Darf ich mich dazusetzen?

4. Juni 2009, 17:00
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Die Privatsphäre wird zum Allgemeingut - Oder: Die maritime Erfahrung beschränkt sich auf die Donaudampfschifffahrtskapitänskajütenschnalle

+++Pro
Von Ljubisa Tosiæ

Schauen Sie mörderisch. Riechen Sie komisch. Wirken Sie seltsam. Legen Sie eine Waffenattrappe auf den Tisch. Essen Sie mit Hammer und Sichel. Geben Sie irrwitzige Laute von sich. Sie zahlen dann vielleicht einen hohen Preis (Rausschmiss aus dem Lokal). Aber nur mit diesem Abschreckungsverhalten können Sie eine gewisse Hoffnung hegen, sich Tischpartner zu ersparen. Hilft auch das nicht, finden Sie sich einfach mit Gesellschaft ab. Denn schön ist es zwar, in der Öffentlichkeit allein zu sein, das Kaffeehaus als erweitertes Wohnzimmer zu genießen. Wer allerdings öffentliche Räume betritt, darf sich nichts erwarten - seine Privatsphäre wird zum Allgemeingut.

Und, was weiß man, vielleicht ist das dann der Beginn einer seltsamen Freundschaft. Wer sich nämlich trotz Ihres unmöglichen Benehmens zu Ihnen gesellt, der hat irgendwie an Ihnen einen Narren gefressen. Oder er hat in Ihrem irren Verhalten einen raren Seelenverwandten erblickt. Dann können Sie jedoch immer noch sagen: "Bitte zahlen, Herr Ober!"

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Contra---
Von Tanja Paar

"Schatzi, wo bist du denn? Ich bin gleich zu Haus, was gibt's denn zu essen?" Schlimm genug, dass wir derartige Gespräche in der Straßenbahn, im Büro und auf der Toilette mitanhören müssen. Die völlige Missachtung der Privatsphäre sollte jedoch wenigstens vor dem gemeinsamen Mahl mit unseren Liebsten Halt machen.

In diesem Zusammenhang muss ein genuin portugiesischer Brauch lobend hervorgehoben werden: In Lissabon käme kein anständiger Mensch auf die Idee, sich bei Unbekannten an den Tisch zu setzen. Sei es im Kaffeehaus oder im Fischrestaurant - auch wenn nur zwei einsame Gestalten an einer ausladenden Tafel speisen und kein anderer Platz mehr frei ist, der Respektabstand wird eisern eingehalten.

Vielleicht ist dieses schöne Benehmen dem Umstand zu verdanken, dass ein Seefahrervolk weiß, dass keiner ungestraft uneingeladen an Bord geht. Aber was ist dahingehend von einer Nation zu erwarten, deren maritime Erfahrung sich auf die Donaudampfschifffahrtskapitänskajütenschnalle beschränkt? (Der Standard/rondo/05/06/2009)

  • Das Kaffeehaus als erweitertes Wohnzimmer genießen.
    foto: der standard

    Das Kaffeehaus als erweitertes Wohnzimmer genießen.

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