Bis einer weint

1. August 2009, 17:00
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Festspiele sind Straßenkampf: Die Event- und Societyfotografin Doris Wild erzählt Thomas Rottenberg, wie es in Salzburg hinter den Paparazzi-Linien zugeht

"Wir nennen es Straßenkampf." Damit, sagt Doris Wild, habe sie sich bereits abgefunden. Mehr noch: Die Salzburgerin sagt, sie glaube, "dass es so lange noch schlimmer werden wird, bis wirklich was passiert". Denn bis jetzt, sagt Wild, habe Salzburg Glück gehabt: "Es gibt immer ein paar gebrochene Finger und ein paar Watschen. Ab und zu eine Anzeige wegen Körperverletzung. Aber irgendwann wird eine Oma mit ihrer Pocketkamera wohl stolpern und sich zumindest schwer verletzen. Das ist nur eine Frage der Zeit."

Doris Wild ist kein Hooligan. Sie ist Fotografin. Und in Salzburg ist die quirlige 42-Jährige ein Teil jener "Meute" (Wild), die dafür sorgt, dass jeder Zeitungsleser - insbesondere jene, die keine Kulturseiten lesen - weiß, wer wo wann mit wem war.

Genauer: Wild war schon vor der "Meute" da. Denn 1990, als sie auf Promi-Pirsch zu gehen begann, gab es in Salzburg nur zwei VIP-Jägerinnen. Beide waren Profis: "Die Münchnerin Sabine Bauer bediente die deutschen Medien, ich die österreichischen", erinnert sich Wild - und wird nostalgisch: "Salzburg war familiär: Wir wurden überall eingeladen - sogar in die Villa vom Ropac (Thaddaeus, Galerist; Anm.)."

Die A-Promis blieben aus

Doch als zu Beginn der 90er-Jahre der Höhenflug der Society-Ressorts begann, änderte sich das: Die Zahl der VIP-Ablichter wuchs und wuchs. Nur die Zahl der Events blieb gleich. So wie die Zahl - und die Namen - der Gäste. Schlimmer noch: "Die A-Promis blieben immer öfter aus, je mehr Rummel da war. Oder ließen sich nicht mehr fotografieren. Dafür kam die B- oder C-Liga nach." Egal. Denn Gesellschaftsressorts brauchen Gesichter - und die Glamour-Erwartungen stiegen, je mehr Medien in den Adabei-Festspielring stiegen -, weil die anderen ja auch da waren. Vor Ort stieg der Druck. Und Mitte der 90er-Jahre kam es zur Explosion: "Beim Ropac haben die Fotografen die Gäste niedergerannt. Die mussten Gewalt anwenden, um nicht niedergetrampelt zu werden", erinnert sich Wild. Ropac tat umgehend, was bald auch andere taten: die Knipser-Meute aussperren nämlich. Event-Fotos kommen seither meist von Auftragsfotografen der Eventmacher. Der feine Nebeneffekt: die Kontrolle über das Bildmaterial.

Auf der Straße, erzählt Wild, habe sich dadurch der Druck "natürlich verstärkt". Mehr noch: Seit jedes Internetmedium neben Promigallerien auch Web-TV anbieten will, steige die Zahl der Paparazzi immer weiter an. Und neben den Profis stünden immer öfter "Amateure, die fehlendes Können und schlechtes Equipment durch Körpereinsatz wettmachen wollen: die Meute".

Auf Dauerfeuer

Dazu, so Wild, kämen noch "Normalos, Fans und Pensionisten, die natürlich auch dort stehen wollen, wo man alle Promis erwischt". Der Effekt sei klar: "Sobald sich einer bewegt, drängeln und schieben alle. Am schönsten sieht man das, wenn der Gottschalk auftaucht: Der steht jedes Jahr mit dem Rücken an der Wand - und auf seinen Zehen trampeln Fotografen herum."

Gute Fotos, sagt die Fotografin, könne man da keine machen: "Damit du im Nahkampf noch was draufkriegst, hast du das Weitwinkelobjektiv drauf: Gesichter sehen dementsprechend aus. Und weil du auf Dauerfeuer bist, ist alles auf Automatik gestellt: Mit Fotografie hat das alles nichts mehr zu tun." (Thomas Rottenberg/Der Standard/rondo/31/07/2009)

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    Die "Meute" auf Beutejagd - diese Menschen haben vor allem eins im Sinn und im besten Fall vor der Linse: wann, wo, wer mit wem.

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