Alltag in Nummer 33

19. Juni 2009, 17:00
9 Postings

Hausbesetzer? Das sind doch die mit den Punkfrisuren und den Hunden - Nicht so in London - Die Squatter von heute sind junge Kreative

Ein leerstehendes Haus zu besetzen ist in Großbritannien legal. Vorausgesetzt, man wendet keine Gewalt an, wenn man sich Eintritt verschafft.

Von außen sieht das Haus aus wie alle hier in Walworth, dem armen Arbeiterviertel südlich von Elephant and Castle. Backsteinfassade, zwei Stockwerke, ein kleiner Hinterhof. Zwei, drei Familien mit mehreren Kindern wohnen normalerweise in solchen Vorstadthäusern aus der Jahrhundertwende - sofern sie es sich leisten können.

Im Haus Nummer 33 haben sich Hannah, Simon, Kerry, Dale & Co eingenistet. Seit sechs Monaten sind sie hier, insgesamt sind sie zu elft. Im Keller haben sie einen Probenraum installiert, im Anbau im Hinterhof gibt es ein Gästezimmer, im ersten Stock ein Wohnzimmer und eine Küche. Manchmal kochen sie dort gemeinsam. Und wenn sie Lust haben, steigen sie anschließend durch die offene Luke aufs Dach und zünden sich eine Zigarette an.

"Squatter"

Hannah, Simon, Kerry, Dale & Co sind "Squatter". Hausbesetzer ist das deutsche Wort dafür, doch die Assoziationen, die dieser Begriff im Deutschen auslöst, treffen auf die Bewohner von Nummer 33 nur sehr bedingt zu. Hunde gibt es in dem Häusl keine, dafür zwei Katzen. Niemand spritzt Heroin, über Punks rümpfen die Bewohner die Nase. "Ich stehe um sieben auf und gehe vor zwölf schlafen", erzählt Hannah aus Kent, die mit ihren 20 Jahren und löchrigen Strümpfen so etwas wie das Nesthäkchen des Hauses ist. "Es gibt mehrere hier, die einen stinknormalen Tagesablauf haben." Nur dass sie um neun nicht hinter einem Bürotisch sitzen, sondern auf ihren Gitarren üben oder am Saum eines Kleides nesteln.

Hannah ist Stylistin, und würde sie nicht in einem besetzten Haus leben, könnte sie sich ihr Leben in London nicht leisten. "Die Mieten sind horrend und die Löhne niedrig. Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man hat Geld, oder man spart Geld." Letzteres machen in London immer mehr Menschen, indem sie ihre Miete streichen. Geschätzte 15.000 Hausbesetzer gibt es in England und Wales, Tendenz steigend. Die meisten von ihnen sind jung, sind Musiker und Modeleute, Journalisten und Designer oder gehen einer anderen kreativen Betätigung nach, von der sie unter normalen Umständen nicht leben könnten. Die meisten von ihnen wohnen ganz legal in "ihren" Häusern.

Ermöglicht wird das durch die milde britische Gesetzgebung: Solange man nicht gewaltsam eindringt, sondern sich etwa durch eine nicht abgesperrte Tür oder ein offenes Fenster Zutritt verschafft, darf man sich in einem leerstehenden Haus breitmachen. Meldet niemand Besitzansprüche an, geht das Haus nach zwölf Jahren in das eigene Eigentum über. Das passiert allerdings äußerst selten.

Im Normalfall einigen sich Besitzer und Besetzer auf die weitere Vorgehensweise - notfalls vor Gericht. Das war auch im Falle des Hauses mit der Nummer 33 so. Der Hausbesitzer erlaubte den unangemeldeten Gästen, in seinem Haus zu wohnen - so lange, bis es verkauft ist. Das ist in diesem armen Viertel in Südlondon, das von hässlichen Plattenbauten aus den 70ern und schlichten Reihenhäusern dominiert wird, aber nicht so einfach. "Wir werden wohl noch länger hierbleiben können", ist Amy aus Schottland überzeugt.

Ich will es nett haben

Das ausnehmend hübsche Mädchen ist mit ihren 26 Jahren die Älteste im Squat. Sie ist Künstlerin, geht aber 20 Stunden in der Woche einem Gelegenheitsjob nach. In ihrem Bücherregal stehen Werke von Orwell und Machiavelli, an der Wand über ihrer Matratze hängt ein Ausstellungsplakat des Victoria & Albert Museum. Heute Morgen scheint die Sonne mit milchigen Strahlen in das hübsche Zimmer. "Wer sagt, dass es in besetzten Häusern schmutzig und unordentlich sein muss? Ich will es nett haben."

Der einzige Grund, warum Amy nach ihrem Kunststudium in Glasgow und längerer Lehrtätigkeit in Spanien nach London in ein besetztes Haus gezogen ist, ist das Geld. "Eine politische Agenda habe ich nicht." Das hat sie mit fast allen Bewohnern hier gemein. Die Zeiten, als Hausbesetzer mit Anarchos oder Linksradikalen gleichgesetzt wurden, sind schon lange vorbei. "Natürlich sind wir alle gegen die hohen Mieten in der Stadt. Aber das ist doch jeder vernünftig denkende Mensch." Wahrscheinlich ist das der Grund, warum die Squatter in London kaum scheel angeschaut werden.

Als in diesem Winter die Nachricht die Runde machte, dass Hausbesetzer Edelbleiben in Mayfair und anderen sündteuren Londoner Stadtbezirken im Wert i i von vielen Millionen Pfund okkupiert haben, berichteten die Zeitungen amüsiert-wohlwollend darüber. Die Hausbesetzer sind vor allem ein Stachel im Fleisch von Eigentümern, die ihre Immobilien über Jahre nicht renovieren, oder Spekulanten, die mit leerstehenden Gebäuden Geld verdienen wollen. Im Internet gibt es längst Homepages, die über die rechtlichen Hintergründe aufklären, das Squatter-Handbook ist gerade in seiner 13. Auflage erschienen. Die sogenannte "Section 6" eines Gesetzes aus dem Jahre 1977, das es verbietet, sich zu besetzten Häusern gewaltsam Eintritt zu verschaffen, ist an allen Beratungsstellen zu haben. Es wird von den Hausbesetzern üblicherweise an die Haustür des neu besetzten Hauses geklebt, nachdem sie die Schlösser ausgetauscht haben. Es gilt auch für den Hausbesitzer. Um die unliebsamen Gäste zu vertreiben, bleibt diesem nur der Gang zu Gericht. Der 25-jährige Simon hat das bereits einige Male erlebt. Der Musiker, der in Southampton studierte, lebt seit mehreren Jahren in wechselnden Squats. "Ich würde mich gar nicht als Hausbesetzer, eher als Housesitter bezeichnen." Während er im Schneidersitz auf dem Boden seines spartanisch eingerichteten Zimmers sitzt und sich eine Zigarette dreht, zählt er die besetzten Häuser auf, in denen er bereits unterkam. "Die Gegend hier ist schlecht. Die Sozialwohnblocks um die Ecke sollen abgerissen werden. Ich hoffe, bald irgendwo anders hinzuziehen, möglichst noch vor dem Winter." Für die Squatter ist das die härteste Zeit des Jahres - trotz des relativ milden englischen Klimas.

Irgendetwas ist immer kaputt

Die Schlaf- und das Wohnzimmer im Haus Nummer 33 sind zwar mit Elektroradiatoren ausgestattet, die Küche und die Gänge aber sind kalt. "Als wir hier eingezogen sind, haben wir sofort Strom und Gas angemeldet, richtig gemütlich aber ist es im Winter nicht." Gerade ist der 29-jährige James zu Besuch, der in einem Squat ein paar Straßen weiter mit nur drei Mitbewohnern lebt und den Wasserhahn repariert. Er kommt vorbei, wenn Reparaturen anstehen: "Es schadet nicht, wenn man zwei geschickte Hände hat. Irgendetwas ist in diesen alten Häusern immer kaputt. Lebt man in einem besetzten Haus, muss man lernen, Kompromisse zu schließen. Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an bestimmte Situationen gewöhnt."

Zum Beispiel, dass das Essen nicht selten aus der Mülltonne kommt. Die 23-jährige Karley aus Upstate New York lacht laut auf, wenn sie dem Besucher die Sache mit Marks & Spencer erzählt. Sie weiß, dass sich viele Menschen nicht vorstellen können, Nahrung aus dem Abfall zu kramen. "Die Sache ist so: Bei Erreichen des Ablaufdatums werden die Produkte von Marks & Spencer einfach weggeschmissen - obwohl sie alle abgepackt und noch lange nicht schlecht sind."

Seit vier Jahren lebt die Amerikanerin in besetzten Häusern, und seit vier Jahren ernährt sie sich von abgelaufenen Produkten. Eine Magenverstimmung hatte sie deswegen noch nicht. "Das wenige Geld, das ich bei Zeitungen verdiene, gebe ich lieber für andere Dinge aus." Karley ist freie Mitarbeiterin bei verschiedenen Magazinen. Ihre jüngste Geschichte war übrigens eine Coverstory über Beth Ditto in Dazed & Confused. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/19/06/2009)

  • Immer hübsch Haus besetzen! Londons Squatter zeigen ihre Mode.
    foto: der standard

    Immer hübsch Haus besetzen! Londons Squatter zeigen ihre Mode.

Share if you care.