Flirtregeln

13. August 2009, 17:00
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Wer krampft, verliert - Oder: Kür statt Pflicht

+++Pro
Von Doris Priesching

Am schlimmsten sind die Wahrheitsmenschen. "Auf einer Skala von eins bis zehn bist du neun", eröffnete einmal ein Unglückseliger das Kennenlerngespräch. Wir waren schnell fertig.

Womit wir bei Regel Nummer eins wären: Wer schwindelt, gewinnt. Nicht immer ist Authentizität von Vorteil. Regel Nummer zwei: Wer krampft, verliert. Zum Beispiel ist es von Vorteil, sich beim ersten Date nicht gleich vorzustellen, wie er sich als künftiger Vater von drei Kindern anstellt oder ob sie das T-Bone-Steak blutig genug hinkriegt. Das schlichte "Magst was trinken?" kann passen - oder nicht. Nur noch mühsam ist der zwanghafte Blickkontakt. Es ist also alles sehr kompliziert. Intuition gut und schön, aber nicht jeder hat die richtige. Ein moderates Regelwerk hilft Ungeschickten und zügelt Kühne. Der sympathischste Weg, Interesse an mir zu zeigen, ist übrigens lange her: Als ich 14 war, trug Philipp meine Gitarre vom Bus zur Schule. Als Danke reichte ich ihm Soletti auf die beliebte Art. Philipp befolgte Regel Nummer drei: aufmerksam sein.

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Contra---
Von Karl Fluch

Regeln machen durchaus Sinn. Etwa im Flugverkehr. Im zwischenmenschlichen Bereich - schon schwieriger. Gegenseitiger Respekt, eh klar: Vorm Schmusen zumindest den Namen erfragen und so. Dennoch: Im Stadium der Anbahnung geht die Kür klar vor der Pflicht. Dieses analoge Twittern schnöden Regeln zu unterwerfen spielt's da nicht. Einer möglichen Liebe fürs Leben unter Zuhilfenahme von Benimmschablonen den Weg vorzuschreiben, das ist so krank wie die US-amerikanische Dating-Kultur. Wer da schon beim 27. Treffen wagt, die Hand der Angebratenen mehr als zwo Komma vier acht Sekunden lang mit dem eigenen Patschhandi zu berühren und im Gespräch dann eines der zu diesem Zeitpunkt noch streng verbotenen Wörter verwendet, kommt gleich auf die Liste potenzieller Lustmörder.

Flirten ist eine Kunst, und eine Kunst, die sich Regeln unterwirft entzieht sich ihre Berechtigung. Außerdem: Wo kämen wir denn da hin, wenn all die fantasielosen Beamten des Lebens plötzlich die gleichen Chancen hätten wie wir Hallodris? (Der Standard/rondo/14/08/2009)

  • Nicht immer ist Authentizität von Vorteil.
    foto: der standard

    Nicht immer ist Authentizität von Vorteil.

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