Spaniens grüne Eidgenossen

11. Juni 2009, 17:31
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Seit 1993 schwören die Menorquiner auf eine nachhaltige Entwicklung der Insel. Das freiwillige Bekenntnis dazu soll nun zum Gesetz werden

Ein paar einspurige Straßen durchziehen das Land wie Adern ein makellos grünes Blatt. Schwarz-weiße Kühe stehen hinter hüfthoch geschichteten Steinmauern, die auf weiter Flur daran erinnern, dass es kein gänzlich unbeschriebenes ist. Denn zwischen den Weiden und Hainen tauchen gekalkte Höfe und kleine Dörfer nur spärlich auf.

Diese Landschaft wirkt so wohltuend altmodisch. Wo sind die Zeichen der industriellen Revolution, der Marktwirtschaft und des Neoliberalismus, auf dieser nur 700 Quadratkilometer kleinen Insel mit ihren 85.000 Menschen und 7000 Kühen? Fährt man auf der lächerlich schmalen, aber wunderbar gebauten Hauptstraße von Ciutadella nach Maó quer über die Insel, überkommt einen ein Gefühl des Stillstandes. Menorca ruht, scheint im Mittelmeer zu treiben, auf halbem Weg zwischen Barcelona und Algier, nur eine Fährstunde von der großen, aufgeregten Nachbarinsel Mallorca entfernt.

Bei Ankunft aufgeräumt

Erst am Ende der 47 Kilometer langen Strecke von West nach Ost, wird dem Besucher klar, was so anders ist an Menorca: Beim Blick auf den Frachthafen von Maó, dort, wo vom Joghurtbecher bis zur Windschutzscheibe alles ankommt, was eine Insel zum Leben eben braucht, fällt sie ins Auge: Menorcas Aufgeräumtheit - keine schmuddeligen Ecken, nicht mal am Containerhafen, keine kaputten Autoreifen am Straßenrand, keine Werbetafeln an den Einfallsstraßen der sechs Dörfer und zwei Städte und schon gar keine wilden Müllhalden im Hinterland, wie man sie anderswo in Spanien immer noch sieht.

Menorca ist seit 1993 Biosphärenreservat. Konkret bedeutet das, fast die Hälfte der Landfläche wird hier vom Menschen im verantwortungsvollen Umgang mit den natürlichen und kulturellen Ressourcen genutzt. Den Schutzstatus verleiht die Unesco. Er ist zunächst weder mit Auflagen noch mit Gesetzen verbunden. Es wird lediglich festgestellt, dass auf Menorca - eines von 255 europäischen Biosphärenreservaten - eine schützenswerte Kulturlandschaft mit großer Artenvielfalt existiert. Zu deren Erhalt und zur Förderung nachhaltigen Wirtschaftens mit dem, was die Insel und das Meer - 2004 wurde das Reservat um ein maritimes Schutzgebiet erweitert - bieten, gibt die Unesco Empfehlungen. Orientieren sich die örtliche Verwaltung und die Bewohner daran, locken Subventionen, Preise, Möglichkeiten zur Fortbildungen - und ein zukunftsträchtiges Leben in Harmonie mit der Umwelt.

Das Leben der Menorquiner ist heute geprägt von Eigenverantwortung, der Liebe zur Insel, vom Einsatz moderner Umwelttechnologie und letztlich auch von endlosen Diskussionen. Denn der Schutzstatus betrifft längst alle Bereiche des Lebens. So treffen die Gemeinden viele Entscheidungen auf Basis einer lokalen "Agenda 21", jenem Leitpapier zur nachhaltigen Entwicklung, das 1992 in Rio de Janeiro ratifiziert wurde und weitreichende Maßnahmen für die Bereiche Trinkwasser- und Sanitärversorgung, Abwasser- und Abfallbeseitigung sowie für die ländliche Entwicklung vorsieht. In Zeiten der Kapitalismuskrise stehen solche selbst auferlegten Richtlinien für Nachhaltigkeit wieder zur Diskussion, es gilt ja weiterhin, die 50.000 Betten zu belegen, mehr als die Hälfte davon in Ferienhäusern. Die Menorquiner scheinen nun allerdings mehrheitlich davon überzeugt zu sein, das ein Festhalten am Schutzstatus auch wirtschaftlicher rentabler ist als die Auslastung der Kapazitäten um jeden ökologischen Preis.

Jährlich kommen rund eine Million Urlauber, und das vor allem deshalb, weil sie hier noch mehr als fünfzig unverbaute Strände vorfinden; sie ankern in engen Buchten, tauchen im an manchen Stellen ungewohnt grünlichen Wasser des Mittelmeers, wandern oder reiten rund um die Insel auf dem alten Frachtweg Camí de Cavalls, der in dieser Saison erstmals durchgehend über 180 Kilometer die Küste entlang führt; oder sie genießen am Abend einfach den frischen Fang aus noch überraschend fischreichen Gewässern, bei Livemusik in den Lokalen der Altstadt von Ciutadella.

Menorca wirkt auf den ersten Blick wie eine gepflegte Antiquität, bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Insel als durchdachtes Designerstück aus reinen Naturmaterialien. "Als wir gesehen haben, welche Folgen der Massentourismus auf den Nachbarinseln hatte, wollten wir einen anderen Weg einschlagen", drückt es Lázaro Criado, der Tourismusbeauftragte im Inselrat von Menorca, direkter aus. Er gibt noch eine andere, etwas pathetischere Erklärung: "Wir lieben unsere Insel." Auch die Mallorquiner und Ibizenker tun das, und dennoch zerschneiden auf den Nachbarinseln mehrspurige Straßen altes Agrarland, verfallen historische Höfe neben Einkaufszentren, säumen Hotelhochhäuser mickrige Sandstreifen. Es muss also eine bessere Erklärung geben: "Die Menorquiner sind langsam, das ist unser Glück", gibt Juan Juanico vom Hotelierverband auf Menorca unumwunden zu.

Tourismus auf leisen Sohlen

Das Geschäft mit dem Tourismus begann auf Menorca spät, Mitte der 1970er-Jahre erst. "Als auf Mallorca der Boom begann, lebten wir noch von Schuhen, Schmuck und Käse", erinnert sich Juanico. Heute ist er stolz darauf, dass seine Landsleute zwar spät den Tourismus entdeckt, dafür aber beinahe ohne Umschweife den Weg der Nachhaltigkeit eingeschlagen haben. "Das erste spanische Hotel mit einem ISO-1400-Zertifikat für die ökologischen Betriebsführung war ein menorquinisches", ergänzt er. "Mehr als 30 Hotels sind seit 1999 als solche akkreditiert, das war harte Arbeit."

In einem Tourismusgebiet, das dennoch Biosphärenreservat ist, sind die Zahl der Betten und die ökologische Effizienz eines Hotels eng miteinander verknüpft. "Wer heute auf den umweltfreundlichen Betrieb umstellt, hat seine Investitionen in zwei Jahren amortisiert", glaubt Juanico aus der Erfahrung sagen zu können.

Subventioniert werden Projekte und Kampagnen von der Europäischen Union. Dieses Geld verwaltet Josep Suárez. Er ist Mitglied der Grünen und im Inselrat verantwortlich für das Thema Biosphärenreservat: "Menorca hat einen Eid geleistet, wir haben uns 1993 dazu verpflichtet, das Land zu schützen." Entscheidungen kann Suárez nur gemeinsam mit den 55 Mitgliedern des Sozial- und Wissenschaftsrates treffen. Sie erarbeiten derzeit einen regionalen Gesetzeskatalog, der das Einhalten der Unesco-Empfehlungen zur Pflicht macht ("der erste in ganz Spanien", so Suárez). Zuvor haben die Repräsentanten bereits einen Raumordnungsplan erarbeitet, der Neubauten oder Erweiterungen nur mit nachweislich positiver Ökobilanz erlaubt. "Unser Ansatz ist, das Beste aus der bestehenden Infrastruktur zu machen", erklärt Suárez.

Die Insel will nun auch endlich eine touristische Marke schaffen, die Menorca mit Natur gleichsetzt, denn kommuniziert habe man den Schutzstatus bisher immer nur unter "ferner liefen". Etwas mehr - wiewohl Ruhe suchende - Gäste könnte die von der Wirtschaftskrise spürbar betroffene Insel nämlich durchaus wieder vertragen, auch wenn Josep Suárez selbstbewusst meint: "Wir wollen nicht unbedingt mehr, wir wollen die richtigen Touristen." (Brigitte Kramer/DER STANDARD/Printausgabe/6./7.6.2009)

 

  • Von Menorcas einzigem Gipfel, dem 358 Meter hohen Monte Toro, erschließt sich ein grüner Fleckerlteppich, der bis heute mögliche Schritte in Richtung Monokulturen gedämpft hat.
    foto: institut balear del turisme

    Von Menorcas einzigem Gipfel, dem 358 Meter hohen Monte Toro, erschließt sich ein grüner Fleckerlteppich, der bis heute mögliche Schritte in Richtung Monokulturen gedämpft hat.

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    Menorca wird deutlich seltener angeflogen als die benachbarten Inseln und von Österreich aus im Linienflugverkehr nicht direkt. Iberia fliegt zumeist über Madrid, Austrian über Barcelona und Fly Niki über Palma de Mallorca; letztere zu vergleichsweise günstigen Preisen, dafür aber nur zweimal wöchentlich. Eine Alternative sind daher (vor allem für Mietwagenfahrer) die Fährverbindungen zwischen Alcúdia (Mallorca) und Ciutadella (Menorca) mit den Reedereien Balearia und Iscomar - elf- bzw. zwölfmal wöchentlich. Sie dauern zwischen einer und zweieinhalb Stunden, die Autofährverbindungen sind aber relativ teuer.

    Fahrpläne: www.directferries.at

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    Das Kerngebiet des menorquinischen Biosphärenreservats ist der Naturpark Albufera de Es Grau. Er bedeckt beinahe ein Zehntel der Landoberfläche und umfasst auch maritime Bereiche. In dieser Küstenlagune gelten die weitreichendsten Schutzbestimmungen, da hier 220 Vogel- und 1000 Pflanzenarten - rund 60 sind endemisch - vorkommen. Zudem befinden sich in diesem Gebiet die bedeutendsten prähistorischen Baudenkmäler - die sogenannten Taulas und Talayots - der Insel. Informationen findet man auf der offiziellen Tourismus-Site der Balearen: www.illesbalears.es oder auf der Seite der Inselverwaltung: www.emenorca.org.

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    Ein gemeinsames Projekt der Balearen ist die "grüne Karte" für Einheimische und Gäste, mit der man Ermäßigungen in über 900 Einrichtungen und auf die Tarife der öffentlichen Verkehrsmittel erhält. Sie ist 15 Tage gültig und kostet EURO 10, ein Teil des Erlöses wird für den Erhalt der Natur und des Kulturerbes verwendet. In Verbindung mit der Karte (die auch als Telefonwertkarte funktioniert) gibt es eine Hotline, die über "grüne" und touristische Themen informiert. www.targetaverda.com.

    Auf der Website des menorquinischen Hotelverbandes findet man auch Ferienhäuser, eine Suche nach ökologische Kriterien ist noch nicht möglich: www.visitmenorca.com.

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