Ahoi, Gipfel

11. Juli 2009, 16:00
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Frei von Jodel-Look hat der Gestalter Michel Troillet eine Berghütte in den Walliser Alpen geschaffen, deren Konstruktion und Design maritim angehaucht sind - Franziska Horn wagte den Aufstieg

Sind jetzt nicht mal mehr Berghütten das, was sie einmal waren: romantisierende Heimatfilmkulissen aus verwittertem Holz, womöglich mit rot-weiß-karierten Vorhängen und schielendem Bernhardiner vor der Eingangstür?

Nach St. Bernard, Ursprungsort der vierbeinigen Rumfasslträger, ist es von Bourg St. Pierre nicht weit. Wer von dem kleinen Ort durch das Tal von Entremont aufsteigt, bemerkt die auf einem Gratrücken pickende Cabane du Vélan nicht sofort. Erst beim Näherkommen zeichnet sich die Erhebung backenzahnartig ab, wie sie da selbstbewusst auf einer zum 3202 Meter hohen Petit Vélan ansteigenden Linie sitzt. So mancher Tourengeher, der hier - etwas abseits vom Mainstream der Haute Route - eine der üblichen, quaderförmig hingeduckten Trutzburgen aus Naturstein erwartet, muss ein zweites Mal hinschauen. Erst dann löst sich die klare Silhouette der hochalpinen Raststätte vom gleißenden Schimmer des Firnschnees.

Eine Hütte mit Bug und Heck

Mit seinem linsenförmigen Grundriss erinnert der aerodynamisch geformte Bau eher an ein schnittiges Schiff mit extra hochgezogenem Freibord. Eine Hütte mit Bug und Heck? Kein Zufall: "Der Wind ist eines der wichtigsten Elemente hier heroben, er beeinflusst und formt den Schnee, so wie er auf dem Meer die Wellen prägt", sagt Michel Troillet, dessen Büro "Archeion" seinen Sitz im nahen Martigny hat.

Vielleicht ist der überraschend maritime Denkansatz zur Cabane Troillets häufigem Aufenthalt im Hochgebirge zu verdanken, der den Blick für das Wesentliche schärft - und der vergleichbar einem Tastendruck auf die "Reset"-Taste alle Stilzitate und Reminiszenzen beiseiteschiebt. Sein Entwurf, gelenkt vom Gedanken an die "ursprüngliche Rolle einer Hütte als Schutzhülle und Unterschlupf vor feindlichen Elementen", ist so gestalterisch stringent wie stimmig und auf das Nötigste reduziert. Pur und essenziell ausgeführt, demonstriert die auf 2642 Meter Höhe gelegene Cabane eine Herangehensweise frei von Klischees und Konventionen. Dazu kommt das Wissen um die Wirkung der Elemente in hochalpinen Regionen - wie zum Beispiel den Wind, der nicht umsonst als Baumeister von Lawinen gilt. Troillet bezieht das Element also als zentrales Thema mit ein - und lenkt es einfach um: Den Bug nach Osten gerichtet, umspielt der Wind den auf dem Kamm sitzenden Bau. Der Planer wählte den Standort nach eingehender Geländeanalyse und verankerte den Bau wie einen Leuchtturm oben auf dem Grat.

Betten wie Tortenstücke

Noch ein Pluspunkt: Die West-Ost-Ausrichtung der Hütte erlaubt eine großzügige Strahleneinwirkung und Erwärmung im Tagesverlauf - günstig für die passive Sonnenenergie. Als Lounge im Freien fungiert eine filigran konstruierte Terrasse in Form eines Laufstegs, der frei über dem Boden zu schweben scheint. Er verfügt über einen Grill, eine Schneeschmelzanlage sowie vertikal orientierte Solarpaneele. Vom Steg erblickt der Besucher ein 270 Grad fassendes Gebirgspanorama - Star der hochrangigen Felsengipfel ist zweifellos der gut 4300 Meter hohe Grand Combin. Konkurrenz optischer Art bekommt er höchstens durch die metallisch schimmernde Fassade der Hütte: Aus Zinkblech gefertigt, steht sie für Klarheit, schützt die darunterliegende Holzkonstruktion vor dem Verwittern und reflektiert das während zwei Dritteln des Jahres verschneite Gebirge.

Außen hui - innen ui. Das Innere hält, was die schillernde Hülle verspricht: Hier schafft der Architekt den Spagat zwischen zweckmäßiger Sachlichkeit, ökologischen Aspekten und Wohlfühlfaktor: klar und offen der luftige Speise- und Aufenthaltsraum, den eine Theke vom Küchenbereich trennt. Erreicht wird dieser über eine luftige Wendeltreppe, die mit einem Minimum an Materialaufwand auskommt und zudem in die obere Etage zu den "Dortoirs", den Schlaflagern, führt. 60 Schlaflager in sechs Räumen von acht bis zwölf Personen bietet die Hütte. Zwangsläufig überträgt sich die abgerundete Außenfront entsprechend auf die Zimmer - bis hin zum Mobiliar: Ähnlich Tortenstücken verjüngen sich die Betten zur schmalen Fußseite hin. Und sollte die Hütte wirklich einmal übervoll sein: Der Architekt hat die meterlangen Holztische im loftigen Speisesaal so angelegt, dass der Platz darunter zum Schlafen genutzt werden kann. (Franziska Horn/Der Standard/rondo/10/07/2009)

  • Die Cabane du Vélan trotzt linsenförmig Wind und Wetter und spielt als Reflektor mit dem Licht der Walliser Alpen auf 2642 Metern.
    foto: hersteller

    Die Cabane du Vélan trotzt linsenförmig Wind und Wetter und spielt als Reflektor mit dem Licht der Walliser Alpen auf 2642 Metern.

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