Was sagt die Bezeichnung des Bieres über seine Herkunft aus, fragt Conrad Seidl
Mit Zipfer ist alles klar: Bier mit diesem Namen kommt nicht von einem Herrn Zipfer, sondern aus der kleinen oberösterreichischen Ortschaft Zipf, deren Brauerei im Vorjahr ihr 150-jähriges Bestehen gefeiert hat. Das war allerdings nicht immer so: Ein halbes Jahrhundert lang wurde Zipfer auch in der 1923 dazugekauften Brauerei in Wörgl gebraut.
War das damals ein echtes Zipfer? Hier gehen die Meinungen auseinander. Mein englischer Kollege Peter Ogie hat einmal argumentiert, dass ein Bier dann original ist, wenn der Braumeister der ursprünglichen Brauerei bestätigt, dass auch das Bier aus dem anderen Unternehmen den Vorgaben entspricht. Das würde etwa auch auf ein in Wieselburg gebrautes Heineken zutreffen: derselbe Konzern, dasselbe Rezept, dieselbe Linzenz. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass Peter Ogie vor seiner journalistischen Karriere selbst Braumeister war und daher vielleicht eine eher industrienahe Position vertritt.
Ein Pilsner aus Pilsen
Die andere lautet: Ein Zipfer Bier möge aus Zipf kommen. Ein Murauer aus Murau. Ein Pilsner aus Pilsen. Diese letzte Forderung ist einfach nicht aufrechtzuerhalten: Seit im Jahr 1842 ein gewisser Josef Groll das erste Bier der heute gängigen Pilsner Brauart hergestellt hat, ist Pils, Pilsner oder Pilsener längst zu einem Stilbegriff geworden. Als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Idee des Markenschutzrechts aufkam, galt der Anspruch des damaligen "Bürgerlichen Brauhauses zu Pilsen", Pilsner als Herkunftsbezeichnung schützen zu lassen, als verwirkt.
Die Brauerei in Pilsen reagierte klug, ließ die Bezeichnung "Pilsner Urquell" schützen und hatte damit ihr geistiges Eigentum halbwegs auf dem Trockenen. Dazu muss man wissen: Als Herr Groll nach Pilsen berufen wurde, sollte er eigentlich dort "bayerisches" Bier brauen - den bis in die 1920er-Jahre populären dunklen, vollmundigen Lagerbierstil, der auch als "Münchner Typ" gilt. In Pilsen wollte das aufgrund der dort vorhandenen Rohstoffe nicht recht gelingen, das Bier wurde heller - eben das, was wir heute als pilstypisch kennen.
Sogar Pilsner Urquell wird heute in Lizenz in Polen gebraut. Umgekehrt ist es dem bayerischen Brauerbund in der Vorwoche gelungen, den Herkunftsschutz für "bayerisches Bier" durchzusetzen - in der EU darf niemand außerhalb Bayerns mit einer bayerischen oder Bavaria-Marke für Bier werben. (Conrad Seidl/Der Standard/rondo/10/07/2009)