' entspringt im Norden, fließt rund 100 Kilometer über England in die Irische See. Hier herunten, in der Nähe von Llangollen, ist er etwa fünf Meter breit und bringt es in der Mitte an manchen Stellen selbst im Hochsommer zu recht ordentlicher Fließgeschwindigkeit, wo sich der Stock als hilfreicher Freund gegen die Strömung erweist, die einem ohne weiteres die Beine wegziehen würde. Und falls nicht: Die Steine sind glitschig, wer fällt, wird nur allzu froh sein über einen Stock, an dem man sich festhalten kann, und Louis' rettende Boje. Also spricht vieles für die walisische Gründlichkeit.

Auch beim Fang. Louis knüpft nicht nur eine Fliege, sondern gleich drei auf seine Schnur. Unlängst habe er damit drei Fische gleichzeitig gefangen, erzählt er grinsend. Fliegenfischerlatein? Selbst wenn, wäre es gut erzählt.

Louis ist 62, fischt, seit er zehn Jahre alt ist, seit 25 Jahren gibt er Unterricht in der renommierten Advanced School of Game Angling. Das bloße Fangen allein interessiert ihn schon lange nicht mehr, er ist fasziniert von der Geschichte des Fliegenfischens: Seit mehr als hundert Jahren binden Fischer ihre künstlichen Fliegen in den buntesten Farben, in den aufwändigsten Materialien und in höchster Präzision.

Louis baut die Muster dieser historischen Fliegen nach und versucht sein Glück: "Ich mag die Fliegen, die unsere Vorfahren verwendeten." Um ein echter Fliegenfischer zu sein, müsse man ohnehin selbst binden, verlangt Louis.

Lizenz zum Fischen

Seit mehr als hundert Jahren kommen die Fischer nach Tal-y-Llynn zum See, rund 70 Kilometer westlich vom Llangollen. Ihre Spuren haben sie an der Hausmauer hinterlassen, wo sie die Größe ihrer Fänge in Stein meißelten: "E. W. Blount" war am 24. Juni 1910 hier und ging mit einer stattlichen Seeforelle heim, ist auf der Mauer zu lesen. Das Ty'n-y-Cornel ist heute ein solides Mittelklassehotel mit einem unschlagbaren Vorteil: Es liegt direkt am See. Mehr als 2000 Fische - Forellen und Lachse - tummeln sich auf seinem Grund: Aber bei Wind und 18 Grad holen sie nicht einmal das Brot vom Ufer.

Wales ist bekannt und beliebt als Ziel für Wanderer. Zwei der berühmtesten Weitwanderwege durchqueren das Land: An der Küste entlang führt 299 Kilometer der Pembrokeshire Coast Path. Die Hänge der Klippen sind schwindelerregend und die Wege abschnittsweise nichts für Anfänger. Entlang der Grenze zu England verläuft über 285 Kilometer der weniger schwierige Offa's Dyke Trail. Eher als Geheimtipp gilt Wales, wenn es um das Fischen geht. Dabei sind die Möglichkeiten praktisch grenzenlos: 240 Flüsse auf 20.720 Quadratkilometern Fläche. Fliegenfischen ist eine Art Volkssport. Während man in Österreich für eine Tageskarte locker 80 Euro ablegt, zahlt man in Wales knapp 12 Euro - für eine Lizenz über acht Tage. Während sich hierzulande eine Elite die Fanggründe unter sich aufteilt, ist das Werfen in Wales für alle erschwinglich. Mitnehmen darf der Fänger sechs Fische. Denn "catch and release", also Fangen und Zurückwerfen sind in Wales keine Religion.

In Zeiten der Überzivilisation stellt sich ohnehin die Frage, worin die härtere Tortur für den Fisch besteht: Mit Haken im Maul nicht nur ein Mal, sondern wieder und wieder ins Wasser zurückbefördert zu werden, oder es mit zwei schnellen Schlägen auf den Hinterkopf hinter sich zu haben. Schwarzblau liegt der Lake Brenig im Morgenlicht, gesäumt von sanften Hügeln mit sattgrünen Wiesen, bunt-versprenkelter Blumenpracht und unzähligen weißen Punkten in der Landschaft - den allgegenwärtigen Schafen. Elf Millionen soll es davon in Wales geben, erzählt man sich. Bei knapp drei Millionen Einwohnern eine ziemlich gewichtige Größe, die sich in jedem Teil des Landes bemerkbar macht.

Llyn Brenig

Doch zurück zum See, dem Llyn Brenig, nördlich von Cerrigydrudion. Der Name des Ortes ist reinstes walisisches Kauderwelsch, merkt sich also sowieso niemand. Als Orientierungspunkt reicht, dass "Llyn" - richtig ausgesprochen "schlinn" - See heißt und sich im Norden des Landes befindet. Der See liegt also immer noch spiegelglatt im Morgenlicht und zeigt sich von seiner zahmen Seite. Der Brenig kann ungemütlich werden, warnte Louis tags zuvor. Bei Wind und Wetter nützt wahrscheinlich nicht einmal der Sicherheitscheck zur Vorbeugung. Bei Schönwetter ist das Fischen hier ein spezielles Spektakel: Der Westwind treibt das Boot von einem Ufer zum anderen. Während des Drifts sitzt oder steht man und verrichtet seinen Job. Wer auf Größe Wert legt, sollte sich Llyn Brenig merken: Kiloschwere Seeforellen hält er bereit und verhilft dem Angler zu ersehnter Wahrhaftigkeit in seinem Tun.

Die völlige Konzentration auf das Jetzt, der Wurf, das Zuckeln der Angel, womit man die Bewegung der Fliege imitiert und darunter die Zeit vergisst. Schließlich die ungeheure Kraft des Fisches zu spüren, der sein Bestes versucht, dem Schicksal zu entgehen, und der fest entschlossen ist, sein ureigenstes Terrain nicht zu verlassen: Nicht selten schafft er es und erkämpft sich mit aller Kraft die Freiheit zurück.

Stichwort Volkssport: Am Llyn Brenig driften die Boote in sicherer Distanz, aber nahe genug, um sich gegenseitig im Auge zu behalten. Wer schon erfolgreich war, wird genau beobachtet: Welche Fliege, welche Schnur - sinkend oder schwimmend - ist in Gebrauch? Hält er die Rute hoch oder nieder, holt er die Schnur schnell ein, oder fädelt er sie langsam und behutsam ein.

Tipps und Tricks am Wasser, die am Abend nach vollbrachtem Tagwerk erörtert werden: warum die Fische gerade dort und nicht hier gebissen haben, welche Fliege wo und wann am besten ist und wo auf einmal wieder Zeit keine Rolle spielt. Zumindest darin unterscheiden sich walisische Fliegenfischer nicht von den Anglern anderswo. (Doris Priesching/Der Standard/rondo/02/10/2009)

Anreise & Unterkunft
Nach Cardiff mit KLM oder von London mit dem Mietauto in circa fünf Stunden über Birmingham nach Llangollen.
Unterkünfte: www.tynycornel.co.uk. www.brynhowel.com.
Kontakt zu Louis Noble: www.advancedschoolofgameangling.co.uk
Allgemeine Infos: www.visitwales.com

  • Ist da was drin? Die Autorin dieses Artikels versuchte sich...
    foto: priesching

    Ist da was drin? Die Autorin dieses Artikels versuchte sich...

  • ...am Lake Brenig im Fliegenfischen.
    foto: priesching

    ...am Lake Brenig im Fliegenfischen.

  • Artikelbild
    foto: priesching
Share if you care.