Designer gesucht

1. Oktober 2009, 16:44
posten

Wer kennt die Gestalter von Kartoffelschäler, Wäscheklammer & Co? Das "Wagner:Werk Museum Postsparkasse" widmet anonymem Design eine Ausstellung

Je von Alfred Neweczeral gehört? Da klingelt nix, gell?! Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie seine Erfindung aus dem Jahre 1947 schon einmal zwischen den Fingern hatten, enorm groß. 60 Millionen Stück wurden bis heute von seiner Design-Ikone, dem Rex-Sparschäler hergestellt, diesem King of Kartoffelschäler mit seinem charakteristisch u-förmig gebogenen Aluband.

Wetten, dass keiner weiß, wer dem milliardenfach verputzen Gummibärchen seine Gestalt gab? Wie sieht's aus mit den Designern der Wäschekluppe? Oder der zum Ureinwohner fast jeder Küche avancierten Tupperware-Box, dem Lilien-Porzellan und so weiter und so fort? Man sieht, man sähe alt aus zwischen Trivial Pursuit und Millionenshow.

Wer das Wissen um all diese unauffälligen Stars unseres Alltags etwas aufpeppen will, sollte ab 5. Oktober der Ausstellung "Main Street - Design ohne Designer" im "Wagner:Werk Museum Postsparkasse" einen Besuch abstatten. Hier wird gezeigt, was wir gut kennen, oft benutzen, aber dessen Schöpfer uns namentlich so bekannt sind wie der Name Methylcyanacrylat, weltweit als Sekundenkleber im Handel.

Friedhof des namenlosen Designs

Die Ausstellung als Friedhof des namenlosen Designs zu titulieren, hieße aber ordentlich zu kurz greifen, denn viel von dem hier Gezeigten ist lebendiger und auch mannigfaltiger im alltäglichen Umlauf als so manches Stück aus der Feder von als "Stardesigner" firmierenden Gestaltern. Aufgeteilt ist die Ausstellung, die von Rolf Sachsse (Hochschule für Bildende Künste, Saarbrücken) und Monika Wenzl-Bachmayr (Wagner:Werk Postsparkasse) kuratiert wurde, in folgende Stationen: Musterschutz, Möbel, Verkehr, Zeitmessung, Haushalt, im Kaffeehaus, Food Design, Anonymität als Branding sowie Umnutzung.

Die Schau, ein weiterer Beitrag zur "Vienna Design Week 09", macht sich also nicht nur um das Aufzeigen omnipräsenter Objektwaisen, sondern auch um die Auseinandersetzung mit einhergehenden Phänomenen verdient. So wird im Falle der Wäscheklammer darauf hingewiesen, dass diese auch allerlei Behältnissen wie Papiersackerln als Verschlussmöglichkeit dienen kann, oder auch die Büroklammer für diverse andere Dienste herhalten muss: Zum Beispiel war schon so mancher iPhone-Benutzer froh um das biegsame Teil, wenn es darum ging, an seine Sim-Karte heranzukommen. Der Gedanke an die Fahrstunde, in der man erfährt, dass ein Damenstrumpf durchaus als kurzfristiger Ersatz für einen gerissenen Keilriemen herhalten kann - er ist an dieser Stelle goldrichtig.

Aber auch ganz andere Phänomene lassen sich in der Schau entdecken. Unter die Kuratorenlupe kommt zum Beispiel der meistverkaufte Stuhl aller Zeiten, Thonets No. 14, der jüngst seinen 50. Geburtstag feierte. Jeder kennt ihn, jeder saß auf ihm. Ikone ist sein zweiter Name. Bekannt ist er unter anderem für seine Form, aber auch für seine Rolle als Frühstarter in Sachen industrieller Fertigung. Wer aber weiß, dass Thonet ein ganzes Zeitalter, bevor das erste Billy-Regal zusammengeschraubt wurde, den Pioniertitel in Sachen "Ich mach's mir selbst" abstaubte? Schon 1859 wurde der Sessel in wenigen Einzelteilen (sechs Holzteile, zehn Schrauben, zwei Muttern, dazu ein Bezug) geliefert und zu Hause zusammengebaut. In der Ausstellung erfährt man es.

Bedeutung von Branding

Auch mit der Bedeutung von Branding im Zusammenhang mit Anonymität kann man sich im immer wieder sehenswerten Kassensaal der Postsparkasse seine Gedanken machen. Man nehme z. B. eine der größten Designikonen des 20. Jahrhunderts von der Herdplatte, die Kaffeemachkanne - korrekt Steigrohrmaschine - von Bialetti. Als Meisterstück steht sie weit über dem Namen ihres Erschaffers, denn Hand aufs Herz, wer denkt bei der Bialetti an ihren Erfinder Alfonso Bialetti. Sagt man allerdings Starck, meint trotz zahlloser Meisterleistungen des Designers jeder Zweite die Zitronenpresse - so wie die Bialetti zweifelsfrei eine Designikone. Dabei funktioniert das vermaledeite Ding am besten als Staubfänger, wie jeder weiß, der schon einmal die Zitronenkerne aus seinem Saftglas herausklaubte. Man könnte also durchaus daraus schließen, dass in ihrem Falle der Name des Designers weit über dem Objekt steht.

Ist die Annahme also richtig, dass sich Objekte, auf deren Etiketten sich Namen wie Philippe Starck, Konstantin Grcic oder Ron Arad finden lassen, besser verkaufen als No-Name-Dinge? Unternehmen wie Tupperware oder die 1980 in Tokio gegründete Designkette Muji, bei der sich jeder Designer zur Anonymität verpflichten musste, wären zwei Argumente dafür, dass es auch anders geht. Dass es mittlerweile doch eine Muji-Serie von Konstantin Grcic und James Irvine gibt, dass inzwischen Designgrößen wie Hella Jongerius oder Front-Design für Ikea gestalten und sämtliche Modehäuser von Armani über Diesel bis Joop Möbeln machen, dürfte allerdings ein Argument sein, dass es neben dem vielgehypten Wirtschaftsfaktor Design auch immer mehr um den Wirtschaftsfaktor "Designer-Name" geht. Wie schön, dass es die Wäschekluppe schon gibt.

Übrigens, auch der, dem das Thema Design eher auf die Nerven geht, könnte hier auf seine Kosten kommen: In der Ausstellungsstation namens Ärgernisse. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/02/10/2009)

"Main Street. Design ohne Designer."
Wagner:Werk Museum Postsparkasse der BAWAG P.S.K., Großer Kassensaal, Georg Coch Platz 2, 1010 Wien. 6. Oktober bis 14. November 2009.
Eröffnung: 5. Oktober 19 Uhr
www.ottowagner.com
www.viennadesignweeks.at

  • Ohne Leine keine Klammer und ohne Klammer keine Wäsche. Aber wer hat's erfunden, das kleine, geniale Stück?
    foto: beigelbeck

    Ohne Leine keine Klammer und ohne Klammer keine Wäsche. Aber wer hat's erfunden, das kleine, geniale Stück?

Share if you care.