Nur nicht umdrehen

6. Juni 2009, 17:00
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Ein ehemaliges Bleibergwerk im slowenischen Mezatal erfuhr eine originelle Nachnutzung - Horst Christoph war stollenbiken

"Lasciate ogni speranza voi ch'entrate - lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren." So steht es, laut Dantes Göttlicher Komödie, über dem Tor zum Inferno geschrieben, und diese Zeile fällt mir spontan ein, als unser slowenischer Guide Marko die schwere Tür zum Bergwerksstollen aufsperrt. Hier empfängt uns zunächst einmal Finsternis, erst langsam gewöhnen wir uns an den Schein der Stirnlampen, die über Boden, Wände und Decke huschen.

Die Temperatur ist von frühsommerlichen 25 Grad schlagartig auf nur neun plus gesunken, aber warm würde uns schon noch werden auf den bevorstehenden sieben unterirdischen Mountainbike-Kilometern, die jetzt vor uns liegen. Wir, das ist eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, die mit Christian Pongratz vom Sportcenter Klopeiner See und seinem Helfer "Schippi" Michael Schippel ins slowenische Mezatal gekommen ist. Hier, tief unter dem Wander- und Skigebiet der Petzen/Peca erstreckte sich einst eines der ergiebigsten Bleibergwerke der Donaumonarchie, 1918 slowenisch geworden, nach 1945 verstaatlicht, 1993, weil unrentabel, stillgelegt.

Neun Jahre danach hatten Christian Pongratz und sein slowenischer Freund Dusan Strucl die Idee, das Bergwerk touristisch zu erschließen, und begannen, zunächst mehr oder weniger unerlaubt, das unterirdische Reich mit Mountainbike und Stirnlampe zu erkunden. Was nicht ganz ungefährlich war, denn obwohl das Bergwerk bei dessen Schließung gesichert wurde, besteht es aus mehr als 1000 Kilometer Stollen und 300 Eingängen auf insgesamt 34 Ebenen. Davon wurde eine sieben Kilometer lange, mehr oder weniger ebene Strecke markiert, Abzweigungen wurden abgesperrt und die ehemaligen Grubengeleise zugeschüttet.

Wir sind 16 Personen, Frauen, Männer und Kinder, Kärntner, Wiener und Ungarn - das Abzählen ist wichtig, damit keiner verlorengeht. Unser Jüngster ist Philipp, gerade zehn Jahre alt und der Mutigste von allen; ich bin der Älteste und habe anfangs ein recht flaues Gefühl. Vor allem bereitet es mir zunächst Probleme, in dem nicht einmal zwei Meter breiten Stollen die Mitte zu halten. Immer wieder zieht mich ein Linksdrall gefährlich nah an die nur grob behauene Seitenwand. Aber Christian hat große Geduld, wir fahren als Letzte, und ich lerne schnell, nicht auf den Boden, sondern nach vorn zu schauen und die richtige Übersetzung zu wählen, die einen gleichmäßigen Tritt erlaubt.

Bevor wir losgefahren sind, hatte uns der Local Guide Marko Slapnik, der uns bei der Einfahrt mit dem Knappengruß "Glück auf!" empfangen hatte, eingeschärft, uns während der Fahrt ja nicht umzudrehen, da wir sonst mit Sicherheit stürzen würden. Wir sind fasziniert von den glitzernden Kalziten, die an den Wänden und Decken dieser Unterwelt auffunkeln.

Marko, der 30 Jahre als Knappe im Bergwerk gearbeitet hat, bevor er jetzt das Stollen-Biking mitbetreut, spricht perfekt Deutsch und kennt seine ehemalige Arbeitsstätte wie seine Westentasche. Bei ihm sind wir sicher, und er weiß auch viel über die harte und staubige Seite des Knappenlebens zu erzählen, als Kinder schuften mussten, weil sie klein und gelenkig waren und daher in den niedrigen Nebenstollen eingesetzt werden konnten.

Nach knapp zwei Stunden, immer wieder unterbrochen durch Markos Erklärungen, empfängt uns das Licht am Ende des Tunnels. Allein die Sinneseindrücke von Wärme, Farben, Duft und Geräuschen, die jetzt auf uns einströmen, machen das hinter uns liegende Erlebnis eindrucksvoll bewusst. Niemand von uns wird diese Fahrt durch den Stollen je vergessen.

Im Bergwerksmuseum in Mezica bewundern wir abschließend neben Mineralien und Landkarten auch eine Diaschau über Blumen, Schmetterlingen und seltenen Pilzen des Mezatales. Fotografiert hat das alles ein einheimischer Bergarbeiter, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Knappe in Österreich und Kanada gearbeitet hatte und im Alter mit einer teuren Hasselbladkamera in sein Tal zurückgekehrt war. Nach einem Leben in den finsteren Gruben der Fremde hat er sich die Freude gemacht, alle die oberirdischen Schönheiten seiner Heimat in leuchtenden Bildern zu feiern. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/5.6.2009)

  • Sieben Kilometer lang ist die Tour unter Tag, die Stollen sind zum Teil keine zwei Meter breit.
    foto: pongratz

    Sieben Kilometer lang ist die Tour unter Tag, die Stollen sind zum Teil keine zwei Meter breit.

  • Artikelbild
    foto: pongratz
  • Anreise & Unterkunft:
Mountainbiken im Bergwerksstollen. April bis November. Auf Anfrage jeden Do. und Sa. 9.00 und 13.00 Uhr geführte Touren. Leihräder, -helme und -stirnlampen.
Veranstalter: Christian Pongratz, Sportcenter Klopeiner See, A-9122, St. Kanzian, Ostuferstraße 9, Tel.: 04239-3245 oder 0676/3444 999.
 
    foto: pongratz

    Anreise & Unterkunft:

    Mountainbiken im Bergwerksstollen. April bis November. Auf Anfrage jeden Do. und Sa. 9.00 und 13.00 Uhr geführte Touren. Leihräder, -helme und -stirnlampen.

    Veranstalter: Christian Pongratz, Sportcenter Klopeiner See, A-9122, St. Kanzian, Ostuferstraße 9, Tel.: 04239-3245 oder 0676/3444 999.

     

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