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Stechapfelfrucht und Samen
Es gibt Menschen, die können kahle Erdhaufen nicht ertragen. Selbst wenn sich diese gar nicht in ihren eigenen, sondern in nachbarlichen Gärten befinden - geht es um diese Leute, so darf nicht nackt bleiben, was kahl ist.
Offenbar wohnt besagten Personen ein heimlicher Drang inne, der sie Folgendes zu tun zwingt: Heimlich müssen sie in einsamen Frühlingsnächten in fremde Gärten eindringen und allerlei Samen über die nackte Krume streuen, um sich sodann wieder unbemerkt vom Acker zu machen.
Nicht auszudenken, was die sonst noch so treiben in unbeobachteten Momenten! Über die nächsten Monate und über Gartenzäune hinweg beobachten sie jedenfalls in der Folge frohlockend, wie der ahnungslose Erdhaufenbesitzer die vielen, vielen kleinen und ihm natürlich völlig unbekannten Pflänzchen bestaunt, die dem vormals kahlen Erdhaufen zu entsprießen beginnen.
Die Wunder des Samenfluges
"Seltsames Unkraut, was?", heißt es dann über den Zaun. Welch Geschöpf aus dem weiten Feld der Botanik das denn wieder sein möge. "Keine Ahnung. Aber hübsch schaut's aus. Zu interessant jedenfalls, um kaltblütig ausgerupft zu werden, nicht wahr?" Ja, tatsächlich. Die Wunder des Samenfluges sind grenzenlos.
So geschah es jedenfalls im Falle meines Erdhaufens, der eigentlich als Humusreservoir für neu anzulegende Rabatte gedacht war. An ein Erdabgraben, zumindest an seiner Nord- und Ostflanke, war wegen des "hübschen" Bewuchses spätestens ab Ende Mai nicht mehr zu denken. Im Laufe des Sommers entwickelten sich die Pflänzchen dafür zu meterhohen prächtigen Stauden.
Weiße Ballerinaröckchenblüten
Als sie dann weiße Ballerinaröckchenblüten zu tragen begannen und kräftige stachelbewehrte Samen ansetzten, konnten sie schließlich unschwer als Stechäpfel identifiziert werden.
"Stechapfel! Eindeutig", sprach ich zur Nachbarin, und just in diesem Moment begann das vage Bild einer Erinnerung dämmrig Gestalt anzunehmen. Es zeigte eine andere Gartenhexe der Region, die im vergangenen Spätsommer bei eben jener nachbarlichen zum Kaffee erschienen war. Hatte die nicht exakt so eine Stechapfelfrucht im Handtäschchen mit sich geführt? Und hatte die nicht die Geschichte vom Erdhaufen in ihrem Gärtchen erzählt, auf dem auf wundersame Weise diese eigenartigen Pflanzen über Nacht gewachsen waren?
"Hast du mir etwas zu sagen?", frug ich die Nachbarin, strengen Fingers auf die Pflanzen deutend. Sie errötete nicht einmal, als sie die Samenzufügung gestand. Der Haufen sei in seiner kahlen Nacktheit einfach zu verführerisch gewesen, sprach sie, und die Stechapfelsamen verkommen zu lassen sei ihr genau so schwergefallen wie jenem unbekannten Samenzufüger, der im Vorjahr die kahlen Hänge der anderen Gartenhexe befruchtet hatte.
Wir überlegen derzeit gemeinsam, wer nächstes Jahr drankommt. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/11/09/2009)
Tipp
Eine der nettesten Beschäftigungen des Spätsommers stellt das Samenernten dar. Viele Stauden und Sommerblumen, aber auch Kräuter wie beispielsweise der Dill lassen sich solchermaßen wunderbar melken und vermehren. In Papiersäcke oder Gläser damit, die Beschriftung nicht vergessen und im Frühling breitwürfig an gewünschten Stellen - nach Möglichkeit aber im eigenen Garten - ausstreuen. Oder mit anderen Samen tauschen. Was den gemeinen Stechapfel Datura stramonium anlangt, so wirft der ungeheuerliche Samenmassen ab. Doch Achtung! Er ist zwar sehr hübsch, aber höchst giftig in allen seinen Teilen.
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