Kleiner fischen

7. Juni 2009, 17:00
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Kleine Fischerboote holen weltweit ebenso viel Fisch aus dem Meer wie die großen schwimmenden Fischfabriken

Aber sie brauchen dafür um ein Vielfaches weniger Sprit - und fischen so, dass die Bestände sich erholen können - Georg Desrues über eine faszinierende Studie zur Rettung der Meere.

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Wenn es um Essen und Nachhaltigkeit geht, gibt es eine Regel, die eigentlich immer zutrifft: Was der Gesundheit guttut, ist auch für die Umwelt das Beste. So hat nicht nur Obst und Gemüse aus biologischem Anbau weniger Schadstoffrückstände, sondern auch der Boden, aus dem es stammt. Noch deutlicher wird es beim Fleisch: Wer seinen Fleischkonsum reduziert, tut nicht nur seinem Körper Gutes, sondern hilft gleichzeitig mit, den von der Viehwirtschaft verursachten CO2-Ausstoß zu verringern.

Leider gibt es für diese goldene Regel eine glamouröse Ausnahme: Fisch. Der ist zwar erwiesenermaßen gut für die Gesundheit, wird aber entweder derart überfischt, dass er schon in wenigen Jahren ausgestorben sein dürfte - oder in umweltschädigenden Farmen gezüchtet. Zwar gibt es auch nachhaltig produzierten Zuchtfisch - wie den Karpfen. Bloß wird dieser eben wesentlich weniger nachgefragt als angeblich edle Raubfische wie Lachs, Branzino oder Goldbrasse aus Aquakultur, die mit Tonnen an Fischmehl gemästet werden müssen.

Gleichgewicht der Natur

Es gibt aber auch solchen Fisch, der traditionell mit kleinen, Bestand und Umwelt schonenden Booten gejagt und gefangen wird. Den sollten wir essen, weil er mit Methoden gefischt wird, die das Gleichgewicht der Natur nicht annähernd so beeinträchtigen wie die großen schwimmenden Fischfabriken, die auf ihrem Beutezug durch die Meere nachhaltige Spuren der Verwüstung hinterlassen. Nur leider ist es nicht immer ganz einfach zu erkennen, ob der prächtige Fisch, der beim Fischhändler in der Vitrine liegt, nun mit einem großen, technisch hochgerüsteten, industriellen Boot gefangen wurde, das oft ganze Schwärme mit einem Fischzug ausrottet - oder mit einem kleinen, in Küstennähe operierenden Boot, das der Natur eine Chance lässt, sich selbst zu regenerieren. Das ist umso ärgerlicher, als eine kürzlich von der Universität British Columbia veröffentlichte Vergleichstudie der Kleinfischerei ein Zeugnis ausstellt, welches den industriellen Fischfang in allen Belangen schlecht aussehen lässt.

So haben die kanadischen Wissenschafter errechnet, dass bei weltweit ungefähr gleichen Fangmengen (!) die kleinen Boote - zu diesen zählt man solche bis 15 Meter - nicht nur fünfmal weniger Sprit verbrauchen, sondern auch mehr als zwanzigmal so vielen Menschen Arbeit bieten, dabei aber so gut wie keinen Beifang produzieren (zum Vergleich: die Großboote holen 35 Millionen Tonnen davon aus dem Meer) und für die Meeresfauna ungleich schonender agieren als die industrielle Konkurrenz.

"Das macht die Kleinfischerei zu unserer größten Hoffnung auf einen nachhaltigen Fischfang", erklärt Jennifer Jacquet, eine der Autorinnen der Studie. Einerseits tun sich kleinere Unternehmen naturgemäß schwerer, große Märkte zu erreichen, andererseits wird der industrielle Fischfang ganz massiv subventioniert. "Dadurch können die Schiffe der großen Fangflotten viel länger auf See bleiben, als sonst für sie rentabel wäre", sagt Jacquet, was wiederum erklärt, warum japanische Boote auf ihrer Jagd nach Tunfisch bis ins Mittelmeer gelangen oder russische Trawler vor den Küsten Afrikas fischen. All das rech-net sich lediglich deswegen, weil nicht nur ihr i i Treibstoffverbrauch mit Steuergeldern bezahlt wird, sondern schon ihre überdimensionierten Boote in staatlich gestützten Werften erzeugt werden.

Öko-Gütesiegel

Auch die bisher gebräuchlichen Kennzeichnungen oder Öko-Gütesiegel, die auf angeblich umweltfreundliche Fangmethoden hinweisen, schneiden in dem Bericht schlecht ab. Sie sind, so die Studie, zwar gut gemeint, kommen aber in erster Linie der industriellen Fischerei entgegen, da diese jene Märkte beliefert, die nach "Ökofisch" verlangen. Dadurch bleibt kleineren Betrieben gar keine andere Wahl, als sich auf weniger nachhaltige, gefährdete Sorten zu konzentrieren.

Zu allem Überdruss führen die Forscher ein erschreckendes Beispiel an, wonach die Mehrheit der italienischen Schleppnetzfischer zwar die EU-Subventionen für eine Umstellung auf schonende Fangmethoden eingestreift hat, tatsächlich und auf illegale Weise aber unverändert per Schleppnetz fischt wie bisher - die notwendige Kontrolle versagt.

Obwohl die kleinen Fischer pro Liter verbrauchten Treibstoffes viermal mehr fangen als die schwimmenden Fischfabriken, kassieren Letztere jährlich 187-mal mehr Förderungen für ihren Spritkonsum. Allein die weltweite Abschaffung der Treibstoffsubventionen (satte 6,3 Milliarden Dollar) würde die gesamte Weltflotte an Hochseeschleppnetzbooten auf einen Schlag unrentabel machen, was eine gewaltige Atempause für Riff- oder Meeresbodenbewohner und sonstige - salopp als "Beifang" gehandelte - Spezies bedeuten würde.

Verringerung des Konsums

Doch die Autoren der Studie gehen noch weiter und verlangen die gänzliche Abschaffung der staatlichen Hilfen für den Fischfang. Das würde zwar den Endverbraucherpreis erheblich anheben, aber auch die wahren Kosten widerspiegeln und somit zu einer Verringerung des Konsums führen. Das wäre - soweit man den kanadischen Wissenschaftern glauben kann - auch die einzige Möglichkeit, nicht nur das Überleben der Fischbestände zu garantieren, sondern auch jenes der von der Kleinfischerei abhängigen Bevölkerung.

Billiger Fisch ist - genau wie billiges Fleisch - also eine einzige Illusion. Das ist angesichts seiner gesundheitlichen Wirkungen eine ernüchternde Aussage, könnte aber wiederum dazu führen, dass jener Fisch, der an der Kassa bezahlbar bleibt, auch wirklich der ist, der nachhaltig gefangen wurde. (Georg Desrues/Der Standard/rondo/05/06/2009) 

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    Die Abschaffung der Treibstoffsubventionen würde die gesamte Weltflotte an Hochseeschleppnetzbooten auf einen Schlag unrentabel machen, was eine gewaltige Atempause für Riff- oder Meeresbodenbewohner bedeuten würde.

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    foto: der standard
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