"Wo sind die Supermänner geblieben?"

27. August 2009, 17:00
16 Postings

Die Männer von heute sind Schlappschwänze, meint Wolfgang Joop - Ihnen fehlt der Mut zur Inszenierung

Der bald 65-jährige deutsche Designer über junge Spunde, schlechte Anzüge und Schwule als Familienväter.

******

DER STANDARD: In den 80ern meinten Sie, "deutsche Männer sähen aus wie abgetaute Eisschränke". Sehen Männer heute besser aus?

Wolfgang Joop: Ich war damals auf der Hochzeit der jungen Haushälterin meiner Mutter. Der Bräutigam und die Freunde des Bräutigams trugen alle diese Konfirmationsanzüge in nicht identifizierbaren Farben. Sie sahen aus wie Günther Jauch, dessen Anzüge immer eine Spur größer sind als nötig.

DER STANDARD: Er trägt solche Anzüge immer noch.

Joop: Stil scheint das zu sein, was man nicht ändern will. Ich weiß, wie solche Anzüge gemacht werden. Sie werden in Riesenanlagen mit dem Laser geschnitten, die Dampfpresse klebt die Einlage drauf, links wird die Naht geschlossen, rechts endet sie am Ärmel. Bei Boss & Co dauert das nicht länger als zweieinhalb Stunden.

DER STANDARD: Warum machen Männer bei Anzügen so viele Kompromisse?

Joop: Weil viele Männer Anzüge nur in Notfällen anziehen. Dabei kennen sich Männer heute wunderbar bei Sportmode aus, sie wissen alles über Jeansmarken, und sie wissen auch bestens Bescheid, was man auf gar keinen Fall trägt. Aber bei Anzügen glauben sie, sie kauften ein Stück wie ein Porzellangeschirr, das man ein Leben lang behalten muss.

DER STANDARD: Ist das ein typisches deutsches und österreichisches Problem?

Joop: In der deutschen Mode mag man keine starken Designerpersönlichkeiten. Nehmen wir Escada. Die 80er warten darauf, wiedererweckt zu werden. Wer könnte das besser als Escada. Aber dafür braucht es einen Designer, der weiß, wo es langgeht, und nicht ein Team, das man brieft. Ich sähe das als interessante Aufgabe, konkrete Pläne gibt es aber nicht. Seit über 20 Jahren sind alle meine Ideen erfolgreich, aber immer noch begegnen mir Männer mit marktanalytischem Misstrauen.

DER STANDARD: Warum ist gerade die Männerwelt so resistent gegen modische Entwicklungen?

Joop: Weil die Männermode fast ausschließlich von Heteros gemacht wird. Die Domäne Männermode hat eine Schwulenphobie.

DER STANDARD: Aber die meisten Designer sind doch schwul.

Joop: Nicht in den Mainstreamhäusern. Die Anzüge der Avantgarde-Designer trägt ja kaum jemand. Hedi Slimane hat die Punker, Heroinsüchtigen und die Rockstars am Bahnhof Zoo in Berlin gesehen und diesen Typ auf den Laufsteg gestellt. Das war ein toller Kontrapunkt zu den Muskeltypen, die es davor gab. Aber was dann kam, war reines Epigonentum. Überall die engen Ärmelchen und Balenciaga-Jäckchen. Für diese Mode bin ich zu bodenständig.


DER STANDARD: Welche Jungs mögen Sie denn?

Joop: Männer, die Mut zur Selbstinszenierung haben. Am meisten Mut hatten und haben Punks. Die Mainstream-Männermode ahmt doch nur die Schwulenmode nach. Der letzte Kick ist schwuler Chic, habe ich einmal im Spiegel geschrieben. Nur dass die Heteros nicht einmal wissen, wo ihr Stil herkommt. Männern ist ihre Position weitaus wichtiger als ihre Pose.

DER STANDARD: Schwule idealisieren derzeit einen harten, barttragenden Männertyp.

Joop: Weil sie sich auf ihre neue Rolle vorbereiten müssen. Die Zeit nach Aids und die Liberalisierung ihrer Identitätsmodelle hat ihnen ein neues Ziel gebracht: Familienväter zu werden.

DER STANDARD: Eine Form von Überassimilierung?

Joop: Als ich ein junger Vater war, sah ich genauso aus: Vollbart, langes Haar, Karohemd. Das war 1975/76. Ich möchte mich heute allerdings etwas anders sehen.

DER STANDARD: Wie genau?

Joop: Mit mehr Humor! Mir sind die 50er sympathisch. Wenn man alte Porno-Poster aus den 50ern sieht, dann haben die Humor. Oder Tom of Finland: Da sieht man, welche Träume der Nachkriegsmann hatte. Da waren Männer noch Kumpel. Heute werden unsere Leben immer anonymer.

DER STANDARD: Neben dem Humor ist auch die Erotik aus der Pornografie verschwunden.

Joop: Das ist wie in der Mode. Wenn Erotik allgegenwärtig ist, existiert sie nicht mehr. Heute geht man in der Mode zurück zum wirklich Exklusiven, zum Handgemachten. Luxus ist Sehnsucht, genauso wie Mode. Wir wollen mit Mode etwas darstellen, das vielleicht gar nicht mehr existiert.

DER STANDARD: Sie haben gerade die erste Männerlinie Ihres Labels "Wunderkind" entworfen. Haben Sie dabei an Sex gedacht?

Joop: Ja, ich habe aber keine schwulen, sondern durch und durch heterosexuelle Vorstellungen. Da ich zwei Töchter habe und all ihre hübschen Freundinnen kenne, denke ich mir: Wo sind die Supermänner geblieben? Für meine Töchter wünsche ich mir mal einen. Einen, der nicht mault, nicht jault, und der keine prä- und postklimakterischen Probleme hat.

DER STANDARD: Die heutigen Männer gefallen Ihnen nicht?

Joop: Es lastet heute mehr Druck auf Männern als auf Frauen. Männer müssen heute das Rollenbild erfüllen, das ihnen früher nahegelegt wurde, also Frauen zu ernähren und zu beherrschen. Und gleichzeitig müssen sie sich modern geben, sportlich und frei sein. Diesen Spagat schafft kaum jemand.

DER STANDARD: Wie fließen solche Überlegungen in Ihre Männermode ein?

Joop: Ich denke eigentlich nur über eines nach: Wie schaffe ich das, was Comme des Garçons immer geschafft hat. Dass man sich gerne anzieht und dass einem die Kleider passen. Bei Hedi Slimane passte mir nichts, und bei Tom Ford fühle ich mich nicht schick genug.

DER STANDARD: Wie das?

Joop: Seine Anzüge sind zu geleckt, sind weder englisch noch italienisch geschnitten. Dann kommt noch eine Mario-Testino-Anzeigenkampagne dazu, in der ein Model ein wenig schwul über die Schulter schaut, und das war's dann.

DER STANDARD: Woher kommt Fords Erfolg?

Joop: Er proklamierte bei Gucci einen Hedonismus, der beinahe vergessen war. Es gibt so wenig interessante Männermode. Hedi Slimane werden wir nicht wiedersehen, seine Epigonen auch nicht. Die Japaner kann man leider auch nicht mehr anziehen. Aber ich habe mir ihre Sachen aufgehoben und genau studiert: Sie hatten eine gewisse Bequemlichkeit, und sie hatten Ironie. Leider war das Material unerträglich. Man schwitzte, und es kratzte. Aber die Chuzpe, die da drinnen war, die überlebte sich nicht.

DER STANDARD: An wen denken Sie, wenn Sie Männermode designen?

Joop: Immer nur an mich. Mir passt alles, wenn ich will.

DER STANDARD: Keine Stilvorbilder?

Joop: Gibt es heute nicht mehr. In den 70ern gab es noch welche. Heute werden Stars von Designern eingekleidet. Ein Cary Crant hatte noch seinen eigenen Stil, auch ein Steve McQueen. Dieser All-American-Freedom-Style, der hat uns alle beeindruckt, der hatte etwas von den 50ern. Manchmal finde ich das bei Ralph Lauren wieder.

DER STANDARD: Bei Ralph Lauren?

Joop: Ja, wenn ich eine Stilikone hätte, dann wäre das Ralph Lauren. Sein Männerbild ist absolut künstlich. Es ist durch und durch amerikanisch, dabei gibt es diese Art Männer gar nicht in Amerika. Lauren hat sich sein Ideal selbst kreiert: die rauen Stoffe, der WASP im Old-England- oder Trapper-Look. Ich mag das Glatte und Geleckte nicht, alles was mich an die 90er erinnert.

DER STANDARD: Sie leben hier in Potsdam in einer wunderschönen Villa, sammeln Kunst. Wollen Sie sich mit Kaputtem und Hässlichem nicht beschäftigen?

Joop: Schönheit ist viel provozierender als Hässliches. Ich will nicht das sehen, was mich bereits umgibt. Auch in der Kunst nicht: Es ist langweilig und untröstlich, sich kaputte Installationen anzugucken. Ich hasse Concept Art. Ich stelle mich vor ein Renaissancegemälde und denke über die geheimen Botschaften des Bildes nach, die Blasphemien und Grenzüberschreitungen. Das hat gleichermaßen etwas Magisches wie Meditatives.

DER STANDARD: Sie haben sehr elitäre Vorstellungen von Ästhetik. Hat Sie ein demokratischer Schönheitsbegriff nie interessiert?

Joop: Die Menschen verbringen so viel Zeit vor Laptops, sie googeln jedes Wort. Das ist das Ergebnis unserer eindimen-sionalen Bildung. Sie haben das Taktile verlernt, der Geruchsinn ist verkümmert. Ich möchte ihnen wieder beibringen zu sehen, zu fühlen, zu riechen.

DER STANDARD: Sie benutzen keinen Computer...

Joop: Nein, brauche ich nicht.

DER STANDARD: ... haben Sie keine Angst, den Kontakt zur technologischen Wirklichkeit zu verlieren?

Joop: Keine Sorge, ich kriege alles mit. Ich nehme die Halbbildung wahr, ich merke, dass Menschen nicht wissen, wie sie mit ihrem Wissen umgehen sollen. Irgendwann werden uns die Computer als Schädlinge betrachten und uns ausschalten. Viele wundern sich über die anachronistische Art, wie ich arbeite. Ich bin nicht mehr jung genug, um von meiner Arbeit einen Profit zu erwarten. Gleichzeitig bin ich nicht reich genug, um nur zu spielen. Ich möchte mein eigenes Menschenbild kreieren, das interessiert mich wirklich.

DER STANDARD: Die Mode befindet sich derzeit in den Klauen der Rezession. Ist das nicht ein denkbar schlechter Zeitpunkt dafür?

Joop: Es ist wirklich schade. Wo sind diejenigen, die sich bewusst für die Schönheit entscheiden, für die Kunst? Wo ist der Mäzen, der den Maler auf sein Schloss lädt und ihn dort ernährt?

DER STANDARD: Spüren Sie selbst die Krise?

Joop: Wer macht das schon? Wir empfinden die Krise nicht wirklich. Sie ist virtuell. Man lädt weiterhin sein Handy auf, das Auto steht nach wie vor in der Garage. Nach dem Krieg haben die Menschen die ganze Woche Suppe gegessen und am Wochenende Fleisch. Heute hat McDonald's den größten Aufschwung aller Zeiten.

DER STANDARD: Können Sie sich vorstellen, selbst arm zu leben?

Joop: Ich habe bereits arm gelebt. Das waren die Zeiten, als ich keinen Beruf hatte und Brutto für Netto hielt. Mir hat damals nur eines geholfen, das war meine Kreativität. Mit Kreativität wird man auch diese Krise bezwingen. Hoffen wir nur, dass nicht zu viele Feiglinge überleben und zu viele Helden sterben werden. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/28/08/2009)

1983 war Wolfgang Joop noch bedeutend jünger, sein Männerbild hat sich mittlerweile gewandelt. Wie genau, das zeigt die erste Männerkollektion seines Labels "Wunderkind", die vor kurzem in Paris vorgestellt wurde. Erhältlich wird sie im Frühjahr 2010 sein. Rund um den 65. Geburtstag des Designers (am 18. November) wird es zudem einen Jubiläumsband (bei Rolf Heyne) und ein neues Parfum geben.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Die Mainstream-Männermode ahmt die Schwulenmode nach. Nur dass die Heteros, nicht einmal wissen, wo ihr Stil herkommt. Männern ist ihre Position wichtiger als ihr Stil."

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Wunderkind-Kollektion

Share if you care.