Vorhang auf für Vorhangstoff

22. August 2009, 17:00
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Petra Blaisse macht textile Architektur. In ihrem Amsterdamer Büro Inside Outside entstehen Vorhangmuster, Tapeten und sogar Gärten. Immer mit dabei: die Komponente Chaos

"Manchmal verstehe ich die Architekten nicht", sagt Petra Blaisse, "einerseits finden sie Gefallen daran, harte Materialien einzusetzen und coole, leicht unterkühlte Räume zu schaffen. Andererseits wundern sie sich, wenn am Ende die Akustik nicht hinhaut." Nur gut, dass es das Büro Inside Outside gibt. In ihrem Amsterdamer Atelier kümmert sich die ausgebildete Künstlerin nämlich um jene Komponente, die in den meisten zeitgenössischen Architekturprojekten zu kurz kommt: ums Warme und ums Weiche.

"Das Wichtigste ist, dass meine Arbeiten nicht wie Fremdkörper ins Gebäude implantiert werden, sondern dass das Konzept stets in Zusammenarbeit mit den Architektinnen und Architekten entsteht", sagt die 54-Jährige. Von einer Sache ist sie felsenfest überzeugt: "Je mehr Leute sich aus unterschiedlichen Disziplinen einbringen, desto besser ist das fürs Projekt."

Wie zum Beispiel beim Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart. Schon während der Bauphase wurde Blaisse vom Rotterdamer Büro UN Studio kontaktiert, um mit ihrem Faible für Stoffe der Architektur den letzten funktionalen und atmosphärischen Schliff zu geben. Als Ergänzung zu den Flächen aus Aluminium und Beton entwarf Blaisse einen vertikal geschlitzten Vorhangstoff in den Farben Limonengrün und Schwarz. Er dient nicht nur als Hintergrund im Lounge- und Restaurantbereich, sondern auch als Schallschlucker.

"Ich arbeite gerne mit unterschiedlichen Ebenen", sagt die Gestalterin, "in diesem Fall haben wir verschiedene Stoffe entwickelt, die alle auf dem gleichen Konzept beruhen: Im Vordergrund hängen vertikale Saumstreifen aus grünem Textil, im Hintergrund gibt es schwarzen Choucroute, einen netzartigen, sogenannten Sauerkraut-Stoff, mit ein paar Durchblicken ins Ungewisse."

Schwarz-Weiß-Inspirationen

Auch in der Casa da Música in Porto hängen zahlreiche ihrer Werke. Während ihr Lebensgefährte Rem Koolhaas den preisgekrönten Betonbrocken baute, zückte Blaisse die Nähmaschine und beehrte die Aufführungsräume mit einem ganz feinen, nahezu transparenten Stoff. "Auf dem Land gibt es eine schöne Tradition. Wenn die Portugiesinnen sonntags in die Kirche gehen, tragen sie hauchdünne Kopfbedeckungen. Weiß, wenn sie ledig sind, schwarz, wenn sie verheiratet sind." Von diesem Bild ließ sich Blaisse inspirieren und hing, um Auge und Ohr zu verwöhnen, tonnenweise zartes Plissee vors Fenster. Auf der einen Seite in Schwarz, auf der anderen Seite in Weiß.

Ob sie ein Problem damit hat, mit ihrem Werk alteingesessene Rollenbilder zu bedienen? "Wer bei meiner Arbeit in Klischees denkt, der ist von vorgestern", antwortet sie keck und bezeichnet sich als Avantgardistin. "Vorhänge galten lange Zeit als Inbegriff des schlechten Geschmacks. Architekten haben dieses Element einfach gehasst. Völlig zu Unrecht. Ich glaube, dass wir dabei geholfen haben, den Vorhang unter neuen Gesichtspunkten zu etablieren und ihm jenen Stellenwert zurückzugeben, den er auch schon im Laufe der Geschichte hatte."

Landschaftsplanung

Neben der Gestaltung von Vorhängen und Tapeten liegt ein weiteres Standbein in der Landschaftsplanung. Fragt sich nur: Welchen Zusammenhang gibt es zwischen einem Stück Stoff vorm Fenster und einem Garten voller Blumen und Bäume? "Sowohl Vorhänge als auch Gärten entziehen sich der vollständigen Kontrolle durch den Menschen", sagt Blaisse.

"Die permanente Interaktion mit den Nutzern, die Launen der Natur, aber auch die ganz alltäglichen Faktoren wie etwa Sonnenstand, Temperatur und Luftfeuchtigkeit machen jeden Zustandsmoment eines Stoffes - ganz gleich ob künstlich oder natürlich - zu einem absoluten Unikat. Das Chaos ist nicht nur unausweichlich, es ist unverzichtbarer Teil dieser Materie."

"Wer bei meiner Arbeit an Klischee denkt, der ist von vorgestern ... Vorhänge galten lange Zeit als Inbegriff des schlechten Geschmacks. Architekten haben dieses Element einfach gehasst. Völlig zu Unrecht. " (Wojciech Czaja/Der Standard/rondo/21/08/2009)

  • Petra Blaisse (54) leitet das Amsterdamer Büro Inside Out-side. Für
den Innenraum entwickelt sie Vorhänge und Tapeten, für den Außenraum
entwirft sie Gärten.

    Petra Blaisse (54) leitet das Amsterdamer Büro Inside Out-side. Für den Innenraum entwickelt sie Vorhänge und Tapeten, für den Außenraum entwirft sie Gärten.

  • 
  Spiel mit Schall und Durchblicken im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart.
    foto: inside outside

    Spiel mit Schall und Durchblicken im Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart.

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