Zeltfest

25. Juni 2009, 17:24
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Rot macht auch blau! Die meisten tranken zügig Bier - Oder: Er als Großstädter würde geteert, gefedert oder nach um Gesundheit und Leben gebracht werden

+++Pro
Von Christian Schachinger

Die Frage nach einem Achterl weiß oder rot wird bei solchen Anlässen mit einem beherzten "Zwetschkerner!" beantwortet. Beim letzten Feuerwehrfest im Ort versuchte allerdings ein aus Wien Zugezogener die Veranstaltung mit einem Weinstand inklusive erläuternder Weinkarte aufzupeppen. Dieses kulturell als mindestens ambitioniert anzusehende Unterfangen scheiterte allerdings an der auf der Karte nicht beantworteten Frage, um welche Weinfarbe es sich bei einem Blaufränkischen handelt. Rot macht auch blau! Die meisten tranken zügig Bier. Das macht dumpf und lässt einen frauenfeindliche Witze und eine Tanzmusik ertragen, die ungefähr im Jahr 1973 ihren künstlerischen Höhepunkt erlebte. Bier macht auch die jungen Stiere wild. Die müssen schließlich später im Discozelt zu Markus Beckers Kindertechno-Hit Das rote Pferd die Bude und die Burschen aus dem Nachbarort zerlegen. Ein Zeltfest reinigt. Es macht einem deutlich, wo man wohnt. Am nächsten Tag sind alle betreten. Sie leben wieder friedlich zusammen. Bis zum nächsten Jahr.

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Contra---
Von Karl Fluch

Es ist mir noch präsent wie gestern, als Schulfreund N. aus der Großstadt Leoben bei Schulfreund H. übernachten wollte, der tief in einem Seitenarm des Mürztals wohnte. Anlass der Auswärtsübernachtung war der Vorsatz, gemeinsam ein Zeltfest zu besuchen. N. wollte dazu einen städtischen Anzug tragen. Bombenidee. Von der ersten bis zur letzten Unterrichtsstunde wurde N. von allen Seiten bedrängt, sein Vorhaben nochmals zu überdenken: Die Talbewohner seien mindestens Wilde, er als Großstädter würde geteert, gefedert oder nach anderer hinterwäldlerischer Folklore um Gesundheit und Leben gebracht werden. An N. prallten all diese empirisch belegten Warnungen ab. Mit Eingeborenem H. an seiner Seite sehe er keine Gefahr. Außerdem wolle man ja nur gemütlich zur Blasmusik zehn, zwölf Biere verinnerlichen, zirka. Das war am Freitag. Am Montag kam N. mit einer dicken Nase und einem dunkelblauen Monokel in die Schule. H. gab vor, sich an nichts zu erinnern, meinte nur, N.s Widersacher sehe noch übler aus. Ein schönes Fest. (Der Standard/rondo/26/06/2009)

  • Am nächsten Tag sind alle betreten. Sie leben wieder friedlich zusammen. Bis zum nächsten Jahr.
    foto: der standard

    Am nächsten Tag sind alle betreten. Sie leben wieder friedlich zusammen. Bis zum nächsten Jahr.

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