Die neue Innerlichkeit

3. Oktober 2009, 12:00
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Silizium wird bereits seit einigen Jahren im Innenleben von Uhren eingesetzt - 60 Prozent härter als Stahl, besticht es durch eine extrem glatte Oberfläche

Jetzt kamen einige Boliden mit ganz neuartigen Silizium-Technologien auf den Markt.

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Stillstand bedeutet Rückschritt. Das gilt natürlich auch für die traditionsreiche Uhrenindustrie, bei der Messing, Eisen/Stahl und synthetischer Rubin die Fertigung mechanischer Werke lange Zeit dominierten. Das frühe 21. Jahrhundert brachte jenes Material, ohne das kein elektronischer Zeitmesser funktioniert. Und damit ging eine - durchaus polarisierende - Revolution einher, denn nicht jeder Mechanik-Aficionado kann sich mit dem Werkstoff anfreunden, welcher in monokristalliner Form die gleiche Kristallstruktur wie ein Diamant besitzt.

Besagtes Silizium ist 60 Prozent härter und 70 Prozent leichter als Stahl, dazu amagnetisch, korrosionsfest und besticht nach der Ausformung durch eine extrem glatte Oberfläche. Letztere mindert die Reibung, macht Öl überflüssig und dehnt so logischerweise die Service-Intervalle.

Unbestrittener Silizium-Pionier ist die Schweizer Manufaktur Ulysse Nardin. Sie startete 2001 mit ihrem "Freak" in eine neue Mechanik-Ära. Vor wenigen Tagen debütierte das neueste Familienmitglied, dessen Hemmung und Unruhspirale neueste Silizium-Technologie repräsentieren. Die "Moonstruck" knüpft an die astronomischen "Trilogie der Zeist" an und repräsentiert das Können des Wissenschaftlers Ludwig Oechslin. Sein Konzept beinhaltet die wissenschaftlich korrekte Darstellung der Mondphasen wie auch den Einfluss der Mond- und Sonnenschwerkraft auf die Gezeiten der Meere.

Moonstruck

Die Kombination der Drehbewegungen zweier übereinander positionierter Scheiben bringt eine nie gekannte Präzision. Bis die "Moonstruck" z. B. anstelle eines Neumonds einen Vollmond abbildet, vergehen mehr als 100.000 Jahre. Ferner gestattet diese limitierte Uhr (500 Rotgold, 500 Platin) mit der Manufaktur-Automatik UN-106 das genaue Ablesen der aktuellen Mondphase in Relation zu einem beliebig bestimmbaren Punkt auf der Erdoberfläche sowie die Demonstration der globalen Dynamik der Gezeiten.

Die "Dream Watch One" von De Bethune präsentiert den Mond realitätsnah und unübersehbar als Kugel. Im kreisrunden Fenster darüber bewegt sich eine Unruh. Deren Oszillationen sind indes kaum wahrnehmbar, weil sie - erstmals in der Uhrengeschichte überhaupt - aus einer Siliziumscheibe besteht. Aus Massegründen umfängt sie ein Platinring mit hohem spezifischem Gewicht. Sollte das Uhrwerk trotz dieses temperaturbeständigen Schwingers ungenau gehen, lässt es sich auch ohne Uhrmacher in einem Bereich von täglich +/- 15 Sekunden selbst regulieren.

Bei Omega begann mit dem innovativen Automatikkaliber 8500 eine neue Ära. Seine Schwungmasse dreht sich leise um ein Gleitlager mit wartungsarmem Zirkoniumstein. Ein völlig überarbeitetes Profil der Zahnräder und -triebe sowie ein neues, auf gezielter Forschung basierendes Schmierkonzept lassen die Reibung vom Rotor bis hin zum Sekundenrad gegen null tendieren. Eine Minute Aufzug bewirkt Federkraft für 3,8 Minuten Gangdauer. Hinzu gesellt sich im Jahreskalender-Kaliber 8611 eine überarbeitete koaxiale Ankerhemmung mit flacher "Si 14"-Silizium-Unruhspirale. Die schwarze Unruh aus "Teclaphor", einer neuen, temperaturstabilen Legierung ohne giftiges Beryllium, besitzt innenliegende Weißgold-Regulierschrauben.

Individuelle Nummerierung

Selbst der große Traditionalist Breguet setzt - zumindest partiell - auf Silizium, denn Mutter Swatch Group war an der metallurgischen Weiterentwicklung des Basismaterials maßgeblich beteiligt. Der hochelastische Werkstoff ermöglicht die Herstellung flacher Unruhspiralen mit den positiven Eigenschaften der relativ hoch bauenden Pendants von Abraham-Louis Breguet. Im Automatikkaliber 591 A, das von Longines L 990 abstammt, findet sich eine Silizium-Trilogie bestehend aus Ankerrad, Anker und Unruhspirale. Das Uhrwerk entfaltet seine Fähigkeiten in einem klassischen, unverkennbaren Breguet-Gehäuse.

Frédérique Constant, seit 2004 waschechte Manufaktur, hat sein exklusives "Tourbillon" mit einem Silizium-Ankerrad ausgestattet. Das brandneue Kaliber FC-985 mit circa 48 Stunden Gangautonomie besteht aus 208 Komponenten. Ein neuartiges "Smart Screw"-System gestattet perfektes Auswuchten des feinen Drehgestells, nimmt aber circa acht Stunden in Anspruch. Neben den Stunden, Minuten, Sekunden, Mondphasen und dem Datum lässt sich auch ablesen, ob gerade Tag oder Nacht herrscht.

Eine Limitierung gibt es nicht, aber jedes der Uhrwerke trägt eine individuelle Nummerierung. Die Qual der Wahl resultiert aus den Gehäusematerialien Rot- oder Weißgold sowie versilbertem oder schwarzem Zifferblatt. (Gisbert L. Brunner/Der Standard/rondo/02/10/2009)

  • Breguet 591A
    foto: hersteller

    Breguet 591A

  • De Bethune "Dream watch One"
    foto: hersteller

    De Bethune "Dream watch One"

  • Ulysse Nardin "Moonstruck"
    foto: hersteller

    Ulysse Nardin "Moonstruck"

  • Omega 8500
    foto: hersteller

    Omega 8500

  • Frédérique Constant "New Tourbillon"
    foto: hersteller

    Frédérique Constant "New Tourbillon"

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