Am besten gleich Dirndl

30. Juli 2009, 17:00
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Wie viel Grandezza haben Festspiele? Der römische Designer Roberto Capucci über das Verschwinden wahren Stils, und was man in Salzburg am besten trägt

Es gibt ein Wort, das mag Roberto Capucci gar nicht. Nichts weniger als den Untergang der Mode, sagt er, habe es zu verantworten. Das Wort ist "sexy", und nimmt es der römische Designer in den Mund, dann verzieht er sein Gesicht.

Roberto Capucci ist das, was man einen Modemacher alter Schule nennt. Ein Grandseigneur, der italienische Patriziertöchter für das Fest zu ihrer Volljährigkeit einkleidet. Spricht er über die italienische Gesellschaft, dann meint man, Gina Lollobrigida und Sophia Loren wären noch immer junge Filmschauspielerinnen. Capuccis Herz pocht für den Stil der 50er, die Empfänge, die Bälle, die elitären Festspiele. All diese Festlichkeiten haben ihre Gesichter deutlich gewandelt. "Selbst Festspiele sind heute modische Trauerspiele."

Seinen eigenen Stil haben

Dabei waren diese ursprünglich ein dem Alltag enthobenes Fest. Die große Garderobe gehörte zum Pflichtprogramm. "Es gibt drei Fehler, die man mit seiner Festtagsgarderobe begehen kann." Der erste ist, dass man sich jünger macht, als man wirklich ist. "Jeder möchte aussehen wie 18. Dabei fängt man erst mit 30 an, interessant zu werden." Der zweite ist, dass man mit der Mode geht. "Damit gibt man sich der Lächerlichkeit preis. Es geht doch darum, seinen eigenen Stil zu haben und nicht jenen eines anderen zu imitieren." Und der dritte ist, sich - genau - besonders sexy zu geben.

Dieser Fehler wiegt bei Festtagsmode besonders schwer und wird von Capucci als das italienische Fernsehenansagerinnen-Syndrom bezeichnet. "Ich verstehe nicht, warum Frauen aussehen möchten wie diese leichtgekleideten Damen im Fernsehen. Ich glaube nicht, dass meine Abneigung ihnen gegenüber nur mit meinem Alter zu tun hat." Capucci ist 79, und auch wenn seine Hochzeit schon einige Jahrzehnte zurückliegt, genießt er in der Mode eine herausgehobene Position. Ohne Roberto Capucci gäbe es keinen Issey Miyake oder Viktor & Rolf, waren sich die Modekritiker einig, als vor einiger Zeit eine Ausstellung mit Capucci-Kleidern und japanischen Waffen um den Erdball zog. Was damit gemeint war, ist einfach zu erklären:

Der römische Modemacher, der in den 60ern sowohl in Paris als auch in Rom ein Atelier betrieb, schneiderte nie für den Alltag. Seine Kleider ähneln von architektonischen Ideen inspirierten Kokons, denen sich die Trägerinnen unterordnen. Er zauberte 27 Blautöne in den Faltenwurf eines Kleides, kreierte Kleider, die sich wie Schmetterlingsflügel um die Trägerin schmeicheln oder sich wie Ballons aufblähen. Seine wichtigste Kreation wurde durch eine Cadillac-Werbung berühmt: ein Rock aus neun Schichten, von denen jede vom Körper einen Hauch weiter absteht.

Die hohe Kunst der Alta Moda

"Der allgemeine Geschmack interessiert mich nicht. Mein Denken kreist um die Alta Moda." Sprich: die italienische Spielform der Haute Couture, die für ihren Farbensinn und ihr frauliches Körperideal gerühmt wurde. Heute existiert sie nur noch in Schwundformen, mit dem Aufkommen des Prêt-à-porter trat sie einen bis heute andauernden Rückzug an. "Meine Kundinnen gehören zu Familien, die ich seit Generationen einkleide und bei denen der kommerzielle Aspekt von Mode nicht im Vordergrund steht."

In der Versessenheit auf Gewinne sieht Capucci einen der traurigsten Aspekte des heutigen Mode-Systems. Als im Jahre 2003 junge Designer unter seinem Namen Kollektionen entwarfen, machte der deutsche Radikaldesigner und zukünftige Wiener Modeprofessor Bernhard Will- helm den Anfang. "Ein sehr begabter Designer", sagt Capucci heute. "Was ist eigentlich aus ihm geworden?" Mit dem heutigen Modebusiness weiß Capucci wenig anzufangen. Gute Moderatschläge hat er vielleicht gerade deswegen parat: "Die schönsten Kleider bei den Salzburger Festspielen sind die Dirndln. Sie sind schlichtweg perfekt. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/31/07/2009)

In der Ausstellung "Wir sind Maske" im Wiener Völkerkundemuseum ist bis 28. 9. Capuccis Maskenkleid zu sehen. www.khm.at

  • Nachdenken über den Stil einer Zeit: Mit heutiger Mode weiß Roberto
Capucci wenig anzufangen. Im Bild eine seiner spektakulären
Kreationen.
    foto: hersteller

    Nachdenken über den Stil einer Zeit: Mit heutiger Mode weiß Roberto Capucci wenig anzufangen. Im Bild eine seiner spektakulären Kreationen.

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