Tee in Körnern

12. Juni 2009, 16:30
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Griechischer Bergtee ist ein äußerst bekömmliches Gesöff, aber gewöhnlich sauteuer - Weil er auch hübsch ist, bauen wir ihn sofort an, sagt Ute Woltron

Man soll kein gärtnerisches Experiment unversucht lassen, vor allem, wenn man dabei sowieso nichts zu verlieren hat.

Dem Ruf einer Samenräuberin einmal mehr gerecht werdend, stahl ich beispielsweise im unverschämt gepflegten Vorgärtchen zweier geduldiger und nur leicht erstaunter Menschen im vergangenen Herbst die Samen eines mir unbekannten, hochgewachsenen, offenbar reichlich geblüht habenden Gewächses. Die Aussaat erfolgte im Frühling. Über mehrere Wochen goss ich, was da entspross.

Wer aber keine Aussaaterde, sondern ordinäres Gartensubstrat verwendet, darf sich nicht wundern. Denn irgendwann einmal musste ich feststellen, dass ich reines Unkraut an meinem Gartenbusen genährt hatte.

Eigenartig. Wahrscheinlich hätten die Samen eine winterliche Frostkur gebraucht, aber was weiß man schon. Nicht der einzige, aber ein guter Grund, die netten Leute im Herbst gleich nochmals heimzusuchen.

Dafür gelang aber ein weiteres Experiment, an dessen positivem Ausgang mehr als zu zweifeln war. In selbigem langen Winter nämlich, in diesen gärtnerisch elend langweiligen Tagen, durfte ich in einem anderen befreundeten Heim die kulinarischen Genüsse des Griechischen Bergtees entdecken. Sehr gut schmeckt der. Ein bisschen wie Salbei, aber doch anders.

Berge, Griechenland, Aroma

Sideritis scardica stand auf der Packung, die ich sogleich um sündige Summen in der Kräuterapotheke erwarb und die sofort aufgebraucht war - weil irgendwas muss den Menschen im Frost der trüben Jahreszeit ja auch von innen heraus erwärmen. Berge, Griechenland, Aroma - diese Assoziation hilft.

Die nächste Packung war preiswerter, sie entstammte der Bio-Abteilung eines Supermarktes. Das Innenleben war deutlich gröber und gar nicht apothekermäßig. Dafür entdeckte ich zwischen vielen Stängeln und wenigen Blättern, was jeden Gartenmenschen beglückt: Es waren ein paar Samen mit hineingerutscht.

Die präparierte ich sofort aus den trockenen Blüten heraus und gewann auf diese Art ungefähr zwei Dutzend von ihnen. Anzuchterde her und rein damit. Nach etwa zehn Tagen keimte einer der Samen und verharrte mehrere Wochen lang in mikroskopisch kleinem Wuchs. Wir reden hier von zwei, drei Millimetern, es war also nicht sehr hoffnungsvoll. Der Rest der Samen hatte offenbar bereits das Zeitliche gesegnet, aber zumindest dieses eine kleine Pflänzchen war durchgekommen. Es wuchs extrem langsam.

Silbergrau pelzig belaubt

Aber jetzt, vier Monate später, steht es stramm und pikiert und reizend silbergrau pelzig belaubt gut zwölf Zentimeter hoch in der Welt und duftet jetzt schon kräftig und verheißungsvoll.

Der langen Kolumne kurzer Sinn: Man soll sich also nie und nimmer von irgendwelchen Rückschlägen ins Bockshorn jagen lassen. Wetten, dass dieser Bergtee noch viel besser schmecken wird als alles, was an Bergtee sonst so zu haben ist? (Ute Woltron/Der Standard/rondo/12/06/2009)

Tipp

Sideritis scardica ist eine im Mittelmeerraum beheimatete Pflanze, die auf kargen Berghängen wächst. Sie sollten sie also in ein sandiges Gemisch setzen, Kakteenerde hat sich durchaus bewährt. Die Pflanze blüht ab Mitte Juni gelb und ist insgesamt ein hübscher, silbrig-pelziger Blickfang im Steingarten. Viel Sonne ist erforderlich, Schatten wird genauso wenig vertragen wie Staunässe. Geerntet wird zur Zeit der Blüte nach ein paar möglichst sonnigen, heißen Tagen. Getrocknet werden sowohl Blüten als auch Blätter und Stängel. Angeblich ist der Bergtee winterhart, doch darüber können wir Ihnen erst im nächsten Jahr verlässlich Auskunft geben.

  • Gut zwölf Zentimeter hoch und duftet jetzt schon kräftig und verheißungsvoll.
    foto: ute woltron

    Gut zwölf Zentimeter hoch und duftet jetzt schon kräftig und verheißungsvoll.

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