Meister der Lampe

16. Juli 2009, 16:45
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Die Leuchten des Lichtmagiers Paul Cocksedge werden per Bleistiftstrich oder mittels einer Blume eingeschaltet

Und als Glühbirne kann durchaus ein Schluck Gin Tonic herhalten. Ingo Petz besuchte den Designer in London.

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Wie ein Tor zu einer anderen Welt wirkt der Zugang zur Werkstatt des Londoner Designers Paul Cocksedge. Links neben dem kleinen Gelände nahe der zentralen Mare Street im Londoner Stadtteil Hackney liegt eine Straße mit zweistöckigen Häusern, viele grau und heruntergekommen. Vor einem dieser tristen Häuser steht ein kahlgeschorener Mann im Trainingsanzug mit einer Bierdose in der Hand. Irgendwo bellt ein Hund, Polizeisirenen heulen. Hackney gilt immer noch als einer der ärmsten Stadtteile Londons, aber auch als einer der hippsten. Die günstigen Mietpreise ziehen Designer, Künstler und sonstige Kreative in den Osten der Stadt. So auch Cocksedge.

Nichts deutet darauf hin, dass in dem containerähnlichen Bau einer der bekanntesten Designer Großbritanniens arbeitet. Kein Schild, kein Schaufenster. Nur die Stahltür zu Cocksedges Werkstatt steht offen und bannt den staunenden Blick auf eine weiße, große, runde Lampe, zusammengesetzt aus wabenartigen Elementen, die von innen leuchten wie ein Stern am nächtlichen Firmament.

Es ist keine Installation. Dennoch ist diese zufällige Szene mit dem Leuchter, der Cocksedge vor ein paar Jahren bekanntmachte und ihn bereits in jungen Jahren in der Designwelt etablierte, typisch für die magischen Designspielereien des Briten. Wohl niemand in der heutigen Designszene kann dies so gut wie der 31-Jährige: die Welt überraschen, sie zum Strahlen und zum Sich-Wundern bringen. Der Illusionist unter den Designern ist ein junger, schlanker Mann mit sonnigem Gemüt und strahlenden Kinderaugen. "Es war vor allem das Material, das es mir angetan hatte. Hier, fühlen Sie mal!" Cocksedge baute seine "Styrene"-Lampe aus hunderten dieser leichten, weißen Styropor-Bechern, die er vorher im Ofen buk, sie so verkleinerte, dann zusammenklebte und damit stabilisierte. Wie man auf so etwas kommt?

Backen auf Bestellung

Neben einem ausgeprägten Entdeckergeist braucht man wohl einen Hang zum Kindlich-Verspielten. "Das Material hat mich irgendwie fasziniert, als ich als Student daraus Kaffee getrunken habe. Es ist so leicht, so schön, wenn es unter Hitze förmlich zerfließt." Er habe dann einfach überlegt, was er mit den Styroporbechern anstellen könne, habe mit ihnen gespielt. Schließlich seien sie halt im Backofen gelandet.

Die aufwändigen Leuchten produziert Cocksedge mit seinen zwei Mitarbeitern auf Bestellung. Zwei Backöfen stehen in der Werkstatt, die auch wie eine Werkstatt aussieht und nicht wie ein hyperhippes Atelier eines Top-Designers. Überall Werkzeuge, Kisten. Auf einem Tisch steht eine andere von Cocksedges Erfindungen. Eine schlanke Leuchte, die an die Arbeiten des deutschen Lampendesigners Ingo Maurer erinnert. Unter ihr ein Stück weißes Papier, auf dem ein Stromkreislauf mit Bleistift gezeichnet ist. "Und nun passen Sie auf!" Cocksedge nimmt einen Bleistift und zeichnet eine Linie, die den Kreis durchkreuzt - und plötzlich brennt die Lampe. Dann zeichnet er eine Schlangenlinie durch die eben gezeichnete Linie - das Licht wird gedimmt. Dann nimmt er einen Radiergummi und radiert ein Stück der Linie weg - das Licht geht aus. Dies ist eine von Cocksedges Erfindungen, deren Funktionsweise vergleichsweise leicht zu verstehen ist. Durch den Grafit, aus dem die Bleistiftmine besteht, wird der Stromkreislauf der Lampe geschlossen. "Ich mag Grafit als Material", sagt Cocksedge. Und so habe er sich wieder einmal überlegt, was er damit anstellen könnte - in Verbindung mit Licht. Man kann nun kritisieren, dass solch eine Leuchte, auch wenn sie recht ansprechend aussieht, keinen wirklichen Sinn hat und ihre Existenzberechtigung in einer Mischung aus Spaß, Spiel und Aha-Effekt zu suchen ist. "Da ist etwas dran", sagt Cocksedge. "Aber man kann sie natürlich auch als Notizlampe neben dem Telefon benutzen."

Spaß, Arbeit und Kopfschmerzen

"Ich finde schon, dass Design auch amüsieren und unterhalten sollte", sagt er weiter und nippt an seinem teerschwarzen Kaffee. "Allerdings sollte man meine Arbeit nicht als reinen Spaß abtun. Solche Dinge zu entwerfen bedeutet viele Stunden ernsthafte Arbeit und Kopfschmerzen, bis man den Punkt erreicht hat, an dem man weiß, dass etwas funktioniert." Als Zuschauer ist es gar nicht leicht zu verstehen, wie Cocksedges Arbeiten tatsächlich funktionieren.

Mysteriös ist eine Lampe, die er für die Ginmarke Bombay Sapphire entwickelt hat. Formschön hängt ein glühbirnenartiges Gefäß in einer gläsernen Kugel. Beleuchtet von UV-Licht fängt das durchsichtige Gefäß im Inneren der Kugel an blau zu leuchten, ohne dass irgendwelche Kabel an dem Konstrukt zu entdecken wären. Bei der Leuchte "Life 01" wiederum wird eine Glasvase zur Leuchte, indem man eine Blume hineinstellt. Ist die Blume verwelkt, erlischt das Licht.

Cocksedge wurde 1978 in London geboren. Zum Studium des Industriedesigns ging er nach Sheffield an die Hallam University. Danach studierte er Produktdesign unter Zampano Ron Arad am Royal College of Art in London, wo er 2002 abschloss.

Straßenlaternen die den Regen ablenken

Der Drang, die Welt zu ergründen, und die Neugier für chemische und physikalische Prozesse sind bei Cocksedge offensichtlich. Aber er selbst sagt, dass er als Kind nie eine besondere Begabung für die Naturwissenschaften gehabt habe. "Ich gehe den Dingen gern auf den Grund", erklärt Cocksedge. "Da kann ich mich richtig hineinbeißen." Damit seine Extravaganzen auch wirklich funktionieren, hat Cocksedge einen "speziellen Freund", wie er ihn nennt. "Wenn ich an etwas arbeite, frage ich ihn einfach, ob dies oder jenes funktionieren könne. Er ist ein Entdecker, der niemals aufgibt. Er sorgt für die technische Funktion meiner Arbeit. Die eigentliche Idee kommt von mir." Ob er einen Geheimtipp für seine Inspiration habe? Es sei hilfreich, nicht mit zu vielen Designern abzuhängen, sagt er, sondern mit unterschiedlichen Menschen, die unterschiedliche Berufe haben. Dann blickt er auf seine Styrene-Lampe. "Zudem sollte man immer Interesse aufbringen, auch wenn die Ideen manchmal sehr absurd sind."

Für die neue Ausstellung "Super Contemporary", zu der die Macher des Designmuseums junge Londoner Designer eingeladen hatten, ihre Ideen für ein London der Zukunft beizusteuern, hatte Cocksedge einen geradezu spektakulären Einfall. Er kreierte Straßenlaternen und Leuchten, die ein elektromagnetisches Feld entwickeln, das den berüchtigten Londoner Regen ablenken kann. In der Ausstellung zeigt er beispielsweise die Millennium Bridge bei Regen, der durch wundersame Art nicht auf die Passanten fällt, sondern von einem unsichtbaren Feld weggeleitet wird.

Oder Radfahrer, die mit diesem Schutzschild ausgestattet durch den Regen fahren, ohne nass zu werden. Cocksedge lächelt, als er sein Projekt am Laptop demonstriert. Die nächste Frage hat er geahnt. Ob dieser Schutzschild wirklich funktioniert? "Nein", antwortet er, macht eine Pause und sagt schließlich: "Noch nicht." (Ingo Petz/Der Standard/rondo/17/07/2009)

  • Leuchte "Life 01" von Paul Cocksedge: Gibt man eine Blume in die
Vase, wird sie zur Leuchte. Verwelkt diese, geht auch das Licht aus.
    foto: hersteller

    Leuchte "Life 01" von Paul Cocksedge: Gibt man eine Blume in die Vase, wird sie zur Leuchte. Verwelkt diese, geht auch das Licht aus.

  • Paul Cocksedge
    foto: hersteller

    Paul Cocksedge

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