Hexen verjagen

21. August 2009, 09:52
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Yvonne war überzeugt, dass sich diese Leute im Jahrhundert geirrt hatten

"Darf ich deine Aura lesen?" Die Frau war einen Kopf kleiner als Yvonne und hatte sie vor dem Billa abgepasst. Yvonne mochte so was nicht. Bei Kartenlegern, Schamanen und Sterndeutern wurde ihr schwindlig. Sie war überzeugt, dass sich diese Leute im Jahrhundert geirrt hatten. "Nein", sagte sie, blickte die Hexe scharf an, drehte sich husch um, sodass ihre Absätze auf dem Asphalt quietschten, und rannte los. Sie spürte einen aurafressenden Blick hinter sich, der sich zu einer warmen Hand verlängerte, die Yvonne an der Hüfte fasste. Die Hexe war klein, aber schnell.

"Darf ich dir wenigstens die Zukunft deuten?", krächzte sie. Yvonne, die ohnehin nicht die mutigste war, floss Panikschweiß von den Schläfen. Die Hexe sah das mit Genugtuung und meinte: "Weißt du, du hast nämlich ein Loch in deiner Aura!" In diesem Moment tauchte Yvonnes Freundin, ihre Retterin, die mutige Zora auf. Sie stellte sich vor die Hexe, trat 15 Zentimeter in ihre Aura hinein, kreuzte ihre Zeigefinger vor ihrem Gesicht, sodass die Hexe einen schnellen Hops nach hinten machte und sagte: "Und du hast wahrscheinlich ein ziemliches Loch in deinem Kopf! Auf jeden Fall hast du noch viel weniger Ahnung von Yvonne als Yvonne selbst. Und jetzt rausch ab ins Mittelalter!"

Die Hexe, deren Zauberkräfte zerfallen waren wie tote Schmetterlinge, strich sich beleidigt die Haare aus der Stirn. Und Yvonne, die an der Seite Zoras, plötzlich sehr tapfer wurde, sagte generös zu der Entzauberten: "Magst du ein bisschen irdische Schokolade? Hilft super gegen Größenwahn."
(Adelheid Wölfl/Der Standard/rondo/21/08/2009)

  • Die Hexe sah das mit Genugtuung und meinte: "Weißt du, du hast nämlich ein Loch in deiner Aura!"
    foto: buchcover: die kleine hexe

    Die Hexe sah das mit Genugtuung und meinte: "Weißt du, du hast nämlich ein Loch in deiner Aura!"

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