Zucchetta klingt größer als Zucchino - Das wahre Ausmaß dieser Ungetüme offenbart sich aber erst jetzt, weiß Ute Woltron
Unbestreitbar zählen Abstecher durch italienische Gemüsemärkte zu erhabenen Erlebnissen. Erstens wegen der Gemüsehändler, egal ob Mann oder Frau. Ihnen allen wohnt lautstark die Überzeugungskraft eines Giuseppe Garibaldi inne - selbst Sarkozy würde ihnen mit Vergnügen einen Fiat abkaufen und sich noch dafür bedanken.
Zweitens wegen der angepriesenen Ware. Angesichts der Qualität dieser Gemüser müsste selbst ein Gebrauchtwagenhändler nie lügen. Außerdem herrscht in Italien auch regional eine Gemüseartenvielfalt, die jeder EU-Normierung Hohn spricht.
So auch auf den Märkten im Bauche Palermos. Auf dem größten von ihnen verbrachte ich im vergangenen Sommer mehrere glückliche Tage und vertiefte mich beispielsweise in die unterschiedlichen Zucchini-Sorten. Die beeindruckendste war mehr als einen Meter lang, schlank und gewunden wie eine Schlange. Hierzulande jedenfalls auf keinem Markt je da gewesen.
Scheibchenweise in Olivenöl
Zucchetta siciliana hieß sie, und in den kleinen Straßenlokalen der Altstadt briet man sie scheibchenweise in Olivenöl, was gar köstlich war in Kombination mit den Früchten des Meeres und den gekelterten Traubenvarietäten des kulinarisch gesegneten Eilandes.
Samen mussten her, keine Frage. Der experimentelle Anbau nördlich der Alpen und im heurigen Frühling gelang auf verheißungsvolle Weise. Von den etwa sieben Pflanzen wurden fünf in noch jugendlichem Töpfchenalter verschenkt. Zwei durften in großen Bottichen vor dem eigenen Haus ihren Platz einnehmen und südseitig über eine ästhetisch selbstverständlich vollkommen geknüpfte Seilkonstruktion klettern.
Damit huben sie so gegen Mitte Mai an. Etwa Mitte Juni begann die Angelegenheit bedenkliche Dimensionen anzunehmen, die Zucchetta-Pflanzen beschatteten mit ihren doch zumindest huflattichgroßen Blättern mittlerweile die halbe Fassade. Nun, Mitte Juli, haben sie bereits oben den Dachfirst im Sturm genommen und unten mehrere Rosenstöcke überwuchert. Ein Ende ist nicht absehbar.
Zwischenzeitlich begann das Telefon zu läuten. Verschreckte Zucchettapflanzenabnehmer und -abnehmerinnen waren am anderen Ende. Um die im Mai entgegengenommenen Zucchinipflanzen ginge es, sagten sie. Die seien abartig. Ein Irrtum müsse vorliegen. Zucchini seien das garantiert nie und nimmer.
Gerüste bauen zurechtstutzen
Die Gemüsegärten, in denen man ihnen sonnige, nette Plätzchen vermacht habe, wären zwischenzeitlich von den Giganten devastiert, ja nachgerade überwuchert. Man wolle sich jetzt erkundigen, was in drei Teufels Namen ich ihnen hier angedreht hätte.
Na ja, wer das Experiment wagt, gewinnt zumindest an Erfahrung.
Die Lösung hieß in den meisten Fällen: Gerüste bauen und die Ungetümer ein wenig zurechtstutzen. Wenn dann die Früchte ins Endlose zu wachsen drohen, erwarte ich die nächste Anruferwelle.
Mein Tipp: Erntet, Leute, und zwar rechtzeitig. Sonst ist des Zucchettafressens im Herbst kein Ende. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/17/07/2009)
Tipp
Am besten schmecken alle Zucchini-Sorten natürlich, wenn sie noch ganz
jung geerntet werden. Das gilt auch für die Zucchetta lagenaria
siciliana, die der Familie der Flaschenkürbisse zugeordnet wird. Das
Motto lautet: Lieber bleistiftlang als keulenartig. Die Zucchetta in
ihrer ausgewachsenen Schlangenform schaut zwar toll aus, gibt aber
kulinarisch nicht mehr ihr Bestes. Sollten Sie eine dieser Pflanzen
ziehen wollen: Sorgen Sie dringend für ein ordentliches Gerüst, am
besten ein pergolaartiges. Zu erwarten sind mindestens vier, fünf Meter
lange Triebe, an denen die Früchte herabbaumeln. Schaut sehr nett aus.
Wenn man's vorher weiß ...