Vierundachtzig Sommer mit frischen Eindrücken

11. Juli 2009, 17:00
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Der Sommerfrischler und Kaiser, Franz Joseph, war Salzkammergut-Experte. Und kannte auch nicht alles

Erstens einmal: Das Wetter im Salzkammergut ist bedeutend besser als sein regenschwangerer Ruf. Zweitens handelt es sich beim Salzkammergut um eine erhebende oberösterreichisch-steirisch-salzburgische Landschaft aus Bergen und Seen, die auch ohne k.u.k. Folklore auskommt. Oder besser: ohne aufdringliche Folklore.

Beginnen wir im Innersten des inneren Salzkammerguts, dort, wo man allenthalben auf hocharistokratischen Sommerfrische-Spuren wandelt. Ein tolles, wenig bekanntes Dokument kaiserlicher Koketterie findet sich in einem tiefen, schattigen Tal hinter Hallstatt. Waldbachstrub heißt es dort dekorativ. Am Wegrand beugen rare Türkenbundlilien ihre lila Turban-Blüten vor dem schwitzend aufsteigenden Wanderer, der oben an einen weit in die Tiefe stürzenden, sprühenden Wasserfall kommt.

In dessen Nähe haben die Hallstätter mit viel Sinn für Selbstironie eine Tafel aufgestellt, die den Ort als eines der Lieblingsausflugsziele des Kaiserpaares Franz Joseph und Sisi ausweist und dazu einen Auszug aus einem Brief des Kaisers, der 84 der 86 Sommer seines Lebens im Salzkammergut verbrachte. In dem Brief spricht Franz Joseph recht unverschlüsselt vom erstaunlichen Kontrast zwischen der Schönheit des Salzkammerguts und den Simpeln, die dieses bewohnen. Nicht alles hier ist also reiner Kaiser-Kitsch. Es gibt auch Sinn für Humor. Gut so.

Im Mischwald zum Stilmix

Von Hallstatt führt der traditionelle Salz-Transportweg, der Soleleitungsweg, auf einer Länge von rund 40 Kilometern entlang der nur noch mittels Infotafeln identifizierbaren ältesten Pipeline der Welt über Bad Goisern und Bad Ischl bis nach Ebensee am Traunsee. Auf weichem Humusboden geht es durch lichte Mischwälder. Es ist die ideale Natur-Laufstrecke.

Vier, fünf Kilometer vor Bad Ischl liegt an diesem Weg die "Villa Blumenthal". Eine braune Holzvilla mit kunstvoll geschnitzten Veranden, verzierten Rund- und Doppelfenstern und einem Schindeldach. Eine typische Salzkammergut-Villa? Nein, eher eine Mischung aus dem Frankenstein-Haus und einem Südstaatenherrensitz mit skandinavisch-indianischen Stil-Einsprengseln.

Tatsächlich handelt es sich um das erste Fertigteilhaus der Welt, 1893 als "Wolgaster Fertigteilvilla" aus deutscher Produktion auf der Chicagoer Weltausstellung ausgestellt und dann als "... neueste Spezialität, womit Ischl bereichert wird" vom Berliner Bühnendichter und Theaterdirektor Oscar Blumenthal gekauft und als sein Sommerdomizil aufgestellt. Das Haus, dessen vorgefertigte Teile mit Ausnahme von Fundament und Kaminen aus dem Holz der Kanadischen Pechkiefer gefertigt ist, ist tatsächlich einzigartig: Es wurde nämlich nur ein einziges Mal gebaut.

Seit 1895 steht es auf diesem Waldgrundstück südlich von Ischl. Um die Jahrhundertwende wurde die Villa zu einem kulturellen Sommerfrische-Treffpunkt und außerdem zu dem Ort, an dem Blumenthal die äußert populäre Theaterkomödie Das Weiße Rössl am Wolfgangsee schrieb, aus der später der Operetten-Welterfolg mit seinen musikalischen Gassenhauern entstand.

Wohltemperiertes Revier

Damit ist man quasi fast schon so gut wie am See; am Wolfgangsee zum Beispiel, der der wärmste aller Salzkammergutseen ist, oder am Attersee, der das größte Binnengewässer Österreichs ist und wo an einem kleinen Weg nahe Steinbach oberhalb des Sees die Bank steht, auf der Sommerfrischler Friedrich Gulda zu sitzen und still in die Landschaft zu blicken pflegte. Wer's noch verschwiegener mag, fährt an den kalten Traunsee, über dem sich ungeheuer imposant die nackte, steile Kalkstein-Flanke des Traunsteins erhebt.

Wenn man unterhalb des Berges, gleich hinter Gmunden, so lange der Seestraße folgt, bis es nicht mehr weitergeht, kommt man an einige ziemlich gut verborgene Orte. Vom Ende der Straße geht man zu Fuß weiter und stößt bald auf eine Reihe zauberhafter Badebuchten - manche so winzig, dass es gerade für zwei, drei Handtücher reicht. Auch am anderen Ende des Sees, nahe Ebensee, gibt es solche kleinen Buchten, die allerdings nur per Boot wirklich gut zu erreichen sind. Dort zeigt sich das Salzkammergut so, als wäre es vollends aus der Zeit und aus den ihm vorauseilenden Klischees herausgefallen. Bis auf ein leises Plätschern, Blätterrascheln und Insektensummen ist es ganz still, man liegt unter Erlen, und das glasklare Wasser geht von Hellblau und Türkis in immer dunkleres Grün über. Streckt man dazu an einem heißen Sommertag die Füße ins kalte Wasser, hat man sie: die gefühlte Definition der Sommerfrische. (Julia Kospach/DER STANDARD/Printausgabe/11./12.7.2009)

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    Der Traunsee ist Badebuchtenbestbieter im Salzkammergut: hier bei Gmunden und gegenüber am Fuß des Traunsteins.

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