Borlotti sind nur der Anfang für Bohnenzüchter und solche, die der Sortenvielfalt frönen wollen, sagt Ute Woltron
Nunmehr zurück aus der Sommerpause, ist es an der Zeit, von der Krönung jedes Gemüsegärtnerdaseins zu berichten: von der Ernte.
Mit besonderer, fast fiebriger Ungeduld wurde zum Beispiel grünzeugseits über Wochen - oder vielmehr Monate der Ernte der ersten selbstgezogenen Borlotti-Bohnen entgegengeblickt. Die Ungeduld begründete sich darin, dass diese kleinen rotscheckigen italienischen Hülsenköstlichkeiten nicht nur besonders nett anzuschauen sind, sondern auch besonders gut schmecken.
Borlotti-Bohnen (manche sagen auch Borlotto) sind tatsächlich echte Delikatessen. Doch ist es beklagenswert schwierig, diese Bohnen schon allein als Saatgut aufzutreiben, geschweige denn als frische Ware. Überhaupt: Wir sind bohnenkulturell hierzulande ja längst wieder in die finstere Zeit vor dem Neandertal zurückgeworfen.
Saatguterhalter
Was beispielsweise in den Supermärkten an Trockenware angeboten wird, ist von einer derart traurigen Kläglichkeit, dass es jeder Beschreibung spottet. Von Dosenware zu schreiben verbietet der kulinarische Anstand, und nicht einmal auf dem Wiener Naschmarkt sind Bohnenvarietäten auch nur andeutungsweise in befriedigender Fülle zu haben.
Wer also gute, frische und vor allem viele unterschiedliche Bohnensorten essen will, muss sie gezwungenermaßen selbst anbauen. Doch auch das ist nicht ganz einfach, weil Saatgut schwer aufzutreiben ist. Die noch vor wenigen Jahrzehnten regional herrschende Bohnenvielfalt, in der man das Saatgut quasi über den Gartenzaun weiterreichte, ist bis auf wenige Ausnahmen so gut wie dahin, und sie wäre wahrscheinlich bereits jetzt zur Gänze unwiederbringlich verloren, würden sich nicht Leute wie die Saatguterhalter von der Arche Noah im niederösterreichischen Schiltern mit erheblichem Aufwand um den Bestand dieser alten Sorten kümmern.
Unterschiedliche Geschmäcker
Früher zog man in jeder Furche des Landes regional unterschiedliche und selbstverständlich eifersüchtig als die jeweils besten gepriesene Bohnensorten. Jeder hatte seine Buschbohnen und Stangenbohnen und bewahrte alljährlich das Saatgut auf, das schon die Uromama von ihrer Großmutter übernommen hatte. Und das machte Sinn, denn Bohne ist kulinarisch betrachtet so was von überhaupt nicht Bohne.
Es gibt ebenso viele unterschiedliche Geschmäcker und Konsistenzen wie Formen und Farben der Bohnen, und wenig Vergnüglicheres ist denkbar, als sich durch diese Bohnenvielfalt durchzukochen und durchzuessen und mit Kombinationen mit anderen Gemüsern zu experimentieren. Apropos: Die Ernte der Borlotti erfolgte Mitte August. Die vergilbenden Schoten gaben farbenprächtige, formvollendete, köstliche Böhnlein preis. Die Qualität war also eins a. Am Output darf dagegen noch gearbeitet werden: Alles in allem ergab die Borlotti-Bohnen-Ernte eine Mahlzeit für zwei mäßig hungrige Personen. Nächste Saison wird das Feld ausgeweitet, das steht fest. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/04/09/2009)
Tipp
Wer Bohnen ziehen will, braucht fruchtbaren, im besten Fall mit Kompost
gedüngten Boden, der nie austrocknen darf. Bohnen vertragen keinen
Frost, sie dürfen frühestens Mitte Mai gesät werden. Man kann
(theoretisch) aus fast unendlich vielen Sorten von Busch- und
Stangenbohnen wählen. Da die Bohne eine der ältesten Kulturpflanzen
ist, entstanden buchstäblich zehntausende unterschiedliche
Bohnensorten. Saatgutsuchende werden am ehesten (abgesehen von der
erwähnten Arche Noah) im Internet fündig, sicher nicht im Saatgutregal.
Rechtzeitig vor dem nächsten Saisonstart werden wir hier Tipps für
Saatgut-Bezugsquellen aller Art geben.