Lindenblütezeit

2. Juli 2009, 15:51
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Josef Winkler hat einen literarisch-botanischen Klagenfurt-Kalender erfunden, freut sich Ute Woltron

In der Eröffnungsrede zur diesjährigen Bachmann-Wettleserei in Klagenfurt hat der ebenda beheimatete Schriftsteller Josef Winkler erfrischend ungeniert ausgeholt. Er hat dabei das liebliche Bildnis der Natur mit dem stumpf-dummen der Politik verknüpft, vor allem das die Kultur betreffende, weil diese ja stets so eine Art Wetterstation der allgemeinen Befindlichkeit darstellt.

"Diese Stadt Klagenfurt", sprach Winkler also ungefähr in der Mitte seiner Rede, "die sich seit über dreißig Jahren, jährlich im Juni, in der Zeit der Lindenblüte, als deutschsprachige Literaturhauptstadt feiern lässt, ist wohl die einzige Stadt Mitteleuropas mit 100.000 Einwohnern, in der es keine eigene Stadtbibliothek gibt."

Sehr gut, wie er das gesagt hat. Denn erstens glaubt man das kaum, und zweitens wird ab sofort Folgendes eintreten: Anlässlich jeder kommenden Lindenblüte im Juni wird man sich hoffentlich laut die Frage stellen - haben es die da unten in diesem wunderschönen, aber was die herrschende Politklasse samt ihren Wirtschaftsverrenkungen anlangt, grundsätzlich fragwürdigen Ländchen mittlerweile doch zu so etwas wie einer Bibliothek gebracht? Wenn schon nicht für die Alten, dann doch zumindest für die Jungen, weil bei denen noch Hoffnung ist?

Leben der Bilder

Die könnten dann zum Beispiel, abgesehen von allem anderen, gegebenenfalls John Bergers Leben der Bilder studieren. Darin bringt der Künstler, Kritiker, Schriftsteller uns bei, wie die Kunst des Sehens auch noch funktioniert, wie Wahrnehmung geschult werden kann. Dieser wahrscheinlich kompakteste unter den britischen Intellektuellen hat übrigens dieser Tage seinen gesamten literarischen Nachlass der British Library vermacht. Vermacht, nicht verkauft wie die meisten seiner Kollegen. Einzige Bedingung: Der Gesandte der Bibliothek, die zum Beispiel Klagenfurt gegenüber etwa 25 Millionen Bücher Vorsprung hat, muss Berger übers Wochenende beim Heumachen helfen. Dieser lebt seit 30 Jahren auf einem Bauernhof hoch oben in den französischen Alpen.

1972 hat er auch eine Art Vorlesen, den BookerPreis, gewonnen und das halbe Preisgeld prompt der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der USA gespendet, was einen feschen Skandal ergeben hat. Fazit: Schriftsteller können echt coole Hunde sein. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/03/07/2009)

Tipp

Die Lindenblüte, nur damit das künftig keiner vergisst, setzt alljährlich im Juni ein. Sie versetzt ganze Bienenvölker in Ekstase und - ab sofort - Klagenfurt ins Grübeln, ob nun bereits eine Stadtbibliothek gegründet wurde oder ob immer noch nicht und warum das denn. Es blüht im Juni übrigens die Sommerlinde. Die Blüte der Winterlinde folgt etwas später im Juli. Die Bäume unterscheiden sich zum Beispiel durch Blatt und Blütenstände. Winterlindenblätter sind im Gegensatz zur Sommerlinde nicht behaart, und ihre Blütenstände sind deutlich üppiger.

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    Im Juni, in der Zeit der Lindenblüte...

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