Viel Kuscheln

2. Oktober 2009, 11:12
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Warum habe ich bloß so viel gequatscht und so wenig gekuschelt

"Seit wir nicht mehr von einer grundlegenden Dichotomie von Markt und Staat ausgehen", quasselte Lukas, "sehen wir also besser die Interdependenzen", setzte er fort. Und holte aus: "Wir unterscheiden eine analytische und eine normative Dimension des Konzepts." Zora drückte beide Handflächen auf Lukas' Mund und sagte: "Klappe jetzt! Heute ist Samstag, da wird nicht diskutiert, sondern das Leben genossen."

"Du meinst kuscheln, oder?", fragte Lukas. "Kuscheln?", sagte Zora. "Du kannst ja nicht einmal kuscheln! Du kannst ja nur reden! Aber es bist ja nicht nur du! Die meisten Leute reden zu viel und kuscheln zu wenig. Und es ist ja nicht einmal so, dass die Leute zu viel reden, ja die Leute reden eigentlich zu wenig, sie quatschen nur zu viel, und was das Kuscheln betrifft, wissen die meisten nicht, wie das geht. Ja ich glaube sogar, dass die meisten Leute sich gar nicht trauen zu kuscheln. Sie fürchten etwa, dass sie nach dem Kuscheln nicht mehr streng schauen können. Und sie haben Angst, dass sie in dem weichgekuschelten Zustand nicht mehr wissen, was sie tun sollen, und dass sie dann ewig kuscheln müssen, weil ihnen sonst nichts mehr einfällt. Und ich verstehe diese Angst durchaus", sagte Zora.

"Aber dadurch versäumen sie unaufholbar viel Kuscheln. Du zum Beispiel Lukas, wenn du jetzt nicht bald anfängst zu kuscheln, dann wirst du mit 80 dasitzen und sagen: "Warum habe ich bloß so viel gequatscht und so wenig gekuschelt, die Zora zum Beispiel viel zu wenig umarmt?" Lukas legte seinen Zeigefinger auf Zoras Mund und sagte: "Klappe! Jetzt! Kuscheln!" (Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/02/10/2009)

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    "Klappe! Jetzt! Kuscheln!"

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