Frischmachen!

6. August 2009, 16:56
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Eine Kulturgeschichte der Sommerfrische mit Ausblick auf ihre mögliche Renaissance

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war das Wort Sommerfrische nur mehr selten in Gebrauch. Auf Sommerfrische ging damals noch der Großvater, ein Witwer, mit seinen drei bei ihm lebenden Töchtern. Alle waren Lehrer, und so begann die Sommerfrische mit dem ersten Ferientag und endete in der Woche vor dem Schulbeginn im Herbst.

Man "ging auf Sommerfrische", was bedeutete, dass man "mit Sack und Pack", also mit einem Großteil des beweglichen Hausrats, von der Bettwäsche bis zum Küchengeschirr, "aufs Land" fuhr und sich bei einem Bauern einquartierte. Das war bei den Großeltern zuerst in Sautens im vorderen Ötztal. Der Weg "in die Sommerfrische" war beschwerlich. Man fuhr mit der Bahn von Innsbruck bis zur Station Ötztal, dort wurde man vom Bauern mit einem Fuhrwerk abgeholt. Wer auf dem Leiterwagen keinen Platz fand, ging zu Fuß. Einfacher war es in der zweiten Sommerfrische, in Alpbach, wo die Familie bis zum Tod des Großvaters 1961 die Ferien verbrachte. Es gab eine Postautoverbindung, und der Hausrat wurde von den Quartiergebern beigestellt. Man machte Wanderungen, las und musizierte. Es gab kein Telefon und kein Fernsehen - also Erholung bei Plumpsklo und Baden im Waschzuber. Gelegentlich kamen Freunde auf Besuch, sie reisten am Morgen mit dem Postauto an und am Nachmittag wieder ab und brachten Gespräche, Bücher und Zeitungen mit.

Für Kinder waren solche Besuche bei den sommerfrischenden Verwandten langweilig. Stunden, die zäh dahinrannen, auf Liegestühlen unterm Kirschbaum, ein verlorener Ferientag, ganz anders als bei den Villacher Großeltern, wo Badeausflüge zu den Kärntner Seen auf dem Programm standen und die Mahlzeiten extra für die Kinder als österreichisch-böhmische Tradition zelebriert wurden. Dagegen war die Sommerfrische der großväterlichen Lehrerfamilie im Tiroler Bauerndorf so etwas wie das kleinbürgerliche Auslaufmodell einer Form der Feriengestaltung, der Adel und Großbürgertum einst zu Glanz verholfen hatten.

Der Begriff Sommerfrische scheint im Deutschen zuerst in Zusammenhang mit der Südtiroler Handelsstadt Bozen aufgetaucht zu sein. Schon im Spätmittelalter hätten reiche Bozner Patrizier samt Gesinde als "Frischleut" die heiße Stadt mit den kühlen Höhenlagen am Ritten und am Schlern getauscht. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm vermerkt die "frische" als schon im 17. Jahrhundert belegt: "wo die statt Bozen ire refrigeria oder frischen halten".

Im ganzen deutschen Sprachraum machte den Begriff dann der bayrische Bestseller-Autor Ludwig Steub bekannt, der 1846 über die Gewohnheit der Bozner berichtete, im Sommer auf das Hochplateau des Ritten zu übersiedeln. Zu den "Acht Bozner Seligkeiten", die nach einem Gedicht den gestandenen Bürger der Stadt auszeichnen, gehörten neben einer Boznerin zur Frau, einem Haus unter den Lauben, einem Weingut in Gries, einem eigenen Kirchenstuhl, einer Loge im Stadttheater, einem Familiengrab unter den Friedhofsarkaden und Wäsche für ein halbes Jahr im Schrank auch "ein Sommerfrischhaus auf dem lustigen Ritten".

Die Sommerfrische war indes nicht nur das Ziel für regionale Stadtflüchtige. Die Großstädte des 19. Jahrhunderts waren, wie der Historiker Albert Lichtblau in Erinnerung ruft, "laut, schmutzig, stinkend". Wer immer es sich in Wien leisten konnte, folgte dem Beispiel von Kaiser und Adel und kehrte der Stadt wenigstens für einige Wochen den Rücken. Die Wiener Ringstraßenbarone bauten ihre Sommervillen am Semmering, im Raxgebiet und im Salzkammergut. Die Künstler und Intellektuellen folgten.

Arthur Schnitzlers Werk ist ohne die erotische Faszination der Sommerfrische nicht denkbar. Egon Friedell, Peter Altenberg, Felix Salten, Gustav Mahler und Arnold Schönberg ließen sich vom Semmering inspirieren. Theodor Herzl urlaubte in Altaussee, Gustav Klimt malte am Attersee. Und Sigmund Freud schrieb in Klobenstein am Ritten sein Werk Totem und Tabu.

Ein trauriges Kapitel in der österreichischen Tourismusgeschichte ist der "Sommerfrischenantisemitismus" (Lichtblau) im Vorfeld des Nationalsozialismus. Zahlreiche Orte wie Mattsee, Ötz, Fügen im Zillertal oder Jerzens im Pitztal buhlten in den 1920er- und 1930er-Jahren mit der Ablehnung jüdischer Gäste um "arische" oder "reichsdeutsche" Klientel. Denunzierende Bezeichnungen wie "Ischeles" (Bad Ischl) oder "Igeles" (Igls bei Innsbruck) verunglimpften jüdische Sommerfrischler. Viele Gemeinden gerieten, wie die Wiener Allgemeine Zeitung 1927 berichtete, in einen Zwiespalt. Sie waren "bis Mitte Juni radikal antisemitisch, von Mitte Juni bis Mitte September verlogen judenfreundlich - Judengeld ist eben auch Geld - und vom halben September an wieder radikal antisemitisch." Für die Gegenwart hingegen ortet der Autor Robert Schindel in Aussee ein friedvolles Nebeneinander: Auf dem Friedhof sind der jüdische Schriftsteller Jakob Wassermann, der Führerdichter Bruno Brehm und der SS-Mann Wilhelm Höttl begraben.

Den Niedergang der Sommerfrische besiegelte in den 1960er-Jahren der industrielle Massentourismus von Neckermann und Co. Auch die Töchter des Großvaters verbrachten nach dessen Tod ihre Ferien in Italien. Der Begriff Sommerfrische verkam zum nostalgischen Markenzeichen, unter dem sich "Ferien wie zu Kaisers Zeiten" oder "Toni's Freilandeier" verkaufen ließen.

Jetzt freilich, im Zeichen von Finanz-, Wirtschafts- und Airlineskrise, könnte die Sommerfrische eine neue Bedeutung erfahren: Erholsame Tage in alpinem Reizklima statt quälender Stunden in klimatisierten Flughäfen, Schwammerlsuchen im Salzkammergut und Alpkäse im Bregenzer Wald statt Krabben in der Karibik. Eine Überlebensstrategie für die gebeutelte Tourismusindustrie oder doch nur die Illusionen von "Weniger ist mehr" träumen? (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/7.8.2009)

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    Im Zeichen von Finanz-, Wirtschafts- und Airlineskrise, könnte die Sommerfrische eine neue Bedeutung erfahren.

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