In 80 Metern um die Welt

3. Juli 2009, 16:49
posten

Bertrand Piccard will der Energiekrise eins auswischen und mit einem Solarflugzeug die Erde umrunden - Karin Krichmayr war bei der Präsentation des ambitionierten Prototyps

Ein Hauch von Heldentum liegt in der gewitterträchtigen Luft, jenes euphorisierende Prickeln, das unweigerlich die Vorstellung längst verblasster Tage eines Charles Lindbergh oder Howard Hughes weckt. In dem Hangar am Militärflugplatz Dübendorf bei Zürich ist die "revolutionäre Konstruktion", wie das Solarflugzeug HB-SIA genannt wird, freilich nicht blass, sondern Hightech. Hunderte geladene Gäste verfolgten vergangene Woche die erste öffentliche Präsentation von Solar Impulse, einem Flieger, der noch nie vom Boden abgehoben ist, aber nichtsdestoweniger voller geflügelter Hoffnungen steckt.

Der imposante und zugleich so fragile Prototyp soll die technologischen Grenzen erneuerbarer Energiequellen sprengen, indem er den ersten Flug um die Welt vorbereitet, der Tag und Nacht allein mit Sonnenenergie und ohne einen Tropfen Treibstoff auskommt. Das ist jedenfalls die Vision des routinierten Schweizer Rekordfliegers und Psychiaters Bertrand Piccard, der gemeinsam mit dem Piloten André Borschberg seinen Traum vom ökologisch verträglichen Abenteuer wahrmachen will. "Die Gewissheit hat mich nie interessiert", sagt Piccard, ein verwegenes Glitzern in den himmelblauen Augen. "Mich interessieren der Zweifel, das Ungewisse, die Fragezeichen."

70-Millionen-Euro-Projekts

Tatsächlich scheint es kaum vorstellbar, wie dieses hyperleichte Flugzeug mit dem kurzen, schmalen Rumpf, dem mickrigen Cockpit und der enormen Spannweite von vorerst 63,4 Metern jemals durch den Himmel schneidet. Es hat Flügel wie ein Airbus A 340 und das Gewicht eines Autos. Ein Viertel der 1600 Kilo nehmen allein die Akkus ein, welche die vier Motoren zu einer Spitzenleistung von gerade einmal 40 PS bringen und zugleich Energie für einen Nachtflug speichern sollen. 12.000 auf den Tragflächen angebrachte, hauchdünne Fotovoltaikzellen sammeln die Sonnenkraft, die für höchstens 70 Stundenkilometer reicht - mehr würde die zerbrechliche Maschine ohnehin nicht vertragen.

Sechs Jahre tüftelten mehr als 70 Techniker, Designer und Wissenschafter an dem Leichtbau-Flieger, der im Herbst zum ersten Mal den Boden verlassen und später bis zu 36 Stunden in der Luft bleiben soll. Noch nie zuvor wurde ein derart großes und dabei so leichtes Luftfahrzeug gebaut, daher mussten für die Konstruktion völlig neue Maßstäbe bei Material, Aerodynamik und Energieeffizienz gesetzt werden.

"Erst die Tests werden zeigen, wie weit wir gehen können", meint der ehemalige Astronaut Claude Nicollier, der die Flugtests leitet. "Die Herausforderung ist, mit der extrem niedrigen Power umzugehen. Dazu muss der Pilot sehr behutsam sein." In Zusammenarbeit mit einem der Hauptpartner des 70-Millionen-Euro-Projekts, der Schweizer Uhrenfirma Omega, hat Nicollier ein Instrument entwickelt, das die Steuerung des minimalistischen Fluggeräts erleichtern soll. Neben einer visuellen Anzeige der Position der Tragflächen alarmiert das Gerät den Piloten auch akustisch und mit Vibrationen im rechten oder linken Ärmel, sobald das Gefährt in Schräglage gerät - was besonders beim Landeanflug äußerst heikel ist.

Sonne und Selbsthypnose

Schon jetzt arbeiten Piccard und Borschberg an Atem- und Schlaftechniken - unter anderem mit Yoga und Selbsthypnose - um sich auf die Weltumrundung vorzubereiten, die für 2012 geplant ist. In fünf Etappen zu je fünf Tagen, die je ein Pilot allein bewältigen muss, soll mit einem zweiten Flugzeug, das eine Spannweite von etwa 80 Metern haben wird, jeder Kontinent angeflogen werden - von West nach Ost, der Sonne entgegen, um die Nacht, in der die Motoren im Sparmodus arbeiten, zu verkürzen.

Ob es funktionieren wird, weiß niemand so genau, aber das tut dem Enthusiasmus von Solar-Impulse-Mastermind Piccard keinen Abbruch. "Wir wollen zeigen, was machbar ist mit Technologien, die auf erneuerbarer Energie beruhen", sagt der schmächtige Pilot mit dem schütteren Haar, der so gar nicht aussieht wie der klassische Draufgängertyp, für den man ihn halten könnte, wenn man seine Biografie kennt: Seit er 16 ist, bewegt er sich möglichst nah an den Wolken, zuerst mit dem Paragleiter, dann mit dem Ultraleichtflugzeug, mit dem er als Erster die Alpen überquerte.

20-tägiger Non-Stop-Flug

Er war Europameister im Drachenkunstflug, gewann das erste Ballonrennen über den Atlantik und dann den Wettlauf um die erste Erdumrundung im Ballon - in einem 20-tägigen Non-Stop-Flug. Und reihte sich damit perfekt in die Ahnengalerie seiner für Rekorde bekannten Familie ein. Sein Großvater, Auguste Piccard, sah als erster Mensch die Krümmung der Erde, als er 1931 in einem Ballon in die Stratosphäre aufstieg - so hoch wie niemand zuvor. Der Vater, der im vergangenen Jahr verstorbene Jacques Piccard, tauchte im U-Boot in den Marianengraben an den tiefsten Punkt der Meere, eine bis heute unwiederholte Leistung.

Von Großvater und Vater habe er schon früh gelernt, wie wichtig es ist, neue Türen zu öffnen, das vermeintlich Unmögliche zu erreichen, sagt Betrand Piccard. "Die Menschen wiegen sich viel zu sehr in Sicherheit und Gewohnheiten. Das ist gefährlich." Ganz besonders, was die Energie- und Umweltkrise betrifft, in welche die Erde schlittert. Er ist jedenfalls überzeugt, dass sein solarer Impuls etwas daran ändert: "Dann kann niemand mehr sagen, dass Umweltschutz nicht sexy ist." (Karin Krichmayr/Der Standard/rondo/03/07/2009)

  • Die Piloten Bertrand Piccard und André Borschberg bei der Enthüllung von Solar Impulse in Zürich.
    foto: hersteller

    Die Piloten Bertrand Piccard und André Borschberg bei der Enthüllung von Solar Impulse in Zürich.

  • Neue Türen öffnen und das vermeintlich Unmögliche zu erreichen.
    foto: hersteller

    Neue Türen öffnen und das vermeintlich Unmögliche zu erreichen.

Share if you care.