Graf Pablo kauft sich den Cézanne

24. Juni 2009, 16:58
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1958 erwarb Picasso ein Schloss in der Provence des Bergblicks wegen. Château de Vauvenargues wird nun einmalig für Besucher geöffnet

Das Musée Granet in Aix-en-Provence ist ein Glücksfall. Nicht nur weil es umgebaut und jetzt mit einer Werkschau der Maler Cézanne und Picasso eröffnet wurde. Vielmehr, weil es Direktor Bruno Ely geschafft hat, Analogien der beiden zu zeigen. Ely hat herausgearbeitet, wie sehr Picasso vom 1906 verstorbenen Cézanne beeinflusst wurde. Picassos letzte Frau Jacqueline - 1964 als "blaues Wunder" gemalt - korrespondiert mit "Madame Cézanne en robe rayée" von 1884; oder Picassos Dessert von 1901 mit Cézannes Früchten von 1880.

Das beste Ausstellungsstück befindet sich jedoch 15 Kilometer außerhalb von Aix. Es ist das Bergmassiv Sainte-Victoire, das Cézanne immer wieder gemalt hat. Hier hat Picasso seine Verehrung auf die Spitze getrieben. 1958 erwarb der Maler-Millionär das Renaissance-Schloss in Vauvenargues. Mit dem Kauf des Anwesens am Fuße des "Cézanne-Berges" wurde der damals 77-Jährige auch Graf von Vauvenargues. Umgerechnet rund eine Million Euro hatte er damals für Schloss, Land und Titel zu zahlen. Doch für den Grafentitel interessierte sich der Malerfürst nicht.

Der Berg war es, der ihn rief. "Ich habe den Sainte-Victoire von Cézanne gekauft", prahlte Picasso gegenüber seinem Kunsthändler und Mentor Daniel-Henry Kahnweiler. "Welchen?", fragte dieser. "Das Original", frohlockte Picasso.

Noch heute blickt Picasso auf sein Original. Hinter dem Hauptportal und vor der ausladenden Freitreppe zum Schlosseingang befindet sich ein unauffälliger kleiner Grashügel. Der Gärtner wird ihn wohl jede Woche mähen müssen, damit die Bronzeskulptur Femme au vase schön frei steht. Die Skulptur ist der Grabstein für den 1973 gestorbenen Maler und seine letzte Frau Jacqueline.

Ganz kurz Schloss ohne Riegel

Museumsdirektor Ely hat es im Zuge seiner Ausstellung in Aix geschafft, dieses Schloss für die Dauer der Schau einmalig für Besucher zu öffnen. Château Vauvenargues gehört heute Jacquelines Tochter aus erster Ehe, Catherine Hutin. Sie hat sich überzeugen lassen, einem größeren Kreis bis zum September 2009 Einblicke in das Privatleben Picassos zu gewähren. Streng reglementiert dürfen Besucher in einer halbe Stunde erfahren, wie der Maler dort lebte: spartanisch, ganz ohne Schnörkel.

Alles im schön hergerichteten Schloss scheint unberührt, gerade so, als ob Picasso eben das Licht der Atelierlampe gelöscht hätte. Die Farbtöpfe stehen noch im Kaminsaal herum. Auf dem Tisch liegt ein Bankscheck - auch das ein Original. Im Innenhof sind frische Gladiolen und Lilien drapiert. Hier wurde der Maler unmittelbar nach seinem Tod aufgebahrt. Eine junge Aushilfe aus dem Dorf passt auf, dass niemand Fotos macht. Als ob es ihr Eigentum wäre, achtet sie mit Argusaugen auf jede Bewegung der Besucher. Doch vom Interieur ist nicht viel abzulichten.

Picasso lebte schlicht in dem riesigen Schloss. "Ich werde es mit meinen Bildern füllen", kündigte er Kahnweiler an. Einen grün-blauen Faun hat der Katalane über die Badewanne gemalt. Die Farbkleckse auf dem Boden sind noch heute da. Im Schlafzimmer hat er sich wie die Fußballfans des FC Barcelona eine Stoffbahn mit rot-gelben Streifen über das Bett gehängt - die Flagge Kataloniens. Im Kaminzimmer haben die ehemaligen Schlossherren das Gemälde eines bischöflichen Vorfahren hängen lassen. Picasso stellte eine Medaillon-Kommode dazu, Matisse hat sie ihm vererbt. Nur das Buffet im Henri-II.-Stil strahlt Luxus und Opulenz aus. Schwarz gebeizt, verschnörkelt und majestätisch anmutend, dominiert es den Zwischenraum hinter dem Schlafzimmer. Picasso muss dieses Möbelstück geliebt haben. Neun große Ölgemälde hat es zusammen mit dem Dalmatiner Perro ausgefüllt. Drei dieser Bilder sind nun im Museum Granet in Aix-en-Provence zu sehen.

Als Nachttischchen auf Schloss Vauvenargues diente übrigens ein Baumstrunk. Den hätte Picasso besser verheizen sollen. Kalt war der Mistral im Winter, und es pfiff um die Turmzinnen. Zwei Jahre nach dem Erwerb wurden die Umzugskisten also wieder gepackt. Die Schlichtheit war dem Maler zu umständlich. So sehr das Schloss-Spielzeug anfangs ins Künstlerkonzept zu passen schien ("Ich habe ein Leben lang gebraucht, um so zu malen wie ein Kind"), so schnell gab er die feudale Studentenbude auf und wechselte 1961 in das neue Haus Notre-Dame-de-Vie in Mougins an der Côte d'Azur. Besucher haben wohl nicht mehr lange das Glück, dieses Künstlerhaus von außen zu bestaunen. Stieftochter Hutin hat das Landhaus für sechs Millionen Euro an einen Privatmann verkauft. Der neue Besitzer denkt über einen Abriss nach.

Picasso, plastisch und in Serie

Im nahe gelegenen Vallauris, bekannt für die Töpferkunst von Madoura und anderen, entdeckte Picasso ab 1946 das Töpfern für sich. Die junge Verkäuferin Jacqueline Roque entdeckte er gleich mit. Auf dem Marktplatz von Vallauris steht seine Skulptur "Mann mit Lamm". Heute kicken Kinder mit dem Ball an den Sockel, und das geht in Ordnung, der Wunsch des Künstlers war es ja, dass man darauf auch herumklettern kann. Auf dem Hintern der Männerfigur klebt ein Dollar-Zeichen. Ein dezenter Hinweis auf den sagenhaften kommerziellen Erfolg des Künstlers? Mit den Keramiken begann hier immerhin seine Serienproduktion. Den Töpferort erkundete Picasso übrigens während seines Aufenthaltes in der Grimaldi-Burg in Antibes.

23 Gemälde und 44 Zeichnungen vermachte Picasso daraufhin Antibes. Eine Gruppe von Fünftklässlern hat sich gerade vor dem berühmten Gemälde La joie de vivre niedergelassen und lauscht mit ehrlicher Hingabe der Lehrerin. Ein pädagogischer Glücksfall? Sicher! In jedem Fall aber auch ein touristischer, denn diese Lebensfreude ist im ebenfalls renovierten und wiedereröffneten Picasso-Museum recht leicht nachvollziehbar. Erlebte er doch in der kleinen Burg mit Blick auf das azurblaue Meer eine schaffensreiche Zeit, die heuer durchaus auch für ein unangekündigtes Picasso-Jahr gut ist. (Nicolas van Ryk/DER STANDARD/Printausgabe/20./21.6.2009)


Austrian fliegt zweimal täglich und Sky Europe sechsmal wöchentlich von Wien nach Nizza. Nach Vauvenargues sind es vom Flughafen rund 180 Kilometer, ein Mietwagen ist empfehlenswert.

Unter der Webadresse www.picassenprovencecotedazur.com findet man eine gute Übersichtskarte und Details zu den Lebensetappen Picassos in der Provence und an der Côte d'Azur.

Informationen bekommt man auch über das Maison de la France Österreich, Lugeck 1-2, Stiege 1, Top 7, 1010 Wien oder unter info.at@franceguide.com bzw. http://at.franceguide.com


Unterkunftstipps:

Einfach und mitten in Aix-en-Provence:
Hotel Negre Coste, 33, Cours Mirabeau, Doppelzimmer ab EURO 90.
Belle-Epoque-Hotel mit Garten im Badeort Juan les Pins bei Antibes: Hotel Le Pré Catelan,27, Avenue des Palmiers, Doppelzimmer ab EURO 120.

Essen:
Schöner Innenhof und gutes Ziegenkäse-Sorbet im Restaurant l'Amphitryon, 2, Rue Paul Doumer

Üppige Lammkeule im Restaurant Open Ditch in der Domaine d'Arge-ville (im Besitz der Familie Picasso) in Mougins, Tel: +33/4/929 81 923


Musée Granet in Aix-en-Provence, geöffnet täglich von 9-19 Uhr, donnerstags von 12-22 Uhr,  10 Euro

Château de Vauvenargues: Besichtigung nur nach vorheriger Reservierung im Musée Granet oder im Tourismusbüro Aix-en-Provence, EURO 7, beide nur bis zum 27. 9. 2009!

Picasso-Museum in Antibes, geöffnet täglich, außer montags von 10-18 Uhr, Château Grimaldi

Schloss in Vallauris mit Picassos-Kapelle

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Zwei Jahre lang lebten Picasso und seine Frau Jacqueline, die auf diesem Gemälde zu sehen ist, im Schloss von Vauvenargues. "Wir werden bei Cézanne wohnen", kommentierte er seinen Einkauf im Jahr 1958 - und damit auch die geografische Annäherung an den Maler der Provence.

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