Wo Stempeln fruchtet

  • Guter Halt im Pelz: Dafür sorgen diese Stacheln mit Widerhaken an den Samen eines amerikanischen Strauches.
    foto: gerstenberg verlag

    Guter Halt im Pelz: Dafür sorgen diese Stacheln mit Widerhaken an den Samen eines amerikanischen Strauches.

  • In prachtvoller Vergrößerung: Die pelzig gebetteten Griffel des japanischen Blumenhartriegels.
    foto: gerstenberg verlag

    In prachtvoller Vergrößerung: Die pelzig gebetteten Griffel des japanischen Blumenhartriegels.

  • Die pfiffige Samenkapsel des Acker-Gauchheils.
    foto: gerstenberg verlag

    Die pfiffige Samenkapsel des Acker-Gauchheils.

  • Die raue Samenschale des Christophskrauts.
    foto: gerstenberg verlag

    Die raue Samenschale des Christophskrauts.

  • Das Kletten-Labkraut ist der hartnäckigste Pelz-Kleider-Kleber überhaupt.
    foto: gerstenberg verlag

    Das Kletten-Labkraut ist der hartnäckigste Pelz-Kleider-Kleber überhaupt.

  • Wolfgang Stuppy, Rob Kesseler: Früchte - Faszinierende Kunstwerke der Natur, 264 S., Gerstenberg Verlag 2009, EURO 61,80
    foto: gerstenberg verlag

    Wolfgang Stuppy, Rob Kesseler: Früchte - Faszinierende Kunstwerke der Natur, 264 S., Gerstenberg Verlag 2009, EURO 61,80

In die verwirrende Wissenschaft der Karpologie, der Kunde über die Welt der Früchte, führt ein Prachtband, den Ute Woltron gelesen hat und hier verdaut

Was eine Frucht, was ein Gemüse sei - darüber zu streiten hat die Wissenschaft der Karpologie die vergangenen dreihundert Jahre verbracht, und ob man schließlich wirklich untereinander handelseins geworden ist, geht selbst aus diesem prächtigen Buch nicht deutlich hervor. Der Band hat schließlich nichts anderes als "Früchte. Faszinierende Kunstwerke der Natur" zum Inhalt, und besagter Obst-Gemüse-Streit begleitet die Leserschaft zumindest am Rande bis weit über die ersten hundert Seiten.

Gewissermaßen entspannend also, dass es dieser Band optisch zwischen den streckenweise für die Laienschaft doch etwas komplizierten Zeilen in sich hat - und zwar wie. Die Fotos der hier abgebildeten Früchte und Samen sind schlichtweg allesamt sensationell und dermaßen unterhaltend, dass man nach dem Genuss des Prachtbandes nicht sagen kann, wo man länger verweilt hätte - beim Schauen oder beim Lesen.

Rasterelektronenmikroskope

Der britische Künstler Rob Kesseler, der seit langem in Pflanzen eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen gefunden hat, hat diese Aufnahmen mithilfe des Rasterelektronenmikroskops gemacht. Wie, das klingt äußerst kompliziert. Rob Kesseler: "Rasterelektronenmikroskope liefern Bilder, deren Auflösung die der konventionellen Mikroskope bei weitem übertrifft. Um sie aufnehmen zu können, werden die einzelnen Proben gereinigt, getrocknet und auf einem kleinen Aluminiumsockel montiert, bevor man sie mir einer hauchfeinen Gold- oder Platinschicht bedampft. Danach kommen die Präparate in eine Vakuumkammer und werden mit einem Elektronenstrahl abgetastet."

Das Bild, das sich daraus ergibt, ist zwar äußerst detailliert und hoch aufgelöst, besteht vorerst jedoch lediglich aus Grautönen. Kesseler musste die schrundigen Oberflächenlandschaften der Fruchtstände, die gewundenen Strukturen der Kapseln, die bizarren Stacheln der Samen jeweils Schicht für Schicht in stunden- ja tagelanger Feinarbeit digital nachbearbeiten und in akkuratesten Nuancen nachfärben.

Wie durch ein Schlüsselloch

Der Effekt ist großartig: Was wir hier sehen, sind künstlerisch gestaltete mikroskopische Digitalbilder, die uns wie durch ein Schlüsselloch in eine Welt blicken lassen, die wir zwar ein bisschen zu kennen meinen, die aber im Detail an Faszination nichts entbehren lässt.

Egal ob Frucht oder Gemüse, neben dem verwirrenden Diskurs zum Thema hat Autor Wolfgang Stuppy eine Menge interessanten Zusatzfachwissens in seinen Text gepackt. Was uns kulinarisch natürlich besonders interessiert, ist weltgeschichtlich betrachtet logischerweise eine relativ späte Entwicklung. Denn die Evolution der fleischigen Früchte begann erst mit der Evolution pflanzenfressender Landtiere. Das Fruchtfleisch entstand ursprünglich zwar aller karpologischer Wahrscheinlichkeit nach zum Schutz der innen liegenden Samen, entwickelte sich aber rasch in Richtung Wohlgeschmack. Damit die animalischen Fruchtfresser für Verbreitung der Pflanzen sorgten, versteht sich.

Panzerfrüchte

Stuppy erklärt die in weiterer Folge entstandenen chemischen Abwehrmechanismen, die sich entwickelten, weil Samenfresser abgehalten werden mussten oder durch Frühfresser die Vernichtung noch nicht reifer Samen dräute. Er beschreibt klimakterische Früchte, die, von hormonellen Signalen gesteuert, einen schnellen Reifeprozess durchlaufen. Äpfel etwa, oder Bananen.

Apropos Banane: Die gehört einer Gruppe an, die man Panzerfrüchte nennt, deren prominenteste Vertreter allerdings die Kürbisse sind. Wie man die von den Zitrusfrüchten unterscheidet? Ganz einfach: "Die Panzerbeere ist ebenfalls mit einer dicken, ledrigen Fruchtwand ausgestattet, unterscheidet sich jedoch von den Zitrusfrüchten in einem Merkmal, das sich erst erkennen lässt, wenn man die Früchte aufschneidet und ihren Querschnitt betrachtet. Bei den mit Scheidewänden ausgestatteten Zitrusfrüchten befinden sich die Samen im Zentrum der Frucht - vorausgesetzt sie wurden nicht wie bei den meisten heutigen Kultursorten züchterisch entfernt. Bei der Panzerbeere sitzen die Samen dagegen an der Innenseite der Fruchtwand, da es zwischen den einzelnen Karpellen keine Scheidewände gibt."

Nun denn. Schmecken lassen wir Pflanzenfresser uns wohl beides. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/11/09/2009)

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