Der Pisa-Test für Turm-Touristen

15. Juli 2009, 16:27
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Wo schaute Galileo Galilei auf einen Hängeleuchter, weshalb blickt Cosimo so grimmig, und warum sehen wir in Pisa nur das fallsüchtige Wahrzeichen?

Manchmal kann Roberto Bellos Job ganz schön aufreibend sein. Wenn der Touristenführer seine Gruppe an der Piazza dei Miracoli vorbei in Richtung Stadtzentrum lotst etwa. Roberto Bello muss dann lauter sprechen. Nicht wegen der zahlreichen Autobusse, die ringsum mit laufenden Motoren am Straßenrand parken, sondern weil es seine Gäste immer eilig haben und einige gar nicht richtig zuhören. An den Sehenswürdigkeiten, die Pisa außer seinem Wahrzeichen zu bieten hat, zeigen viele gar kein Interesse. "Wer weiß schon", sagt der Fremdenführer, "dass die Arnostadt einst eine Weltmacht war?"

Die Leute hätten kein Auge für die prächtigen Renaissancevillen, die sich am Flussufer aneinanderreihen - oder für die Medici-Palazzi, die vielen Kirchen und Museen, in denen Preziosen aus 2000 Jahren Stadtgeschichte versammelt sind. Achtzig Prozent der Besucher, die mit Billigfliegern kommen, schätzte schon der freundliche Herr vom Flughafenpersonal des Aeroporto Galileo Galilei, hätten bloß zwei Dinge im Kopf: Schnell den fallsüchtigen Turm anschauen; und dann sofort zum Shopping nach Florenz. Doch wie es scheint, haben sich die Pisaner mit der Übermacht des alten Rivalen längst abgefunden.

Vor 400 Jahren richtete Galileo Galilei sein selbst gebasteltes Fernrohr auf den Planeten Jupiter, dabei entdeckte er kleine Monde, die für das bloße Auge unsichtbar bleiben. Die Medicäischen Gestirne, wie er sie nicht ohne Hintergedanken nannte, brachten dem Forscher einen gut bezahlten Lehrstuhl in seiner Heimatstadt Pisa ein, die damals zur Herrschaft der Medici gehörte. Und im heurigen Internationalen Jahr der Astronomie - die Beobachtungen mit dem Teleskop gelten als Geburtsstunde dieser Wissenschaft - findet die wirklich große Schau zu Ehren Galileis ausgerechnet in Florenz statt.

Geschichten und Gesetze

Doch auch in Pisa, wo Galilei 1564 als Sohn eines Tuchhändlers und Musikers geboren wurde, erinnert man heuer an den berühmtesten Sohn der Stadt. Immer wieder gerne mit einem Verweis auf den schiefen Turm, in dem Galilei die Fallgesetze entdeckt haben soll - nicht weil die Geschichte auch nur irgendwie nachprüfbar wäre, aber weil sie eben gefällt. Roberto Bello dagegen zeigt lieber in der gewaltigen Vierungskuppel im Dom den bronzenen Hängeleuchter, an dessen Schwingung der 18-jährige Galilei die Gesetze der Pendelbewegung erkannt haben soll.

An einem schmalen, dreistöckigen Gebäude im Stadtviertel Sant' Andrea hängt eine unscheinbare Marmortafel. Im Untergeschoß hat ein Goldschmied seine Werkstatt, oben befinden sich die Büros eines Immobilienmaklers. Kein Schild weist Galilei-Pilgern den Weg dorthin, denn besichtigt werden kann die gute Stube, die als Geburtshaus Galileis gilt, bis heute nicht.

Ein wenig näher kommt man dem Naturforscher in der Ausstellung Il Cannocchiale e il Pennello ("Fernrohr und Pinsel"). Dort werden zwar die komplexen Beziehungen zwischen Wissenschaft und Kunst im Galilei'schen Zeitalter gezeigt, doch gemessen an Florenz wirkt das Angebot eher bescheiden. Mit großem multimedialem Aufwand präsentieren die Pisaner etwa 150 Skulpturen, Bücher und Bilder. In Florenz hingegen mutet die Fülle der Exponate - darunter Galileis verbeulte Originalfernrohre, antike Himmelsgloben und Astrolabie - schier unüberschaubar an.

Als Hauptreliquie (wir sind in Italien) wird in Florenz sogar der in einer Phiole konservierte rechte Mittelfinger des Gelehrten gezeigt. So seien sie eben, die arroganten Nachbarn, meint Roberto Bello, immer mit dem Finger auf andere zeigen, auch wenn es nicht einmal der eigene ist. Zum Beweis führt der Guide seine Gäste auf die Piazza dei Cavalieri. Dort thront Cosimo I. im Ritterkleid auf einem weißen Delfin: Die Statue symbolisiert den Anspruch der Florentiner Medici auf die Vorherrschaft über die See. Der erste Großherzog der Toskana blickt grimmig über den Platz, das Regieren sowie Wind und Wetter haben ihm sichtlich zugesetzt. Aber genauso hat man es 16. Jahrhundert gemeint, als Cosimo hier seinen Platz einnahm: Das Denkmal sollte die Pisaner einschüchtern.

Seit ihrer Niederlage im Jahr 1406 mussten sie Florenz gehorchen, was natürlich einen harter Schlag bedeutete: Im Mittelalter war Pisa die führende Seemacht des Mittelmeeres, mit dem glanzvollen Dom und einem bald schiefen Turm wollte man die Grundsteine für ein neues Rom legen, was im 11. und 12. Jahrhundert vielleicht nicht so vermessen war, wie es heute klingt. Reine Unschuldslämmer, Roberto Bello will da nichts schönreden, sind die Pisaner jedenfalls nie gewesen, aber irgendwie doch fromm. Während sie nunmehr im Juni mit dem Rainerius-Fest ihren friedfertigen Stadtheiligen feiern, versammelten sie sich im Mittelalter jeden 6. August in der Kirche des Heiligen Sixtus, um gemeinsam ihre Beschlüsse für den nächsten Raubzug zu fassen.

Aus Sicht der Kunstgeschichte fällt es nun schwer, jene kriegerischen Zeiten zu verurteilen. Es gibt nämlich kaum ein Gebäude im historischen Zentrum, an dem nicht antike Säulen- oder Kapitellreste, Friese und Architravsteine, Reliefteile oder Skulpturen zu entdecken wären, die die Pisaner auf ihren "Kreuzzügen" mitgehen ließen.

Bildungsreise nach Pisa

Im 18. und 19. Jahrhundert trafen sich die Bildungsreisenden in den Prunkbauten am Lungarno Mediceo. Lord Byron logierte standesgemäß im Palazzo Toscanelli. Im Caffè dell' Ussaro, einen Steinwurf flussabwärts, hatte in den 1850er-Jahren der Poet und spätere Nobelpreisträger Giosuè Carducci sein Stammlokal. 1867 rotteten sich dort bewaffnete Studenten zusammen, um Garibaldi auf seinem Marsch nach Rom zu folgen.

Noch immer leben in Pisa rund 30.000 Studenten und widmen sich dem, was sie außer dem Studieren am besten können: dem Diskutieren und Feiern. Die Fixpunkte ihrer Aktivitäten liegen im Viertel hinter der Piazza Garibaldi, seit je in multikulturellem Ambiente, denn während Pisas Blütezeit hatten sich hier Künstler, Baumeister und Kaufleute aus dem gesamten Mittelmeerraum angesiedelt.

An lauen Sommerabenden sind die Barstühle an der Piazza delle Vettovaglie ins Freie gerückt. Die Haustüren öffnen sich, von allen Seiten eilen Junge und Alte herbei. An den Obst- und Gemüseständen wird bis um elf gefeilscht, Zigarettenrauch und der Duft von Gebratenem erfüllen die Luft. Touristen verirren sich kaum in diese Gegend, wo es keine schiefen Plastiktürme zu kaufen gibt. Wenn kein Platz mehr frei ist, und an diesem sternklaren Abend ist das der Fall, hocken die Leute auf den abgewetzten Treppenaufgängen und unter verwitterten Arkadengängen, bis weit nach Mitternacht fließen hier Bier und Wein in Strömen.

Am nächsten Morgen wirkt Pisas Altstadt wie ausgestorben. Eine Dreiradape, beladen mit Kisten voller Erdbeeren und Artischocken, knattert durch die stille Via delle Colonne, während ringsum die ersten Rollläden hochgehen. Unterdessen stehen auf der Piazza dei Miracoli schon wieder die Autobusse Stoßstange an Stoßstange. Roberto Bello schwingt dort sein Fähnchen und wird versuchen, eine neue Gruppe zu überzeugen. (Helmut Luther/DER STANDARD/Printausgabe/11./12.7.2009)

Touristische Informationen gibt es auch bei der Italienischen Zentrale für Tourismus Enit.

  • In den Augen Galileis "Lichtverschmutzung", aus Sicht der Touristen glanzvolle Inszenierung der mittelalterlichen Altstadt Pisas: hundert- tausende Lampen zum Rainerius-Fest im Juni.
Pisa wird von Österreich aus meist mit dem eigenen Auto angesteuert
und nur selten für einen reinen Städtetrip - rund fünf Stunden dauert
die Fahrt ab dem Brenner-Pass. Denn der von Billigfliegern stark
frequentierte Flughafen "Galileo Galilei" wird von Österreich aus nicht
direkt angeflogen. Zumindest für Ostösterreicher sind die zwei Flüge
pro Woche ab Bratislava mit Ryanair eine Alternative. Das nur einen
Kilometer vom Flughafen entfernt liegende Stadtzentrum erreicht man am
einfachsten mit dem Zug, der auch 80 Kilometer weiter direkt nach
Florenz fährt. In Pisa ist man am besten zu Fuß unterwegs, Parkplätze
im Zentrum sind teuer.
    foto: epa/franco silvi

    In den Augen Galileis "Lichtverschmutzung", aus Sicht der Touristen glanzvolle Inszenierung der mittelalterlichen Altstadt Pisas: hundert- tausende Lampen zum Rainerius-Fest im Juni.

    Pisa wird von Österreich aus meist mit dem eigenen Auto angesteuert und nur selten für einen reinen Städtetrip - rund fünf Stunden dauert die Fahrt ab dem Brenner-Pass. Denn der von Billigfliegern stark frequentierte Flughafen "Galileo Galilei" wird von Österreich aus nicht direkt angeflogen. Zumindest für Ostösterreicher sind die zwei Flüge pro Woche ab Bratislava mit Ryanair eine Alternative. Das nur einen Kilometer vom Flughafen entfernt liegende Stadtzentrum erreicht man am einfachsten mit dem Zug, der auch 80 Kilometer weiter direkt nach Florenz fährt. In Pisa ist man am besten zu Fuß unterwegs, Parkplätze im Zentrum sind teuer.

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    Die Hauptausstellung zum Galilei-Jahr in Pisa "Il cannocchiale e il pennello" ist nur noch bis zum 20. Juli täglich außer Montag zu sehen, aber ihr sollte hier auch nicht das Hauptaugenmerk gelten. Mittlerweile gibt es nämlich einen Stadtwanderplan, der die Beziehung Galileis zu Pisa gut erörtert und gleichzeitig zu ohnehin sehenswerten Orten im Zentrum führt. Die Sonderausstellung im Palazzo Strozzi in Florenz ist dagegen noch bis zum 30. August zu sehen und wertvoll. Über die gesamten Aktivitäten im Jubel-Jahr in Pisa (etwa über die spielerischen Versuche in der Cittadella Galileiana) informiert eine (zumeist italienische) Homepage: www.galileoapisa.org

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    Hotels im Zentrum von Pisa sind meist einfach, aber mit Zimmerpreisen ab EURO 50 überraschend günstig. Wer mobil ist, für den kommt als Alternative auch die Villa di Corliano im 15 Autominuten vom Zentrum entfernten San Giuliano Terme infrage. Über das an Üppigkeit kaum zu überbietende Herrenhaus wurde schon bei der Eröffnung Ende des 16. Jahrhunderts gesagt, es sei eigentlich "der schönste Palazzo von Pisa". Eines der elf Doppelzimmer im ersten Stock ist bereits ab knapp über EURO 100 zu haben. Info: www.villacorliano.it

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