Pudel im Schafspelz

11. Juni 2009, 16:30
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Das Designtrio "Pudelskern" denkt über Wohnräume nach und verhilft dem Schaf zu höheren Designweihen

"Mir ist die Krise wurscht. Wir verkaufen genau so viele Raumstationen wie vor der Krise, nämlich gar keine", kommentiert Horst Philipp spitzbübisch die Frage nach der Empfindlichkeit der Designszene bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung. Der Weltraum sei dem Tiroler Designbüro "Pudelskern Space Agency" nach einem Workshop bei der Esa weit näher als die Sphären der Wirtschaftskrise mit ihren völlig abstrakten Summen, sagt der Gestalter. Phillip (34), eines der drei Mitglieder von Pudelskern, ist der, der die Welt ein wenig durch die rosa Brille sieht. Das sagt er über sich selbst. Seine Kollegin Nina Mair (31) gilt als die Künstlerische und Gut-Organisierte des Trios, und Georg Öhler (32), er trägt eine blaue Strickkrawatte und bezeichnet sich als den pragmatischen Philosophen im Bunde.

Beim Workshop für die Esa ging es darum, ein Habitat für Menschen auf dem Mars zu ertüfteln. 30 Experten, unter anderem aus den Bereichen Architektur, Astronomie, Biologie und Medizin, waren dazu eingeladen worden. Die Tiroler hatten den Job, eine hybride und erweiterbare häusliche Lösung für den Trip zum fernen Planeten zu entwerfen. Untersucht wurden mögliche Bautechniken von aufblas- bis zu faltbar, Materialien und Lebenserhaltungssysteme unter Berücksichtigung psychologischer und soziologischer Aspekte.

"Wir sind so gut wie ohne Konkurrenz"

Wenn die drei nicht bei der Esa oder auf der Mailänder Möbelmesse weilen, sind sie in der Regel in ihrem Büro in einer ehemaligen Seifenfabrik in Innsbruck zu finden. Designtechnisch betrachtet sei das Inntal ein Jammertal, meinen die drei. Aber das habe auch Vorteile: "Wir sind so gut wie ohne Konkurrenz", sagt Nina Mair, wie ihr Kollege Öhler ausgebildete Architektin, während Horst Philipp aus dem handwerklichen Bereich kommt und zum Thema meint: "Außerdem denken wir europäisch." Philipp hat gern das letzte Wort.

Den Grund, weshalb sich das Trio, das seit drei Jahren gemeinsam werkt, nach Goethes Faustzitat benannt hat, scheint erahnbar. "Wir gehen den Dingen gern auf den Grund, suchen den Kern", bestätigt Georg Öhler die Vermutung. Bisher definierten sie diesen Kern zum Beispiel bei der Ausstattung des Linzer Hosi-Zentrums oder in Form eines Heizkörpers aus einem speziellen Kunststoff, denn, so sind sich die drei einig, "ein Heizkörper kann ein total cooles Möbel sein. Man muss ihn nicht unbedingt unterm Fenster verstecken." Zumindest die Geschichte gibt ihnen recht, man denke an die Raumbedeutung eines Kachelofens, der einst - gerade in Tirol - das Zentrum so mancher guten Stube war.

Pudelskern entwerfen luftige Objekte wie die Rauminstallation "Blowjob", allerlei Möbel, Teile für Feuerwehrautos und sind für Interieuraufträge zwischen Landeck und Mars zu haben. Am eindrucksvollsten entkernten sie den Pudel aber vielleicht mit ihrem Projekt für das Ötztaler Schafwollzentrum Regensburger.

Eine Leuchte wie das Ungeheuer von Loch Ness

"Eine Unternehmensberaterin trat an uns heran. Die Schafwollmanufaktur suchte nach einer Neuorientierung mithilfe von Design, und da haben wir uns die Sache angeschaut", erzählt Nina Mair von der Anbahnung. Ein Dreivierteljahr nahmen sie den Kreislauf rund um die Schafwolle unter die Lupe. Das Schaf in seiner Rolle als alpiner Kulturlandschaftsgärtner, der vor Verwaldung schützt, die wirtschaftliche Problematik der Schafbauern, die Marktsituation und einiges mehr gab ihnen zu denken. Des Pudels Kern entpuppte sich in diesem Falle als des Schafes Haar. Dies hat nämlich, verarbeitet man es wie das Ötztaler Schafwollzentrum, einiges zu bieten. "Schafwolle ist selbstreinigend, antiallergen, wirkt sich positiv auf Raumklima und Akustik aus, schützt vor Milben und ist motten- und brandfest", zählt Mair auf und setzt nach: "Wenn man sie richtig behandelt, also das Haar nicht mit Teflon, sondern auf mineralischer Basis beschichtet und auf den richtigen Wäscheprozess setzt." Aber dieser Hut ist bekanntlich ein alter.

Pudelskern stellte sich also die Frage: "Was kann diese Firma, was andere nicht können, und wie können wir als Designer helfen." Herausgekommen ist eine heitere, formensprachlich überraschende Kollektion, die dem Schaf zu Designweihen verhilft: ein Tisch mit eingeflochtenen Wollschnüren, Fläzmöbel mit einer Art Frotteebeschichtung, Teppiche, so wolkig wie Wattebäusche, oder die Leuchte Feeler, die wie eine gestrickte Variante des Monsters von Loch Ness ihren langen Hals emporwindet, aus dessen dickem Ende Licht strömt.

Erfrischend losgelöst

Absolutes Highlight der haarigen Geschichte ist jedoch die handgestrickte Leuchte "Granny". "Wir mussten für sie extra Stricknadeln anfertigen, formal herausfordernd war, das richtige Verhältnis von Fadenstärke, Maschengröße und Schirmvolumen auszubaldowern, um dieses handfeste, ironische Moment auf die Handarbeit zu übertragen", erklärt Nina Mair die Objekte. Die gibt es vorerst nur in Kleinserien - allesamt selbstgestrickt von Mair, die circa acht Stunden pro "Granny" werkt und dabei am liebsten an einen Produzenten denkt, der ihr diese Arbeit möglichst bald abnimmt.

Die drei von Pudelskern wirken durch ihre Distanz zur klassischen Designausbildung und ihre Entfernung zur eigentlichen Szene erfrischend losgelöst von stilistischen Diktaten, Gestaltergurus und Communitys. "Es ist ganz einfach. Man muss nur mit offenen Augen durch die Welt gehen und versuchen, die Kreisläufe und Systeme zu durchschauen. Auch der Konsument sollte einfach genauer hinschauen", beschreibt Georg Öhler seinen Zugang zur weiten Welt des Designs.

Auf den Begriff "Nachhaltigkeit" haben die drei Tiroler in dem wohlgestalteten Folder zu ihren Schafwollobjekten mit Option auf Kultstatus bewusst verzichtet. "Das Wort wird doch heutzutage schon wie ein Label benutzt", sind sich die drei am Ende des Gesprächs einig, und man wünscht sich, dass sich das Trio auch weiterhin nicht so schwertut wie Faust beim Erkennen des Pudels Kern. (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/12/09/2009)

  • Die drei von "Pudelskern" sind vor allem in Sachen Interieur-Design aktiv. Das reicht von einem Workshop der Esa in Sachen Wohnen auf dem Mars bis zum Hosi-Zentrum in Linz ...
    foto: hersteller

    Die drei von "Pudelskern" sind vor allem in Sachen Interieur-Design aktiv. Das reicht von einem Workshop der Esa in Sachen Wohnen auf dem Mars bis zum Hosi-Zentrum in Linz ...

  • ... oder einer gestrickten Variante zur Raumbeleuchtung namens "Granny".
    foto: hersteller

    ... oder einer gestrickten Variante zur Raumbeleuchtung namens "Granny".

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