Gleitschirm und Gaumensegel

23. Juni 2009, 16:29
posten

Der Lambrechterhof ist eine Art Animationsclub. Die Animateure sind Wind, Wasser und Boden. Hier hebt man ab und gewinnt Bodenhaftung - mit Ansichtssache

Seit 900 Jahren überblickt das mächtige Stift St. Lambrecht die Straßen eines verschlafenen steirischen Dörfchens. Vor wenigen Monaten dann: ein bisserl Aufregung. Ein "Austria Trend Hotel", der Lambrechterhof, wird als einziges Vier-Sterne-Haus der Region eröffnet, und seither schauen sich die beiden in St. Lambrecht ein wenig schräg von der Seite an. Nach dem Umbau der Gemäuer, die schon Kino und Gasthaus waren, sind höchstens ein paar alte Steine im Weinkeller erhalten geblieben. Die Außenfassade ist völlig neu, erhält aber das dem Stift bekannte, ursprüngliche Gesicht zurück.

Und worauf schaut dann eigentlich das Hotel? Es schielt ganz gezielt auf die natürlichen Möglichkeiten der Region Zirbitzkogel-Grebenzen - diese ist zum großen Teil Naturpark. Sie zeigt ein grünes Antlitz, das mit besonders vielen Badeteichen zwischen bewaldeten Bergen vor allem Ruhe vermittelt.

Doch auch stille Täler können tief sein. Die umliegenden Berge jedenfalls sind hoch genug für ein wenig mehr Aufregung. Die wartet einige Kurven weiter und tausend Meter höher. In Form von 40 Quadratmeter großen Planen, die mit Schnüren und Schnallen am Körper befestigt werden. Tandem-Paragleiten steht bei gutem Wetter auf dem Programm des Hotels.

Man begibt sich also in die Hände erfahrener Paragleiter, die mit Brachialhumor die Bodenhaftung Ängstlicher im Aufwind lösen. Auf dem leicht abschüssigen Starthang plustert zuerst ein sanfter Wind die am Boden liegenden Schirme auf und dann der Pilot sich selbst: "Laufen, laufen, laufen - und zwar bis ich sage, dass du aufhören darfst!" Wenn der Wind passt, gibt es kein Zurück mehr.

Unter den baumelnden Füßen öffnet sich das Tal, in den Ohren pfeift der Wind. Sobald der Schirm in der Luft ist, kann man es sich wie in einem Fauteuil gemütlich machen und das Fliegen genießen. Bis die Piloten für dosierten Schrecken sorgen: Schon zupfen sie an Seilen, um enge Steilspiralen zu fliegen und damit etwas Fliehkraft ins Spiel zu bringen. Erst ein paar Meter über dem Boden ist man wieder Mitarbeiter: "Aufstehen - und laufen, laufen, laufen!"

Abenteuer am Boden

Georg Friedl hingegen, der Haubenkoch mit Leidenschaft für Aromen, bleibt mit seinem Abenteuer am Boden. In den ehrwürdigen Stiftsmauern lässt er nur die Gaumensegel seiner Gäste ein wenig flattern. Auf der Suche nach den Ursprüngen der Mühlviertler Küche, mit der er sich seit Jahren beschäftigt, stieß er auf Kräuter, die früher Bestandteil vieler Gerichte waren, und stellte sich die Frage, wie gut wir noch schmecken können.

Um das herauszufinden, kitzelt er hier in seiner "Geschmacksschule" taube Zungen und Gaumen folgendermaßen wach: Querbeet geht die Reise durch die Kräuterlandschaft und den eigenen Mund. Von salzig über süß, sauer und bitter werden alle Regionen der Mundhöhle abgeklappert. Dazu gibt es Wasser und Brot - zur Beruhigung der total aufgeregten Papillen. Danach wird die Nase mit irritierenden Duftstoffen konfrontiert, sie scheitert aber oftmals an der Definition derselben. Der Einheitsbrei von Fertigmenüs habe bei uns nämlich längst einen gusta-olfaktorischen Tiefschlaf bewirkt. Dann aber der Biss in ein einfaches Süßkrautblatt: Die Speicheldrüsen sprühen vor Begeisterung.

Wer bei so viel Aufregung bereits die Kontemplation gefährdet sieht, dem sei die meditative Landschaft des Naturparks empfohlen. Oder auch die "Schule des Daseins" im Stift St. Lambrecht - oder am besten beides. In Seminaren lernt man hier, Wege zur inneren Ruhe zu finden. Die Stille des Klosters und das, worauf es eben so verschlafen blickt, unterstützen solche Bemühungen. Wo Außenreize fehlen, bleibt nur das Innere. Das zu entdecken, kann allerdings schon wieder aufregend sein. (Mirjam Harmtodt/DER STANDARD/Printausgabe/20./21.6.2009)

  • Der Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen ist einer der wasserreichsten Österreichs. Seine zahlreichen Teiche haben Trinkwasserqualität und sind allesamt frei zugänglich.
    foto: steiermark tourismus / schiffer-symbol

    Der Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen ist einer der wasserreichsten Österreichs. Seine zahlreichen Teiche haben Trinkwasserqualität und sind allesamt frei zugänglich.

  • Zur Ansichtssache: Abheben und am Boden bleiben
    foto: ham

    Zur Ansichtssache: Abheben und am Boden bleiben

Share if you care.