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10.07.2009 16:00

Weder römisch noch Kamille
Mutterkraut hilft bei allen möglichen gärtnerischen Zuständen, berichtet Ute Woltron - 1 Foto

Also Ihren Garten hätten wir uns ganz anders vorgestellt, sagte die Architektenrunde mit einem misslingenden Versuch, leicht irritierte Missbilligung zu unterdrücken.

Sie standen mittendrin, blickten um sich und wirkten scheu. So, als könne jeden Moment eine Anakonda aus dem zugegebenermaßen dichten Unterholz kriechen und Architekten fressen.

Oder Kritiker, denn solche waren auch dabei. Es handelte sich also - huh - um eine echt strenge Partie. Lauter sehr nette, sehr kluge Menschen selbstredend. Aber eben ein bisschen streng.

Nun, fragte ich, was hätten Sie sich denn so vorgestellt, wenn nicht ein blühendes, buntes Durcheinander? Etwas, das zur Architektur des Hauses passe, war die vorsichtige Antwort. Keinesfalls jedenfalls etwas - nun denn - so "Romantisches".

Eine höchst interessante These, auf die ich zum Beispiel überhaupt nie gekommen wäre. Vielleicht ist sie nach architekturkritischen Gesichtspunkten völlig richtig. Doch grau ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum, und wo, wenn nicht im Garten, manifestiert sich diese von einem anderen klugen Mann aufgestellte These täglich aufs Neue?

Vielleicht tut sie das sogar auch in der Architektur, doch das ist jetzt nicht das Thema.

"Wozu brauchen Sie denn gar so viel Kamille?", fragte einer und betrachtete dabei ein Kraut, von dem es tatsächlich sehr viel hier gibt und das so gut wie zwischen allem zu wuchern pflegt.

Es trägt gelb-weiße Blüten auf zierlich anzuschauenden, aber recht starken Stängeln und ist der Kamille wirklich nicht unähnlich.

Doch handelt es sich dabei um eine Pflanze, die man Mutterkraut nennt, und die ist weder mit der echten Kamille (Matricaria chamomilla) noch mit der Römischen Kamille (Chamaemelum nobile) verwandt. Früher fand man das Mutterkraut in allen Bauerngärten, heute ist die filigrane, hübsche Staude mit dem botanischen Namen Tanacetum parthenium fast vergessen, was sehr schade ist.

Dieses hier sei keine Kamille, sagte ich, sondern vielmehr eines jener Gewächse, die in statischer Hinsicht jedem Staudenbeet trotz ihrer Zartheit unschätzbare Dienste erwiesen. Denn das Mutterkraut füllt jede kahle Stelle zwischen anderen Blütenpflanzen wunderbar aus und gibt der Angelegenheit damit ein wenig Halt. Außerdem überzuckert es mit seinem feinen, gefiederten Blattwerk und den zahllosen hübschen Blüten unaufdringlich jede gärtnerische Konstruktion.

Wir standen mittlerweile unter einem Rosenbogen, was einem totalen Outing gleichkam. Ein Ro-sen-bo-gen! Nie wieder, das stand in den Gesichtern der Architekten zu lesen, würde man einem Menschen mit Rosenbogen eine Geschichte über zeitgenössische Architektur abnehmen.

New Dawn kletterte in Seifenrosa, eine Clematis in Kardinalspurpur, dazwischen die weißen Mutterkrautsternlein. Bis auf Vogelgezwitscher war es still.

Kostet, sagte ich, ein Mutterkrautblatt abreißend und sodann kauend, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. Hilft bei regelmäßiger innerer Anwendung angeblich gegen Migräne. Soll wissenschaftlich erwiesen sein. Und wenn nicht, dann entschädigt auf jeden Fall der Anblick. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/


Tipp

Das Mutterkraut wächst bis zu 80 Zentimeter hoch in jedem humosen Gartenboden und verträgt sowohl volle Sonne als auch Schatten. Bei weniger Licht wächst es lockerer, in jedem Fall vermehrt es sich durch Selbstaussaat in einem mitunter lästigen Ausmaß. Wer das nicht will, muss die Blüten rechtzeitig abschneiden. Das hat wiederum den Vorteil, dass die Staude dann ein zweites Mal blüht. Wer die Samen ausfallen lässt, darf sich wenig später über die Möglichkeit freuen, hunderte kleiner Mutterkräuter auf Wegesrändern, unter Hecken und Bäumen oder zwischen möglicherweise ziemlich romantischen Rosen pflanzen zu können.

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