Hitze in der Stadt

23. Juli 2009, 16:51
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Bloße Füße, kurze Röcke, nackte Schultern: Im Sommer ist der Stadtbewohner einer ganzen Reihe von modischen Belastungsproben ausgesetzt - Dabei möchte er sich eigentlich nur fühlen wie auf dem Land

Eines der schönsten Theaterstücke über das Wesen der Sommerfrische hat bereits einige Jahre auf dem Buckel und stammt vom russischen Dichter Maxim Gorki. Sommergäste heißt es, handelt von einer Gesellschaft von Wichtigtuern und Langeweilern, und es zerstört genüsslich alle Mythen, die sich um das Leben auf einer Datscha ranken. Aus der Zwanglosigkeit in lichten Birkenwäldern, aus der Geselligkeit im idyllischen Holzhaus schält Gorki die Zwistigkeiten kleinbürgerlicher Seelen.

Der Städter, so Gorkis giftige Moral, entkommen auch auf dem Land nicht seiner beengten Existenz. Diese Einsicht empörte seine Zeitgenossen: Eine der beliebtesten Antithesen, das schöne Land versus die hässliche Stadt, hatte sich plötzlich in Luft aufgelöst.

Selbstvertrauen und gegenseitiges Entgegenkommen

Sie lässt uns bis heute nicht los: Wenn die Städter dieser Wochen wieder aus ihren Behausungen fliehen, ihre Blazer und Business-Kostüme ablegen, um im Dirndl oder Lodenrock durch das Salzkammergut oder das tiefste Kärnten zu streifen, schauen sie mit einer Mischung aus Mitleid und Überheblichkeit auf die Daheimgebliebenen zurück.

Diese sitzen in ihrer Vorstellung geknechtet in ihren Büros oder wälzen sich im drückend-heißen Klima in ihren Betten. Deren Gedanken kreisen nur um eines: leichte Wickelkleider, Shorts und Tanktops in der vor Frische knisternden Natur. "In den Städten ist schlecht zu leben. Da gibt es zu viele der Brünstigen", ließ Friedrich Nietzsche seinen Zarathustra sagen, nicht ohne sofort hinzuzufügen: "Ich liebe den Wald." Was der Philosoph trug, als er diese Worte in seinem Häuschen in Sils Maria notierte, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich einen feinen städtischen Gehrock. Immerhin hielt er die Mode in Ehren: Sie, schrieb er, fördere das "Selbstvertrauen und gegenseitige heitere Entgegenkommen".

Letzteres trifft auch auf den Gegensatz von Stadt und Land zu, und das ist besonders gut im Sommer zu beobachten, wenn unsere Großstadtstraßen von Blumenprints, wiesengrünen Shorts über haarigen Männerbeinen oder zehenbleckenden Sandalen in allen Variationen bevölkert werden. Die Sehnsucht nach dem Land bahnt sich durch die Kleidung ihren Weg an die Oberfläche, und sie macht das natürlich in einer durch und durch domestizierten Art - ansonsten könnte der Städter womöglich von der kreatürlichen Natur erschreckt werden. Das möchte niemand.

Spaghettiträger im Büro?

Im Sommer ist der Stadtbewohner nämlich schon genügend Belastungsproben durch die Mode ausgesetzt. Ob bloße Füße, kurze Röcke oder nackte Schultern - die Freizügigkeit der sommerlichen Mode wirft alljährlich Fragen des Anstands und der Etikette auf (kurze Hosen und Spaghettiträger im Büro?) und erinnert uns daran, dass unter jeder Kleidung ein Körper steckt: ein Schweiß und Gerüche absonderndes Etwas, das viel besser in die freie Wildbahn zu passen scheint als zwischen Bürotürme. Am kühlen See oder auf den sonnigen Almen vermischen sich die Ausdünstungen der überhitzten Körper wesentlich harmonischer mit dem Frittierfett oder den Kuhkrapfen als in der nicht klimatisierten U-Bahn.

Die Sehnsüchte der armen Städter sind vor diesem Hintergrund also durchaus nachvollziehbar, und nicht von ungefähr tragen ihre bevorzugten sommerlichen Kleidungsstücke (etwa Caprihosen oder Bikinis) die Orte ihrer Fantasien bereits im Namen. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/24/07/2009)

Fotos: Michael Dürr 
Retouche: Natalie Leroy
Model: Babs de Jongh / Tempo Models
Make-up & Haare: Karin Dunst / Perfect Props
Mode von: Cathy Pill, Veronique Leroy, Preen und Florian.
Alle Outfits sind erhältlich bei Nachbarin in der Gumpendorferstraße 17, 1060 Wien, www.nachbarin.co.at

  • Jeanskleid von Preen, Kette von Florian
    foto: michael dürr

    Jeanskleid von Preen, Kette von Florian

  • Kleid von Cathy Pill
    foto: michael dürr

    Kleid von Cathy Pill

  • Kleid von Cathy Pill
    foto: michael dürr

    Kleid von Cathy Pill

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