Giles spielt gern

13. August 2009, 17:00
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Ein Kleid ist ein Kleid ist ein Kleid - Und wenn es darum geht, aus einem Kleid ein Ereignis zu machen, tritt der englische Designer Giles Deacon mit sicherem Tritt und Lust am Spiel auf den Plan

Giles Deacon ist so nett, dass man seine Kleider schon haben möchte, bevor man sie noch gesehen hat. Andererseits ist er so normal, dass man sich fragen muss, ob seine Kleider nicht vielleicht doch ein wenig langweilig geraten. Bevor man sie gesehen hat, wie gesagt.

Der große Engländer mit der nach unten geregelten Lautstärke hat den linkischen Charme eines Bibliothekars in Ausbildung und zieht sich an wie jemand, der sich entweder über Styling etc. keine Gedanken macht oder schon längst weiß, wie es geht. Man muss Letzteres annehmen.

Linie, Form, Farbe und Textur täglich untersucht

Denn Giles Deacon nimmt täglich Vermessungen seines schöpferischen Potenzials vor und überprüft seine Stilsicherheit routinemäßig. Einer, der das Zusammenspiel von Linie, Form, Farbe, Textur täglich systematisch untersucht, überlässt die Ästhetik nicht dem Zufall. Giles Deacon zeichnet. Das Papier ist der Boden, auf den er sich immer wieder bringt, wenn die plötzlichen Luftbewegungen des Modegeschäfts das Manövrieren erschweren. Bis dato hatten die Böen keine Chance. Giles Deacon blieb auf Kurs. Er absolvierte die Londoner St. Martin's School, eine internationale Mode-Kaderschmiede, entwarf für Bottega Veneta und Gucci, fing mit eigenen Kollektionen an, wurde 2006 britischer Designer des Jahres.

Mit gutem Grund: Giles Deacon liebt es klassisch. Gute Proportionen, einfache Linien, Kleiderformen, wie sie im Lehrbuch stehen: A-Linie, New Look, alles, was die Geschichte der Mode an Klassikern hergibt. Dann kommt sein Spieltrieb hinzu. Auf ein Kleid der aktuellen Sommerkollektion wird etwa ein Röntgenbild aus bunten Swarovski-Steinen genäht. Aber der Ausflug ins Spielzimmer geht nicht so weit, dass aus einem ernstzunehmenden Kleid eine schrille Kostümierung wird. Das Kleid ist ein Kleid und bleibt ein Kleid. Er verwendet seine Arbeit nicht, um sich als kreatives Genie zu inszenieren und sieht sich als Erfinder von Produkten, die gekauft und verwendet werden sollen.

"Das beste Regulativ sind die Leute, die in den Shops arbeiten. Ich frage sie immer, wie die Kunden reagieren und wie was ankommt. Die Aussagen sind besser als alle Trend- und Marktforschungen zusammen." Wie man die gestalterische Grundanforderung eines Produkts erfüllt und gleichzeitig seinen Spieltrieb auslebt, ist seine persönliche Quadratur des Kreises. Damit macht er sich zum beliebten Partner für Kollaborationen aller Art. Sein Engagement beim italienischen Luxus-Jacken-und-Accessoire-Macher Fay spielt alle diese Stückerln.

Die strengen Fay-Jackenformen werden in ihrer Strenge perfektioniert und dafür um ein paar Details ergänzt, die das Gesamtbild genug stören, um es interessant zu machen. Ein Trenchcoat etwa bekommt ein wildes Rosenmuster unter den Kragen, das nur dann blüht, wenn der Kragen hochgeschlagen wird. Diese geballte Ladung Understatement mit einem Witz zwischendurch kommt sehr englisch daher. Das sieht auch die britische Modeszene so und wundert sich umso mehr, dass Giles Deacon seiner Stadt in Zukunft untreu wird. Vor kurzem hat er angekündigt, die Frühjahrskollektion 2010 nicht in London, sondern in Paris zu zeigen, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die meisten jungen englischen Designer dem Pariser Laufsteg den Rücken kehren und wieder bei der London Fashion Week präsentieren. (B. S./Der Standard/rondo/14/08/2009)

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    Das Kleid ist ein Kleid und bleibt ein Kleid.

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